Diese Kolumne feiert ihren ersten Geburtstag.
Gelegentlich haben manche von Ihnen zurückgeschrieben, in den Kommentaren oder per E-Mail. Jetzt bin vielleicht wieder ich an der Reihe zu antworten und Ihre Kommentare zu kommentieren.

An die unter Ihnen, die etwas Nettes zu sagen haben: zigtausend Dank!
An die unter Ihnen, denen so witzige Formulierungen einfallen: danke, dass Sie mich zum Lachen bringen!
An die unter Ihnen, die eine andere Meinung vertreten: Ich bin Ihnen dankbar, dass sie mir eine andere Perspektive ermöglichen.
An die unter Ihnen, die zu fiesen Mitteln greifen und mit Wikipedia- oder Google-Seiten beweisen wollen, dass sie recht haben: Wachen Sie auf!
An die unter Ihnen, die per Copy-and-paste aus absurden Internetquellen zitieren und behaupten, es handele sich um exakte Zitate aus meinem Buch: Sie sind auf dem besten Weg zum Literaturkritiker.
Und an die unter Ihnen, die alles absolut wörtlich nehmen, die immerzu hochintelligent und ernst sind: Dazu sage ich nichts, Sie drehen mir die Worte eh im Munde herum.

Davon abgesehen, vielen Dank an Sie alle, dass es Sie gibt!

Ich bin gerade in Deutschland. Um genau zu sein: in Berlin , im Adlon Kempinski . Obama war auch hier, sagen mir die Hotelangestellten, und ich bin so politisch korrekt, dass es fast unerträglich ist: Was immer Obama tut, das tue ich auch. Ja, wirklich. Ich betrete mein Hotelzimmer.

Als Amerikaner öffne ich als erstes instinktiv die Schublade und erwarte, das Buch Mormon darin zu finden. Bloß ist das hier Deutschland und nicht die USA . Hier hat man sich vermutlich gedacht: Religion ist Privatsache, da sollte man sich als Hotel nicht einmischen. Sehe ich ganz genauso.

Glücklich wie ein Baby öffne ich jede Schublade und jede Schranktür meines Zimmers.

Nirgendwo Mormonen, nur Joole. Joole hat die Form einer Cola- oder Bierdose, unter "Zutaten" ist der Inhalt aufgeführt: "Massage Gel, drei Latexkondome, ein Mini-Vibrator, ein Vibrator-Ring, eine Feder. Um Ihre Privatsphäre zu schützen, wird auf Ihrer Rechnung 'Minibar' oder ein anderer Code ohne weitere Einzelheiten erscheinen." Kostenpunkt: 25 Euro.

Man kann es kaufen, ohne dass es jemand erfährt. Wenn der Ehepartner fragt, sagt man: Das Buch Mormon.

Genial!

Ich frage mich, ob sich Obama ein Joole gekauft hat. Ich frage das Personal des Adlon, ob Obama im Hotel übernachtet hat: "Kein Kommentar", antworten sie. Alles muss ich selbst rauskriegen. Hier muss man Detektiv sein.

Aber als erstes muss ich ein bisschen trainieren, sonst werde ich wieder fett. In diesem Hotel gibt es sehr viel zu essen, die Süßigkeiten sind hervorragend, und wenn ich mich nicht unter Kontrolle habe, nehme ich pro Tag mindestens fünf Pfund zu. Gar nicht gut. Ich haste in den Fitnessraum.

Eine 60-jährige Dame, die versucht 16 zu sein, schwitzt auf dem Laufband. Der Anblick ist unvergesslich, aber noch besser sind Kekse. Nach weniger als fünf Minuten bin ich wieder draußen. Die Kekse in der Hotellobby lachen mich an und versprechen mir große Zärtlichkeit.

Ich sehe sie an, meine Geliebten, und frage mich, ob das Hotel auch ein Joole für die Zärtlichkeit zu Keksen im Angebot hat. Das wäre doch toll, oder? Ich könnte alles essen, was mein Bauch sich wünscht, ohne ein Gramm zuzulegen. Dafür würde ich 25 Euro zahlen!

Traurigerweise gibt es im Adlon kein Joole fürs Essen. Es könnte natürlich sein, dass andere Hotels in Berlin Joole-Essen haben. Ich beschließe, es auszuprobieren.

Doch als ich gerade hinausgehen will, wird im Eingang zum Adlon ein roter Teppich ausgerollt. Für mich? Leider nein.

Der rote Teppich ist für den Präsidenten von Kirgisistan bestimmt. Haben Sie je von Kirgisistan gehört? Das ist eine der ehemaligen Sowjetrepubliken.

