Fett wie ein TurnschuhIch werde das Adlon nicht verlassen
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Heute ist Bahrain-Tag

Tuvia Tenenbom und der Botschafter Bahrains

Tuvia Tenenbom und der Botschafter Bahrains  |  © Isi Tenenbom

Ich bin mir aber noch nicht sicher, ich muss die Sache weiter untersuchen. Ich stehe da und hoffe, Würdenträgern zu begegnen, als mich plötzlich eine coole Armbanduhr in der Auslage des Hotels anstarrt. Kostenpunkt? 20.700 Euro. So viel Geld habe ich nicht, aber ich würde mich freuen, wenn sie mir jemand zu Weihnachten schenkte.

(An die Kommentatoren: Erinnern Sie mich, oder sonst jemanden, bitte NICHT daran, dass ich kein Christ bin!)

Ich sehe mich um, in der Hoffnung, dass noch ein Präsident oder etwas in der Art hereinspaziert – vielleicht kauft er oder sie mir ja diese Uhr –, doch anstelle von Präsidenten kommt nur ein Haufen scheinbar gelangweilter Menschen vorbei. Das ist Die Linke und sie sind gekommen, um am benachbarten Brandenburger Tor zu demonstrieren. Sie halten rote Schilder hoch, auf denen nur ein Wort steht: "Nein."

Das Brandenburger Tor ist bestimmt schon ganz verwirrt. Vor ein paar Jahren liefen Leute mit Schildern, auf denen riesengroß "Ja" geschrieben stand, herum. Soviel kann ich Ihnen sagen, wenn ich das Brandenburger Tor wäre, würde ich die Leute anschreien: 'Entscheidet euch endlich: Ja oder Nein!' Aber dieses Tor kann nicht sprechen, zumindest keine Sprache, die ich verstehe.

Die Linke, erzählen mir Passanten, vermisst das Sowjetsystem. Die müssen Kirgisistan lieben.

(An die linksgerichteten Kommentatoren: Ganz ruhig, nicht persönlich werden!)

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh".

Während Die Linke weiter "Nein" ruft, klärt mich ein englischer Tourist mit dem neuesten iPhone darüber auf, dass Kirgisistan eines der ärmsten Länder der Welt ist. Ganz klar ein von Neid zerfressener Mann, der den Namen des reichen Kirgisistan beschmutzen will.

Der Tag vergeht und ich bleibe stundenlang draußen. Plötzlich kommt mir die allerbeste Idee: "Die Adlon-Diät". Es ist so einfach!

Man steht viele Stunden lang vor dem Adlon und beobachtet die Wesen, die vorbei gehen und lauter lustige Sachen machen. Dabei isst man nichts, trinkt nichts und setzt sich so gut wie nie hin. Keine Kalorien. Null. Man steht einfach nur da, amüsiert sich, und die Kalorien im Körper verflüchtigen sich in der kühlen Berliner Luft vor dem Adlon.

Probieren Sie es aus! Ich tu's. Und ich schwöre, es funktioniert.

Natürlich ist es nach so vielen Stunden Amüsier-Diät Zeit, etwas zu essen. Gibt es im Adlon noch etwas anderes als lachende Kekse?

Ich habe Glück, heute ist Bahrain-Tag im Adlon. Das beste Lamm, die besten Falafel und das beste Baklava, das man in der westlichen Welt bekommen kann. Alles bezahlt von der Demokratischen Republik Bahrain .

(An die Kommentatoren, vor allem die, die alles wörtlich nehmen: Korrigieren Sie mich nicht!)

Wie es der Brauch vorschreibt, muss ich mich, bevor ich mich auf diese himmlischen Köstlichkeiten aus Nahost stürze, ein bisschen mit dem Gastgeber unterhalten, Seiner Exzellenz dem Botschafter Ebrahim Abdulla.

Erzählen Sie mir von Bahrain!
"Bahrain ist eine Demokratie: Wir haben ein Parlament, einen Schura-Rat und Religionsfreiheit."

Wie viele Religionen gibt es denn?
"Es gibt Christen und es gibt Juden."

Juden?
"Unsere Botschafterin in den USA ist eine jüdische Dame."

Wie heißt sie?
"Nonoo."

Gibt es wirklich Juden in Bahrain?
"Ja."

Viele?
"Ja."

"Wie viele?"
"Insgesamt 30."

Wow.
Ich werde das Adlon nicht verlassen. Auf keinen Fall.

Ihnen allen ein frohes neues Jahr. Und schreiben Sie weiter: Freundliches, Böses oder irgendwas. Ich freue mich über alles!

Aus dem amerikanischen Englisch von Tobias Schnettler

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Leserkommentare
  1. Was ich Ihnen uebelnehme, ich habe das Buch unzensiert auf englisch gelesen. Sie haben nicht das Centrum Judaicum in der Oranienburger Burger Strasse besucht. Warum? Mit dem Direktor bin ich verwandt. Auch dieses multi kubistische Mahnmahl haben Sie nicht besucht. Auf so einem klotz kann man auch seine Kekse essen. Ich bin auch so eine studierte dreisprachige dumme Blondine...ich esse keine Kekse, trinke nur Wein oder alles was man aus ihm machen kann und ....

