Vendée GlobeDer Extremsegler, den das Pech verfolgt
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Notfall contra Regelwerk

Die Spitzengruppe hatte um den 20. Dezember herum die unendliche Wasserwüste des Pazifischen Ozeans erreicht. Ein wettertechnisches Minenfeld. Der Kurs führte nicht an den Traumstränden Hawaiis vorbei, sondern zwang das Feld in die ruppigste Seegegend des Planeten, nahe der Antarktis, hart an der Eisgrenze, rund 700 Kilometer südlich von Tasmanien.

Das Desaster beim Kerguelen-Archipel vor vier Jahren mag Stamms Verhalten an jedem Tag erklären: "Meine Spritreserven gehen zur Neige und die Batterien laden nicht mehr. Deshalb wird es immer schwieriger für mich, den Autopiloten zu nutzen und Wetterberichte vom Computer zu bekommen", berichtete er von Bord. Eine effiziente Reparatur beider Hydrogeneratoren war unabdingbar, ein Stopp unausweichlich. Stamm erreichte in der Dunkelheit die Sandy Bay, eine Bucht im Norden der Auckland Islands und wartete bis zum Morgen, um sicher vor Anker zu gehen.

Im Morgendunst machte er eine Entdeckung: Das russische Forschungsschiff Professeur Khomorov ankerte in Sichtweite. Der Schweizer brach am 23. Dezember um 4.35 Uhr die Plomben an der Maschine, startete und vollzog das erforderliche Ankermanöver. Kaum hatte er seinen Anker gesetzt, wurden die dringenden Arbeiten durch eine weitere Verschlechterung des Wetters enorm behindert. Schwere Böen setzten ein. Der Anker verlor an Halt, seine Cheminées Poujoulat trieb rasch auf das russische Forschungsschiff zu. Eine Kollision drohte.

Stamm kontaktierte sofort per Funk die Besatzung. Diese schlug vor, seine Open 60 am Motorschiff festzumachen. Eine eindeutige Notfallsituation – eine sichere Lösung. Stamm stimmte zu. Da er sich unter Deck befand, bemerkte er die nahende Hilfe nicht. Ein Russe setzte per Gummiboot zu seinem Schiff über, betrat unbemerkt das Deck und begann am Bug den Anker aufzuholen, was dem strengen, gnadenlosen Reglement der Vendée Globe widersprach: "Wer im Rennen bleiben will, darf das Festland nicht betreten und auch keine fremde Hilfe annehmen." Aber die Wissenschaftler und Seeleute interessierten sich in dieser Notsituation nicht für das Regelwerk.

Er musste Diesel bunkern, was einer Aufgabe des Rennens gleichkam

Die Aktion in der Sandy Bay blieb unbeobachtet, doch der Soloskipper meldete den Notfall der Rennleitung: "Ich entschied, diese Person nicht aufzufordern, das Boot zu verlassen, weil ich keinen Grund dafür sah." Im fernen Les Sables, Frankreich, wertete die Wettfahrleitung den von Stamm zur Verfügung gestellten Rapport als einen klaren Verstoß gegen das Reglement. Stamm wurde disqualifiziert, die Jury gab dem Skipper aber eine Gnadenfrist von 24 Stunden, um den Fall noch einmal darzustellen.

Eine Welle der Solidarität für Stamm wurde gegen diese Entscheidung losgetreten. Drei Mal noch zwang ihn zudem das stürmische Wetter, seine Ankerplätze zu wechseln. Trotz der haarsträubenden Widrigkeiten gelang ihm die Reparatur der Generatoren.

Am 29. Dezember 2012 nahm Stamm das Rennen wieder auf. Als er den Reparaturstopp einlegte, lag er auf Rang fünf, nun auf Platz zehn, dazu kamen 2.000 zusätzliche Seemeilen Rückstand. Am gleichen Tag übermittelte er der Jury noch einmal seine Stellungnahme. Auf seiner Website machte er deutlich: "Ich glaube, dass ich mich im Sinne des Rennens und der Sicherheit richtig verhalten habe. Ich denke, dass die Jury den Kontext der Situation nicht richtig bewertet hat und werde ein Reopening beantragen."

