Rechtsextreme FußballfansNazis sind gefährlicher als Nacktkontrollen

Die Aachen Ultras haben sich aufgelöst, weil sie von Rechtsextremen gejagt wurden. Nun braucht es unter Fans einen ähnlichen Aufschrei wie Ende des Jahres. von 

Aachen-Fans und Banner der Karlsbande bei einem Zweitligaspiel im August 2010

Aachen-Fans und Banner der Karlsbande bei einem Zweitligaspiel im August 2010  |  © Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Was hat die Fanszene Ende vergangenen Jahres nicht alles auf die Beine gestellt: Demonstrationen, kreativen Protest, einen landesweiten Stimmungsboykott. Dabei ging es nie ums große Ganze, wie die organisierten Fans immer behaupteten, sondern streng genommen nur um Kleinigkeiten: Wer bei Auswärtsspielen wie viele Karten bekommt, solche Sachen. Jetzt geht es um mehr.

Die Fangruppierung "Aachen Ultras" (ACU) hat sich am Wochenende aufgelöst. Die linksorientierte ACU, die sich dem Kampf gegen Rassismus, Faschismus und Homophobie verschrieben hat, wird nicht mehr die Spiele ihrer Alemannia besuchen, weil sie von Anhängern der Aachener "Karlsbande" aus der Kurve gedrängt wurde. Das gab es noch nie. Immer wieder wurden ACU-Ultras von Mitgliedern der "Karlsbande", die sich als unpolitisch darstellt, aber auch NPD-Kadern ein Zuhause gibt, bedroht, gejagt und verprügelt. Damit geht ein wichtiges Korrektiv der Aachner Fanszene verloren.

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Nun ist es Zeit für einen Aufschrei, am Besten gleich zum Rückrundenauftakt der Bundesliga am Wochenende. Es braucht Demonstrationen, Boykotte, Proteste, Solidaritätsbekundungen an die Adresse der ACU. Nicht nur, weil jeder rechtsextreme Dummkopf in einem Fußballstadion einer zu viel ist. Sondern auch, weil die Fans erkennen müssen, dass Rechte in den Kurven derzeit ihr größtes Problem sind. Es ist so groß, dass die Existenz der Ultrabewegung auf dem Spiel steht. Nazis sind gefährlicher als Nacktkontrollen.

Christian Spiller
Christian Spiller

Christian Spiller ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Nicht nur in Aachen, auch in Braunschweig, Dortmund, Düsseldorf und anderswo mischt sich die rechte Szene ins Stadion. Neonazis entdecken die Kurven wieder für sich, zeigen sich, rekrutieren oder verbreiten dreist ihre Parolen wie zum Saisonbeginn Anhänger von Borussia Dortmund, die mittels Spruchband Unterstützung mit einer verbotenen, rechtsextremen Gruppierung zeigten.

Natürlich ist es nicht allein Aufgabe der organisierten Fans, das Problem anzugehen. Auch die Politik, Polizei, Verbände und Vereine sind gefordert. Vor allem letztere agieren bis jetzt oft noch hilflos bis ignorant. Doch die Fans haben im Dezember gezeigt, welche Macht sie haben, welche Wirkung sie medial erzielen können.

Etwa 250 Ultras aus ganz Deutschland waren am Wochenende zum symbolischen letzten Auftritt der ACU ins Kölner Flughafenstadion gekommen. Doch das reicht nicht aus. Noch ist die Solidarität mit rechten Fußballfans viel größer, als sie sein dürfte. Zu oft schauen Fans noch weg, nach dem Motto: "Die waren doch schon immer da. Und die wollen wie wir doch nur Fußball gucken." Eine Einstellung, die auch auf den Haupttribünen dieses Landes mehrheitsfähig sein könnte.

Im Vergleich zu den großen Ligen Europas, zu England und Spanien, haben die Fans in den Kurven hierzulande noch immer einen großen Freiraum. Wollen sie den nicht verlieren, müssen sie gegen Rechtsextreme in ihren Reihen vorgehen, die genau diese Freiheiten missbrauchen. Sonst werden irgendwann Vereine und Liga eingreifen und mit ihren Maßnahmen alle Fans treffen.