    Eine Leserempfehlung
  2. ...darf ich bitte trotzdem den Kommentarbereich dazu nutzen, danke zu sagen für einen schmunzelproduzierenden Artikel mit guten, trockenem Humor ?

    Danke !

    (Vor allem, weil ich ÜBER Ihr Buch gelesen habe & daraufhin nicht gedacht hätte, mit ihnen noch lachen zu können.)

    9 Leserempfehlungen
    • Sauzahn
    • 28. Dezember 2012 17:20 Uhr

    Die Adlon Diät schein an- oder heißt das abzuschlagen? Hoffentlich hat der Essayist wenigstens große Füße sonst wird er beim nächsten Sturm weggeblasen.

    2 Leserempfehlungen
  3. 4. Wieso?

    Ich muss vorneweg sagen, dass ich kein großer Fan von Tuvia Tenenbom bin. Seitdem ich Auszüge aus seinem Buch sowie verschiedenen Interviews gelesen habe, ist mir dieser Mann leider unsympathisch.

    Mir blieb jedoch aus einem Interview (oder war es sein Buch?) ein Satz hängen: Er könne nicht verstehen wie wir Deutschen immer wieder auf Palästina, Israel und die Juden zu sprechen kämen - als gäbe es nichts anderes. Mir war das bisher noch gar nicht so aufgefallen.
    Nun lese ich diese Kolumne und auf was wird im letzten Abschnitt eingegangen? Richtig, das Thema Religion und insbesondere das Judentum.

    Vielleicht ist es Herr Tenenbom, der das Thema immer und immer wieder anschneidet und nicht wir Deutschen? Ich würde mal drüber nachdenken.

    7 Leserempfehlungen
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    • m.klein
    • 28. Dezember 2012 17:45 Uhr

    so wie ich das lese, ist die frage nach den juden in bahrein der dynamik des gesprächsverlaufs geschuldet und als aufhänger für ein witziges statement gebraucht. man kanns natürlich auch anders lesen.
    oder man stellt fest, dass wir gerade einen medialen religious turn erleben. das thema des islam wird seit jahren von den medien gepusht. und der nahostkonflikt tut sein übriges.

    • Rend
    • 28. Dezember 2012 17:40 Uhr

    Zugegeben.. der war überraschend witzig, wenn auch ein bisschen gezwungen übertrieben mit den Hinweisen.

    Frage mich nur gerade, wie viele Zigaretten man so durchschnittlich während einer Adlon-Diät in die Luft bläst.

    Eine Leserempfehlung
    • m.klein
    • 28. Dezember 2012 17:45 Uhr
    6. naja,

    so wie ich das lese, ist die frage nach den juden in bahrein der dynamik des gesprächsverlaufs geschuldet und als aufhänger für ein witziges statement gebraucht. man kanns natürlich auch anders lesen.
    oder man stellt fest, dass wir gerade einen medialen religious turn erleben. das thema des islam wird seit jahren von den medien gepusht. und der nahostkonflikt tut sein übriges.

    Antwort auf "Wieso?"
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    ... haben Sie Recht.
    Aber in jeder Kolumne von "Fett wie ein Turnschuh", wo es ja eigentlich um Ernährung und Sport gehen sollte (oder etwa nicht?), kommt mindestens einmal das Thema Religion auf den Tisch.
    Begegnet ihnen ständig das Thema Religion im Alltag? Mir nämlich nicht, so dass ich den Eindruck habe er spricht die Leute darauf bewusst an und möchte gewisse Antworten herausfordern.

  4. Es ist das gute Recht von Herrn Tenenbom "die" Deutschen und Deutschland nicht zu mögen und gehässige Bücher zu schreiben. Dafür nicht den geringsten Vorwurf.

    Aber es ist nicht statthaft, unsere (und seine) Zeit in einer Endlosschleife von Langeweile zu vergeuden. Deshalb ist jetzt ein geeigneter Moment, um diese Kolumne zu schliessen und einem anderen Autor eine Chance zu geben.

    Herrn Tenenbom gratuliere ich zu seinen Abnehm-Erfolgen und wünsche für seine Zukunft alles Gute.

    10 Leserempfehlungen
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    Langweilig oder stört man sich an irgendwas? Warum sonst hätte der Verfasser samt Empfehlern überhaupt bis zu den Kommentaren vordringen sollen? Niemand zwingt hier schließlich irgendwen zum Lesen der Kulumne.

  5. so gar nichts über Juden und Deutsche im Allgemeinen und natürlich auch nichts über angeblichen Antisemitismus im Besonderen zu schreiben ... und natürlich total witzisch zu sein.

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