1860 MünchenKommt ein Scheich nach Giesing...

Das erste arabische Investment in einen Bundesligaklub steht vor dem Aus. Die Überambitionen Hasan Ismaiks scheitern an einem renitenten Präsidenten und der 50+1-Regel. von 

Ein Jordanier in München: Hasan Ismaik zwischen dem 1860-Präsidenten Dieter Schneider (rechts) und dem damaligen Trainer Reiner Maurer auf einer Münchener Folkloreveranstaltung (Herbst 2011)

Ein Jordanier in München: Hasan Ismaik zwischen dem 1860-Präsidenten Dieter Schneider (rechts) und dem damaligen Trainer Reiner Maurer auf einer Münchener Folkloreveranstaltung (Herbst 2011)  |  © Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images

Kommt ein Scheich nach Giesing… So könnte ein guter Witz beginnen, doch nach Lachen ist den Verantwortlichen und Fans von 1860 München zurzeit nicht zumute. Nach Stand der Dinge dürfte das Pionierprojekt der Löwen scheitern: der erste deutsche Fußballverein sein, der mit einem arabischen Investor nach oben kommt.

Am Montagabend verließ Hasan Ismaik, Münchens jordanischer Geldgeber, die vierstündige Krisensitzung des Zweitligaklubs mit der Ankündigung, den Geldhahn zuzudrehen und wütenden Worten: "Ich kann mit diesen Leuten nicht mehr zusammenarbeiten." Gemeint waren der Vorstand von 1860 München, die Geschäftsführung und Teile des Aufsichtsrats.

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Der Geschäftsmann und Multimillionär Ismaik hatte im Mai 2011 die verschuldeten Sechziger vor der Insolvenz gerettet. Er übernahm für 18,4 Millionen Euro 60 Prozent der Aktien der TSV 1860 KGaA, die dem Verein ausgegliederte Kapitalgesellschaft der Profiabteilung. Inzwischen soll er angeblich rund 27,5 Millionen zugeschossen haben. Der Businessplan sah für die Zukunft weitere Finanzspritzen vor. Ismaiks Ziele waren Bundesliga und Champions League. Er wolle 1860 "auf eine Stufe mit dem FC Barcelona stellen", sagte er bei seinem Antritt.

Doch Ismaik hat sich verrechnet. Oder er war schlecht informiert, denn er sah sich mit der sogenannten 50+1-Regel der Deutschen Fußball Liga (DFL) konfrontiert. Sie soll gewährleisten, dass die Entscheidungsmacht beim Verein bleibt. So soll verhindert werden, dass der deutsche Fußball zum Spielball fremder Milliardäre wird. Die Regel ist eine deutsche Besonderheit, galt im Ausland lange als bieder und Hemmnis deutscher Teams im internationalen Wettbewerb. Inzwischen beneiden manche die Bundesliga um sie, die Erfahrungen in England und Spanien mit Investoren sind nicht überall gut.

Weil Ismaik folglich nur einen Stimmanteil von 49 Prozent erwerben durfte, versuchte er es anders. Entgegen der Regeln nahm Ismaik Einfluss auf die Vereinspolitik oder versuchte es zumindest: Er verordnete eine Abkehr vom Sparkurs, wollte den demokratisch gewählten Präsidenten Dieter Schneider absetzen und den Trainer bestimmen. So wurde Sven-Göran Eriksson, der prominente und teure ehemalige Nationaltrainer Englands, in diesem Herbst auf deutschen Zweitligatribünen gesehen.

Ismaik polterte meist öffentlich und plump, setzte die Vereinsgremien mit seinem Geld unter Druck. Damit ließ er der Führung um Dieter Schneider fast keine andere Chance, als seine Vorschläge abzulehnen. Großes Interesse an seiner Mannschaft zeigte er nicht, Ismaik war zuletzt vor acht Monaten in München gewesen, ließ sich in der Zwischenzeit von Platzhaltern vertreten. Die Entwicklung des Teams empfand er als zu langsam. Sie liegt auf Platz sechs, hat nur geringe Chancen auf einen Aufstieg.

Leserkommentare
    • ertz111
    • 09. Januar 2013 17:13 Uhr

    Der soll mal mit Herrn Hopp reden und sich erklären lassen wie man das macht. So plump kann man es halt nicht machen. Wenn er allerdings 15000 IT Arbeitsplätze in der Region schafft und überall Geld für Jugendfußball und andere Dinge (mit Geld) unterstützt und ein paar Firmen rettet, so wie Herr Hopp dann darf er auch mit nur 49% bestimmen (nur offiziell nicht).

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    Ich bin auch kein Freund von Hopps Einmischungen ins Tagesgeschäft. Allerdings gibt es einen riesigen Unterschied. Hopp hat das Geld nicht als Kredit an Hoffenheim vergeben. Herr Ismaik hat bisher nur Kredite vergeben und verlangt dafür die komplette Kontrolle. Zudem hat er sich geweigert Sicherheiten zu hinterlegen. Damit stiegen einfach nur die Schulden von 1860. Klar die Konditionen sind für nen Kredit super, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es Kredite sind, die irgendwann zurückgezahlt werden müssen. Dafür braucht man keine Firmen retten oder sonst was. Wenn die Investitionen sicher, die Ansprüche nicht zu plump und dreist sind, wächst auch die Macht. Bei Hopp ging das ja auch über Jahre.