Spätestens dann wird wieder fleißig demonstriert werden. Aber dann könnte es zu spät sein.
 

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Leserkommentare
    • deDude
    • 15. Januar 2013 9:11 Uhr

    ob es sich bei "Gewalt" um Gewalt gegen Dinge oder Gewalt gegen Menschen handelt. Ich befürworte sicher keine brennenden Autos oder eingeworfene Schaufensterscheiben, aber wenn ich wählen muss zwischen Sachschaden und Personenschaden ziehe ich doch lieber den Sachschaden vor.

    Antwort auf "@ de Dude"
  1. Es ist klasse. Wieder mal sind die Fans dran, sie sollen gegen die Nazis vorgehen.

    Lieber Herr Spiller, die Fans tun das in vielen Kurven seit langem. Die St.Paulianer tun es, die Münchner tun es, Die Aachener haben es versucht und sind gescheitert, weil die Unterstützung von Verein, Politik und Polizei fehlte.

    Das antifaschistische (und anti-homophobe, anti-fremdenfeindliche, und so weiter) Engagement findet ohne Unterstützung der Vereine und Verbände statt. Und ohne Beachtung der Medien. Sagt Ihnen "Kurt Landauer Turnier" was? Ist natürlich von der bösen bösen Schickeria. Den "sogenannten Fans".

    Und jetzt, wo das Problem nicht mehr wegzudiskutieen ist, sollen wieder die Fans in der Pflicht sein? Nachdem Politik, Verband, Vereine, Polizei und auch Presse (ja, zu denen gehören auch Sie, Herr Spiller) nichts anderes zu tun hatten als ein angebliches Fan-und Gewaltproblem herbeizureden, Ultras und Pyrotechnik-Befürworter mit Gewaltverbrechern gleichzusetzen, und so weiter?

    Sie wollen mich wohl veräppeln?

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  2. "Nicht nur in Aachen, auch in Braunschweig, Dortmund, Düsseldorf und anderswo mischt sich die rechte Szene ins Stadion."

    Nicht jeder kennt sich mit allen Fanszenen aus aber jeder der ein wenig Ahnung von Fortuna Düsseldorf ist, weiß das die Fans "links" orientiert sind.

    http://www.derwesten.de/sport/fussball/fortuna/neonazis-sind-bei-fortuna...

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  3. Fanwiderstand gegen Nazis, die sich in den Kurven einnisten? Richtig, das sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Ist es aber leider nicht. Die meisten Fußballzuschauer betrachten ein Bundesligaspiel mittlerweile als ein Event, dass sie ungestört verfolgen wollen. Stellung gegen rechts zu beziehen? Warum denn, man hat doch Eintritt bezahlt.
    Auch die meisten Vereine schauen lieber weg, als sich ihr eigenes Produkt schlecht zu reden. Erst wenn der braune Mist nicht mehr zu übersehen ist, wird reagiert. Nur dann ist es schon viel zu spät.
    Das Erstarken von Nazis in den Kurven wird dadurch begünstigt, dass viele Ordner erkennbar der rechten Szene zugehörig sind. Beispiele: Dresden, Braunschweig oder sogar Aue, wo zumindest eine Zeitlang Angehörige der dort eigentlich verhassten Chemnitzer Nazi-Hool-Truppe Hoonara für Ordnung sorgen sollten.
    Setzen sich Fans zur Wehr, bekommen sie es oft genug auch noch mit der Polizei zu tun - wie beim Spiel der Aachener bei Victoria Köln zu beobachten, als die Ordnungskräfte nicht etwa gegen die rassistischen Störer der Karlsbande einschritten, sondern auf die ACU losgingen. Das ist kein Einzelfall, man kann sich als regelmäßiger Stadionbesucher kaum des Eindrucks erwehren, als hätte sich die Bereitschaftspolizei in vielen Bundesländern insbesondere antifaschistische und antirassistische Fangruppen als Hauptfeinde auserkoren.
    Wenn Öffentlichkeit und Vereine nicht ganz schnell umdenken, wird in Deutschland noch manche Kurve nach rechts kippen.