Stamm segelte weiter, mit einer gehörigen Portion Ungewissheit. Und das Auf und Ab der Gefühle nahm kein Ende: Der Segler befand sich nur noch rund 1.000 Meilen vom Kap Hoorn entfernt, da kollidierte seine Jacht mit einem unbekannten schwimmenden Objekt. Der linke Hydrogenerator, gerade mühseligst repariert, wurde weggerissen. Der zweite irreparabel beschädigt. Weil Stamm seinen Dieselvorrat aufgebraucht hatte, verfügte er praktisch über keine Energie mehr an Bord. Ohne Strom geht auf einer Hightech-Jacht nichts. Er musste Diesel bunkern, was einer Aufgabe des Rennens gleichkam.

Bernard Stamm war damit zum dritten Mal nacheinander bei der Vendée Globe gescheitert. Obendrein wurde sein Einspruch von der Jury abgelehnt.

Nun bleibt ihm nur noch eine heroische Wahrung der eigenen Seglerehre: "Ich habe meine Moral nicht verloren. Der Mast ist nicht gefallen, ich habe den Kiel nicht verloren", sagt Stamm mit etwas Galgenhumor. Inoffiziell liegt er aktuell auf Platz sieben. Für ihn geht es ums Ankommen. Aus einer Weltumsegelung kann man ja nicht einfach aussteigen.
 

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Leserkommentare
  1. Eine Großartige Leistung aller Teilnehmer, 80-110 Tage allein Auf See, Schwerstarbeit um die 60 Fuß Bestie durch Wind und Wetter zu bändigen, kaum Schlaf... wirklich Beeindruckend.

    Faszinierend fand ich auch, dass die beiden Führenden sich bis Kap Horn immer wieder bis auf Sichtweite näherten. Abwechselnde Führung und Aufholjagd sorgten stets für ein spannendes verfolgen des Rennens auch vom Schreibtisch aus.

    Begeistert bin ich auf von den High-Tech Rennmaschinen der Open 60. Dass bei bis zu 570m^2 Segelfäche und 25kn Speed gewaltige Kräfte am Werk sind, welche eine große Herausforderung für die Bootskonstrukteure darstellen, ist klar, dennoch bin ich von den Schwenkkielen enttäuscht. 10% Ausfall (bislang 2 von 20), denen der Kiel abgebrochen ist, deutet auf einen schweren Rechenfehler in der dynamischen Festigkeitsberechnung und/oder einem Fehler im Reglement hin.
    Der Kiel, welcher die Hälfte der Gesamtmasse ausmacht, ist für die Stabilität eines Segelbootes, und somit für seine Sicherheit unabdingbar.
    Eine Kenterung auf Hoher See, weil ein Hauptbestandteil des Bootes unterdimensioniert war, halte ich nicht für tragbar. Ich erwarte mir bis zur nächsten Vendée Globe eine Lösung diese Problems.

    Daher wünsche ich besonders Jean Pierre Dick noch alles Gute, er ist nun seit einigen Tagen ohne Kiel unterwegs und ich hoffe er kann die letzten 1100 NM sicher hinter sich bringen.

  2. ...vor diesen Seglern. Ich bin kein Segler, aber total fasziniert von diesem Rennen.
    Mir fällt nur ein Wort ein:
    Elementar!

    Gutes Ankommen vor allem für Jean Pierre dick, dessen Boot den Kiel verloren hat.

  3. ... Und Armel! Es war superspannend, was die beiden geleistet haben. Sichere Heimkehr für die, die noch mit Wind, Wellen und technischen Problemen kämpfen. Besonders dem "kiellosen" Jean-Pierre Dick alles Gute!

  4. ...der dritte ist angekommen.
    Guten Wind für die anderen unterwegs.

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  • Schlagworte Rolex | Frankreich | Schweiz | Antarktis | Kap Hoorn | Tasmanien
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