Der Präsident kommt mit einer Delegation herein, gut 30 Männer in teuren Anzügen, einige haben goldene Einkaufstüten dabei. Das muss ein sehr reiches Land sein, dieses Kirgisistan, schließe ich daraus. Und mir kommt ein Gedanke: Wenn Kirgisistan hier ist, sollte ich vielleicht auch hier bleiben.

Heute ist Bahrain-Tag

Ich bin mir aber noch nicht sicher, ich muss die Sache weiter untersuchen. Ich stehe da und hoffe, Würdenträgern zu begegnen, als mich plötzlich eine coole Armbanduhr in der Auslage des Hotels anstarrt. Kostenpunkt? 20.700 Euro. So viel Geld habe ich nicht, aber ich würde mich freuen, wenn sie mir jemand zu Weihnachten schenkte.

(An die Kommentatoren: Erinnern Sie mich, oder sonst jemanden, bitte NICHT daran, dass ich kein Christ bin!)

Ich sehe mich um, in der Hoffnung, dass noch ein Präsident oder etwas in der Art hereinspaziert – vielleicht kauft er oder sie mir ja diese Uhr –, doch anstelle von Präsidenten kommt nur ein Haufen scheinbar gelangweilter Menschen vorbei. Das ist Die Linke und sie sind gekommen, um am benachbarten Brandenburger Tor zu demonstrieren. Sie halten rote Schilder hoch, auf denen nur ein Wort steht: "Nein."

Das Brandenburger Tor ist bestimmt schon ganz verwirrt. Vor ein paar Jahren liefen Leute mit Schildern, auf denen riesengroß "Ja" geschrieben stand, herum. Soviel kann ich Ihnen sagen, wenn ich das Brandenburger Tor wäre, würde ich die Leute anschreien: 'Entscheidet euch endlich: Ja oder Nein!' Aber dieses Tor kann nicht sprechen, zumindest keine Sprache, die ich verstehe.

Die Linke, erzählen mir Passanten, vermisst das Sowjetsystem. Die müssen Kirgisistan lieben.

(An die linksgerichteten Kommentatoren: Ganz ruhig, nicht persönlich werden!)

Während Die Linke weiter "Nein" ruft, klärt mich ein englischer Tourist mit dem neuesten iPhone darüber auf, dass Kirgisistan eines der ärmsten Länder der Welt ist. Ganz klar ein von Neid zerfressener Mann, der den Namen des reichen Kirgisistan beschmutzen will.

Der Tag vergeht und ich bleibe stundenlang draußen. Plötzlich kommt mir die allerbeste Idee: "Die Adlon-Diät". Es ist so einfach!

Man steht viele Stunden lang vor dem Adlon und beobachtet die Wesen, die vorbei gehen und lauter lustige Sachen machen. Dabei isst man nichts, trinkt nichts und setzt sich so gut wie nie hin. Keine Kalorien. Null. Man steht einfach nur da, amüsiert sich, und die Kalorien im Körper verflüchtigen sich in der kühlen Berliner Luft vor dem Adlon.

Probieren Sie es aus! Ich tu's. Und ich schwöre, es funktioniert.

Natürlich ist es nach so vielen Stunden Amüsier-Diät Zeit, etwas zu essen. Gibt es im Adlon noch etwas anderes als lachende Kekse?

Ich habe Glück, heute ist Bahrain-Tag im Adlon. Das beste Lamm, die besten Falafel und das beste Baklava, das man in der westlichen Welt bekommen kann. Alles bezahlt von der Demokratischen Republik Bahrain .

(An die Kommentatoren, vor allem die, die alles wörtlich nehmen: Korrigieren Sie mich nicht!)

Wie es der Brauch vorschreibt, muss ich mich, bevor ich mich auf diese himmlischen Köstlichkeiten aus Nahost stürze, ein bisschen mit dem Gastgeber unterhalten, Seiner Exzellenz dem Botschafter Ebrahim Abdulla.

Erzählen Sie mir von Bahrain!
"Bahrain ist eine Demokratie: Wir haben ein Parlament, einen Schura-Rat und Religionsfreiheit."

Wie viele Religionen gibt es denn?
"Es gibt Christen und es gibt Juden."

Juden?
"Unsere Botschafterin in den USA ist eine jüdische Dame."

Wie heißt sie?
"Nonoo."

Gibt es wirklich Juden in Bahrain?
"Ja."

Viele?
"Ja."

"Wie viele?"
"Insgesamt 30."

Wow.
Ich werde das Adlon nicht verlassen. Auf keinen Fall.

Ihnen allen ein frohes neues Jahr. Und schreiben Sie weiter: Freundliches, Böses oder irgendwas. Ich freue mich über alles!

Aus dem amerikanischen Englisch von Tobias Schnettler