  1. Ich bin auch kein Freund von Hopps Einmischungen ins Tagesgeschäft. Allerdings gibt es einen riesigen Unterschied. Hopp hat das Geld nicht als Kredit an Hoffenheim vergeben. Herr Ismaik hat bisher nur Kredite vergeben und verlangt dafür die komplette Kontrolle. Zudem hat er sich geweigert Sicherheiten zu hinterlegen. Damit stiegen einfach nur die Schulden von 1860. Klar die Konditionen sind für nen Kredit super, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es Kredite sind, die irgendwann zurückgezahlt werden müssen. Dafür braucht man keine Firmen retten oder sonst was. Wenn die Investitionen sicher, die Ansprüche nicht zu plump und dreist sind, wächst auch die Macht. Bei Hopp ging das ja auch über Jahre.

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    • Voce
    • 09. Januar 2013 18:27 Uhr

    wenn die Chemie der Partner nicht stimmt, dann wird es auch nichts mit dem Geschäft. Und offensichtlich verstehen sich Ismaik und Schneider überhaupt nicht.

    Acht Monate Abenwesenheit des Geldgebers von München haben nichts zu sagen. Schneider konnte in der Zwischenzeit beweisen, was er drauf hat. Allerdings aus Sicht des Geldgebers anscheinend nicht genug und die bisherige "Erfolgsbilanz" spricht auch deutlich gegen Schneider.

  2. Seit meiner frühesten Kindheit bin ich Fan vom TSV. Ich habe sie fast ausschliesslich in der Bayernliga spielen sehen dürfen (dieser Traditionsverein ist in der BL schon fast versauert, diese Schule haben sie also schon hinter sich gebracht!). Sie hatten damals das 10 bis 50 fache von Etat im Vergleich zu anderen Bayernligavereinen. Heckl, Wildmoser haben Unsummen in diesen Verein gesteckt. Fast jede Art von Trainer oder "Trainer" hat bei den Sechzgern in den letzten 40 Jahren trainiert... Nein, ich bin mir nicht sicher ob die Löwen es jemals wieder schaffen werden. Egal ob von "Investoren" aufgeblasen oder nach einem "geordneten Neuanfang" - in der Führung vom TSV waren niemals Profis beschäftigt; nur geltungssüchtige (und ahnungslose Geldgeber).
    Bitter, seit jeher musste man sich als Löwen Fan verarschen lassen. Man hat's geschluckt und darauf gewartet, das sich die Dinge zum besseren ändern - es gab ein herrliches Zwischenhoch & dann kam der tiefe Fall, und sie können leider noch viel, viel tiefer fallen!
    Die echten Fans sind auf jeden Fall mehr als nur leidgeprüft. Ich wurde schon oft gefragt ob ich masochistisch veranlangt wäre, weil ich diesem Verein treu bleibe...

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  3. Fussball sollte kein Investment sein. Kein Spielzeug von nach Investitionen suchenden Scheichs mit ihren Petrodollarn.

    Soll er doch sein Geld nehmen und in Jordanien eine ordentliche Liga aufbauen.

    Die 50+1 Regel ist super und bewahrt uns eine von Fans und Sponsorengeldern finanzierte, gesunde Fussballliga.

    Würde mein verein sich mit einem Scheich einlassen, würde ich mir sofort enen anderen suchen. Auch wenns weh tut!

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    • match
    • 11. Januar 2013 12:31 Uhr

    Es ist doch im Grunde kaum noch sportlicher Wettbewerb zwischen den Vereinen möglch. Das ist die Schuld ungleicher Investitionen ob nun von vielen ehemaligen Stattskonzernen oder einer Person spielt eine eher untergeordnete Rolle. Fussballspiele von stark finanzierten Mannschaften wie ManCity, Schalke 04, FCB, PSG, Chelsea usw. lehne ich grundsätzlich ab. Selbst wenn sich im CL Finale zwei artifizielle Clubs wie Bayern und Chelsea gegenüberstehen schau ich mir den Schmarn nicht an.

    • quax74
    • 09. Januar 2013 19:20 Uhr

    ... irgendwie Opel des Fußballs. Mal schaung, ob Uli sie diesmal retten darf.

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  4. Der Rückzug Ismaiks war absehbar und unvermeidlich. 1860 hatte vor 2 Jahren keine andere Wahl, als ihn mit ins Boot zu nehmen, obwohl schon damals seine Realitätsferne erkennbar war. "Auf einer Stufe mit Barcelona", was für ein Witz. Was sollte ein Bauunternehmer aus Jordanien aber schon von einem Verein wie 1860, seinen Strukturen, seiner Tradition und seiner Vereinskultur wissen? Er hatte ja nicht einmal jemanden in seinem Umfeld, der ihm die 50+1-Regel erklären konnte. Ihm ging es nur um ein Spielzeug und seine Eitelkeit. Schließlich hatte er es zu Hause mit Spezln zu tun, die mit ManCity als Freizeitvergnügen aufwarten konnten. Am Ende scheiterte die Komödie nicht nur an solch kruden Vorschlägen wie dem "geilen Sven", sondern vor allem auch an interkulturellen Missverständnissen. Ismaik fühlt sich nun offensichtlich "entmannt".

    Es würde mich nicht wundern, wenn man nun im Vorstand bei 60 froh ist, Ismaik los zu werden. Dies muss bei Leibe nicht der Untergang sein. Ismaik hat den Totalabsturz vor 2 Jahre verhindert. Mit klugem Management - was allerdings ein neues Phänomen für diesen Verein wäre - hat man mit "Plan B" durchaus die Möglichkeit, sich langfristig im Mittelfeld der 2. Liga zu halten. Der böse Uli H. wird sicherlich geräuschlos im Hintergrund behilflich sein (z. B. Stadionmiete), beim Catering war er's schon. Auch als Bayernfan betrauert man allerdings den Niedergang der Blauen. Ein Derby in der Bundesliga wäre wunderbar, ist aber ferner denn je.

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