FußballDer Fall Boateng steht für Italiens Rassismus-Problem

Die Beleidigungen gegen Milans Spieler Boateng sind ein weiterer Beleg für das Rassismus-Problem in Italiens Fußball. Die Reaktionen lassen an einer Besserung zweifeln. von Tom Mustroph

Kevin-Prince Boateng vom AC Mailand im Spiel gegen Inter Mailand im Oktober 2012

Kevin-Prince Boateng vom AC Mailand im Spiel gegen Inter Mailand im Oktober 2012  |  ©Max Rossi/Reuters

Der AC Mailand hat ein Zeichen gegen den Rassismus gesetzt. Nach Schmährufen gegen seine dunkelhäutigen Spieler bei einem Freundschaftsspiel und einer wütenden Reaktion des Berliners Kevin-Prince Boateng verließen die Rossoneri (Rot-Schwarzen) geschlossen das Feld des Viertligisten Aurora Pro Patria.

Das brachte dem Berlusconi-Verein viel Beifall und etwas Protest ein – kurioserweise auch von eigenen Ex-Spielern. Dass damit das grassierende Rassismusproblem im italienischen Fußball gelöst wird, glaubt aber wohl niemand ernsthaft. Rassistische Beleidigungen in Stadien sind trauriger Alltag.

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Bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten hatte der damalige Milan-Kapitän Ruud Gullit vorgeschlagen: „Wenn sie buhen, sollten wir das Spielfeld verlassen." Doch nichts dergleichen ist bisher geschehen. Erst als es jetzt Boateng traf, nahm der aktuelle Milan-Kapitän Massimo Ambrosini die Idee auf und ermunterte seine Kollegen zum Abgang.

Dies löste weitgehend positive Reaktionen aus. Trainer Massimiliano Allegri unterstützte seine Spieler: „Das war die richtige Entscheidung. Diese unzivilisierten Gesten müssen aufhören. Italien muss intelligenter werden.“ Verbandspräsident Giancarlo Abete und auch sein Kollege vom Verband der unterklassigen Mannschaften Lega Pro, dem Pro Patria angehört, begrüßten den Protest und sicherten Milan Solidarität zu. Damiano Tommasi, Präsident der Spielergewerkschaft, erhofft sich davon „einen schweren Schlag, um den Rassismus endgültig aus den Stadien zu verbannen“.

Doch diese Hoffnung ist trügerisch. Das wurde zunächst am Verhalten des Schiedsrichtergespanns deutlich. Obwohl das Reglement den Referees ermöglicht, bei rassistischen oder antisemitischen Äußerungen ein Spiel zu unterbrechen oder vorzeitig zu beenden, ignorierten sie die Beleidigungen.

Bürgermeister kritisiert Boateng

Gigi Farioli, der Bürgermeister von Busto Arsizio, der Heimat von Pro Patria, gab die Hauptschuld für den Vorfall zwar den „üblichen paar Idioten“. Er kritisierte aber auch, dass Boateng den Ball „mit 200 Sachen auf die Zuschauer gedroschen“ habe. „Dafür wäre er in jedem anderen Stadion Italiens vom Platz gestellt worden. Ich glaube nicht, dass er sich dies im Bernabeu oder San Siro geleistet hätte.“

Damit dürfte er sogar Recht haben. Milan hat sich für die Solidaritätsaktion ein Ereignis von geringem sportlichen Wert und geringer Sanktionsgefahr ausgesucht. Wer ein Pflichtspiel abbricht, muss mit Spielsperren und Punktabzug rechnen.

Clarence Seedorf und Gennaro Gattuso, zwei ins Ausland abgeschobene frühere Stars des AC Mailand, werteten aber schon diese Reaktion der ehemaligen Kollegen als „unangemessen“. Gattuso ließ sich sogar zu einer Verteidigung der Gegend um Busto Arsizio verleiten. „Ich wohne dort in der Nähe. Da gibt es viele Ausländer und gar keinen Rassismus“, sagte er dem Corriere della Sera. „Ich sehe darin keinen Rassismus. Boateng hat sich vielmehr persönlich beleidigt gefühlt“, sagte Gattuso aus der Ferne. Auch er habe in seiner Karriere viele Beleidigungen hingenommen, wiegelte er ab.

Diese Haltung ist weit verbreitet in Italien. Als Mario Balotelli während seiner Zeit bei Inter Mailand bei fast jedem Auswärtsspiel von den Rängen angegriffen wurde, setzte es zwar Geldstrafen für Vereine wie Juventus Turin. Das Phänomen aber verschwand nicht, Balotelli zog lieber nach England. Selbst der Versuch des Messina-Profis Marc Zoro, der vor acht Jahren bei einem Punktspiel gegen Inter wegen rassistischer Beleidigungen vom Feld stürmen wollte und nur vom massigen Adriano daran gehindert werden konnte, führte zu keinem Aufwachen. Und selbst wenn es jetzt einen Spieler des großen AC Mailand getroffen hat – an einer nachhaltigen Besserung ist weiterhin zu zweifeln.

