Vendée GlobeDer Extremsegler, den das Pech verfolgt

Zahnschmerzen auf hoher See, kaputte Generatoren und eine Kollision: Bernard Stamm, einer der besten Segler der Welt, muss auch bei seiner dritten Weltumsegelung leiden. von Johannes K. Soyener

Der Skipper Bernard Stamm

Der Skipper Bernard Stamm  |  © Charles Platiau

Eine halbe Million Segelfans erwarten am Sonntagmorgen in Frankreich die Ankunft des Gewinners der Vendée Globe, der härtesten Solo-Regatta rund um die Welt. Wahrscheinlich wird der junge Franzose Francois Gabart gewinnen. Doch weil es nicht immer die Sieger sind, die faszinieren, sondern vor allem jene Menschen, die Ungerechtigkeiten wegstecken und nie aufgeben, blickt die Segelwelt schon seit 77 Tagen auf das Drama des Schweizer Skippers Bernard Stamm, das im Südatlantik begann und im Indischen und Pazifischen Ozean bis Kap Hoorn seine Fortsetzung fand.

Es geht um Selbstzahnbehandlungen auf hoher See, kaputte Generatoren, fremde Leute auf dem Boot, die eigentlich nicht da sein dürften, und Kollisionen. Und um einen Weltklasse-Segler, dem bei dieser so prestigeträchtigen Regatta, die wie eine Fußball-WM nur alle vier Jahre stattfindet, das Pech verfolgt.

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In der Schweiz geboren, Holzfäller von Beruf, findet Stamm seine wahre Berufung auf den Gewässern des Genfer Sees. 1995 ist das entscheidende Jahr für ihn als Segler: Seine Teilnahme bei der Mini Transat, einer international bedeutenden Einhand-Transatlantik-Regatta von Ost nach West auf 6,50 Meter langen Einrumpfjachten. Stamm belegt einen beachtlichen dritten Platz mit einem Prototypen, den er selbst gebaut hat.

"C'est de la misère"

Stamm entscheidet sich dann für die Teilnahme an der Vendée Globe 2000/01. Nach neun Tagen versagt sein Autopilot. Er muss aufgeben. 2003 ist er der Gewinner des berühmten Around Alone, einer Einhand-Segelregatta in Etappen. Sein Sieg kommt einem Weltmeistertitel gleich. Bei der Vendée Globe ein Jahr später konnte er nicht teilnehmen, weil seine Jacht in der Vorbereitung eine schwere Havarie erlitten hatte.

2008/2009 wieder Pech: Seeschlag zerschmettert in den Roaring Fourties, der Region der Westwinddrift, in der das ganze Jahr über die Stürme toben, sein Ruder. Obwohl Stamm die Reparatur gelingt, befolgt er den Rat der Regatta-Leitung. Er sucht sich eine ruhige Bucht auf den Kerguelen, einer subantarktischen Inselgruppe im südlichen Indischen Ozean. Dort nimmt er den Schaden genauer unter die Lupe.

Ein Orkan zieht auf. Als er ein Ankermanöver versucht, wird sein Boot, eine Open 60, spektakulär auf die Felsen geworfen. "Ich werde nie wieder den Rat von Leuten an Land folgen, wenn mir mein Gefühl etwas anderes sagt. Ich hätte den Sturm auf See abwettern sollen, meine Ruderreparatur hat ja gehalten", sagte Stamm hinterher.

Danach erreichte er wieder gute Platzierungen in international anerkannten Hochseeregatten wie 2011 beim Rolex Fastnet Race, weshalb er bei der Vendeé Globe 2012/2013 erneut an den Start ging. Er galt unter Experten als Geheimfavorit. Vom ersten Tag an segelte er in der Spitzengruppe.