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    • TSChris
    • 16. Januar 2013 12:31 Uhr

    Oft wird jetzt gesagt, daß vor den Nazis in Aachen kapituliert wird. Nein, es wurde zu Recht eine Konsequenz aus der fehlenden Unterstützung gegen Nazis im Fußball gezogen.Im Grunde hat hier bereits "Diamondback" bereits alles zutreffend ausgedrückt! In einer Zeit, in dem immer öfter von einer notwendigen Zivil-Courage innerhalb der Gesellschaft – also auch im Sport – gegenüber Rechtsextremismus und Rassismus die Rede ist, zeigt sich, dass die Realität in diesem Land diesbezüglich einfach nur beschämend und verlogen ist. Noch immer werden jene, die sich gegen Nazis und Rassisten engagieren (innerhalb oder außerhalb des Stadions), kaum oder nennenswert unterstützt. In Köln wurde noch ein mal deutlich, in welch unterschiedlicher Weise die Ignoranz zum Thema Nazis&Rassismus in Fan-Strukturen vorhanden ist, bzw wie sehr all jene dafür auch noch bestraft werden, die gegen diese Entwicklung sich engagieren und positionieren. Die mannschaft aus Aachen ignoriert die eigenen Anhänger nach dem Spiel und lässt sich von dem Teil der "Fans" feiern, die mit Nazis im Block kein Problem haben. Und dann das Verhalten der Polizei: als sich verständlicher Weise auf der anderen Seite der Unmut gegen den Angriff von rechten Ultras regt, griff die Polizei den Block der ACU-Anhänger mit Schlagstöcken und Pfeffer an. Währenddessen konnten sich die rechten KBU-Anhänger und viele andere gleichgültige Aachen-Fans ungehindert wieder dem Spielgeschehen zuwenden. Das (!) ist Realität in Deutschland.

  4. 30. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/kvk

    Antwort auf "Genau"
  5. Ich finde es unverschämt, wie sie hier rechtsradikale Verbrechen verwenden, um linksradikale Verbrechen zu verharmlosen. Politische Gewalt ist einfach falsch und wer dies anders sieht, der darf mich gerne als seinen politischen Gegner betrachten, weil ich genau das bin.

    Antwort auf "Standardprozedur..."
  6. Stellungnahme zu den Geschehnissen in der Nacht von Freitag auf Samstag.

    Aachen. In der Nacht von Freitag auf Samstag traf sich unsere Gruppe (12 Mann, dadrunter Frauen und Kinder) um 02:15 Uhr im Innenraum des Aachener Hauptbahnhofes. Kurzer Hand entschied man sich die verbleibende Zeit bis zur Abfahrt auf dem Vorplatz zu verbringen, da wir einige Raucher dabei hatten.
    Nachdem man die Sachen aus dem Bahnhof auf dem Vorplatz getragen hatte, konnte man beobachten das 50 Meter von uns eine Gruppe von ca. 30-40 Mann komplett in schwarz gekleidet den Weg in unsere Richtung suchten. Als diese bei uns waren, wurden wir von den vermummten Personen eingekesselt und körperlich angegriffen. Es interessierte sie dabei nicht, dass Frauen und Kinder unter uns waren. Man beleidigte uns und unsere Sachen wurden durch den Bahnhof getreten. Dabei handelte es sich zum größten Teil um Personen der Gruppe Aachen Ultras sowie um linke Autonome. Wieso man Opfer von linker Gewalt wurde können wir uns, sowie die Aachener Bundespolizei nicht erklären. Traurig wie es mittlerweile in Aachen zu geht, das normale Fangruppen die sich nicht mit den Aachen Ultras solidarisieren, als Nazis beschimpft und angegriffen werden. Anzeige wurde von der Aachener Bundespolizei aufgenommen. Es entstand ein Sachschaden von ca. 500€.

    Chaotic Boys Aachen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Borussia Dortmund | Bundesliga | Demonstration | Faschismus | Protest | Rassismus
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