Dann fehlte ihm plötzlich ein Stück seines Backenzahns, verloren durch einen kräftigen Biss. "Ein Drittel fehlt und der Rest liegt offen", berichtete Stamm. Eine Zahnfee war auf See weit und breit nicht in Sicht. Durch den Renn-Arzt bekam er via Satellitentelefon Anweisungen, was zu tun war. Mit dem spärlich bestückten Erste-Hilfe-Dentalkasten an Bord vollzog er an sich den zahnmedizinischen Eingriff. Die scharfen Kanten des Zahnrestes mussten abgefeilt werden. Eine herausfordernde Eigenbehandlung auf einer Jacht, die bei 19 Knoten Bootspeed Bocksprünge vollführt.

Am 10. Dezember übernahm Stamm für kurze Zeit sogar die Führung, fiel aber plötzlich auf den vierten Platz zurück, sein Rückstand wuchs in drei Tagen um knapp 50 auf 146 Meilen. Grund für den Rückschlag: Stamm kämpfte an Bord seiner Open 60 nach eigenen Angaben mit einer Serie technischer Probleme. "Zwei Tage lang steckt mein Kopf fast dauernd in der Werkzeugkiste. C'est de la misère", vernahm man einen missgelaunten Stamm.

Einige der Schwierigkeiten erwiesen sich als gravierend. Seine beiden Hydrogeneratoren machten schlapp. Mit ihnen wird Strom für den Bordbetrieb erzeugt. Normalerweise stellen sie von der Energiebilanz her andere Systeme wie Solarzellen in den Schatten. Bestens geeignet also für den Dauerbetrieb des Autopiloten und der Funk- und Sicherheitselektronik an Bord. Allerdings nur, wenn sie laufen.

Leserkommentare
  1. Eine Großartige Leistung aller Teilnehmer, 80-110 Tage allein Auf See, Schwerstarbeit um die 60 Fuß Bestie durch Wind und Wetter zu bändigen, kaum Schlaf... wirklich Beeindruckend.

    Faszinierend fand ich auch, dass die beiden Führenden sich bis Kap Horn immer wieder bis auf Sichtweite näherten. Abwechselnde Führung und Aufholjagd sorgten stets für ein spannendes verfolgen des Rennens auch vom Schreibtisch aus.

    Begeistert bin ich auf von den High-Tech Rennmaschinen der Open 60. Dass bei bis zu 570m^2 Segelfäche und 25kn Speed gewaltige Kräfte am Werk sind, welche eine große Herausforderung für die Bootskonstrukteure darstellen, ist klar, dennoch bin ich von den Schwenkkielen enttäuscht. 10% Ausfall (bislang 2 von 20), denen der Kiel abgebrochen ist, deutet auf einen schweren Rechenfehler in der dynamischen Festigkeitsberechnung und/oder einem Fehler im Reglement hin.
    Der Kiel, welcher die Hälfte der Gesamtmasse ausmacht, ist für die Stabilität eines Segelbootes, und somit für seine Sicherheit unabdingbar.
    Eine Kenterung auf Hoher See, weil ein Hauptbestandteil des Bootes unterdimensioniert war, halte ich nicht für tragbar. Ich erwarte mir bis zur nächsten Vendée Globe eine Lösung diese Problems.

    Daher wünsche ich besonders Jean Pierre Dick noch alles Gute, er ist nun seit einigen Tagen ohne Kiel unterwegs und ich hoffe er kann die letzten 1100 NM sicher hinter sich bringen.

  2. ...vor diesen Seglern. Ich bin kein Segler, aber total fasziniert von diesem Rennen.
    Mir fällt nur ein Wort ein:
    Elementar!

    Gutes Ankommen vor allem für Jean Pierre dick, dessen Boot den Kiel verloren hat.

  3. ... Und Armel! Es war superspannend, was die beiden geleistet haben. Sichere Heimkehr für die, die noch mit Wind, Wellen und technischen Problemen kämpfen. Besonders dem "kiellosen" Jean-Pierre Dick alles Gute!

  4. ...der dritte ist angekommen.
    Guten Wind für die anderen unterwegs.

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  • Schlagworte Rolex | Frankreich | Schweiz | Antarktis | Kap Hoorn | Tasmanien
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