Erschienen im Tagesspiegel.
 

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Leserkommentare
    • 42a
    • 05. Januar 2013 15:49 Uhr

    Das mit dem Ball kam nicht von mir. Allerdings finde ich es schlimmer mit den Ball auf Leute zu schießen als 'u u' zu rufen. 'u u' rufen finde ich rassistisch und das gehört bestraft.

    Die Argumentation, dass man ja auch viel verdient und das deswegen aushalten muss (die auch nicht von mir kam) finde ich falsch.

    • lxththf
    • 05. Januar 2013 15:59 Uhr

    was man hier so lesen muss, wenn es um so ein Thema geht. Hier in der Zeit gab es vor einigen Monaten, vielleicht sogar Jahren einen sehr interessanten 6Seitigen Artikel über KPB, seine Jugende, seine Sozialisation, seine Probleme und Perspektiven, was ihn menschlich näher brachte und kompletter beleuchtete, als nur das stereotype Image, welches ihm unter anderem auch medial verpasst wurde.
    Sie sehen in ihm den Unsympath? Warum denn nun eigentlich genau (hoffentlich nicht wegen dem Ballackfoul), denn ich hege (wenn auch nur mutmaßend) Zweifel, dass sie seine Karriere in den letzten Jahren verfolgt haben, seit er nicht mehr in Dtl. spielt. Persönliche Entwicklungsmöglichkeiten gestehen Sie da wohl eher nicht zu?
    Aber mal ganz unabhängig davon. Eine Antirassismusbewegung braucht keine Spitze, sondern eine Breite (!), sie braucht Menschen egal ob sie uns auf dem Feld sympathisch sind, oder nicht, denn es geht dabei um ein höheres Ziel. EInes, welches normalerweise selbstverständlich sein sollte, es aber leider nicht ist und das zeigten genügend Foristen zu diesem Thema.
    Ein Rassismusproblem gibt es jedoch nicht nur in italienischen Stadien und Plätzen, sondern weltweit. Die typische Phrase, dass der Fußball und seine Fans nur ein Spiegelbild der Gesellschaft sind, sei dann ebenfalls noch kurz angemerkt.

    10 Leserempfehlungen
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    • 42a
    • 05. Januar 2013 16:37 Uhr

    Ich gebe Ihnen weitgehend recht. Die Kontroverse Person KP Boateng ist ja genau deswegen der falsche weil er eben umstritten ist.

    • lxththf
    • 05. Januar 2013 16:02 Uhr
    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "............ "
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    • Hainuo
    • 06. Januar 2013 3:31 Uhr

    So ähnlich zumindest...

  1. dass es für Sie scheinbar "normal" ist, wenn rassistische Ausrufe im Stadion geschehen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will Ihnen nichts unterstellen, aber KPs Aktion dahingehend als übertrieben darzustellen, weil es ja in "jedem" Stadion vorkommt, ist ziemlich dürftig...

    Und ja, ich war bereits "öfters" in Fussballstadien und kann sagen, dass ich in Deutschland in den oberen Ligen weniger wahrgenommen hab.

    PS: Ich meine bezüglich meines letzten Satzens sogar diverse Spiele von Hansa Rostock, deren Fans (teilweise) ja nun nicht unbedingt als Vorzeigefans gelten.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Sie liegen falsch"
    • cafbad
    • 05. Januar 2013 16:07 Uhr

    "Sie treten als moralisch überlegen auf und wollen mich als Rassist oder Dulder von Rassismus darstellen nur weil ich sage, dass ich KP Boateng in diesem Zusammenhang für die falsche Person halte."

    1. Präzise bleiben: ich habe geschrieben (#12), dass Sie Rassismus verharmlosen. Ob Sie das tun, weil Sie Rassist sind oder diesen dulden, weiß ich nicht.

    2. Sie behaupten, derlei rassistisches Gebrüll wie bei dem angeführten Spiel gäbe es bei allen Spielen (#7) und auch Oliver Kahn sei schon so beleidigt worden (#11). Damit implizieren Sie, dass derlei "normal" sei und die rassistische Beleidigung K.P. Boatengs weniger rassistisch sei, weil Oliver Kahn als weißer Spieler ja auch so beleidigt worden sei.

    3. Sie behaupten, K.P. Boateng habe sich "an die Spitze" einer Bewegung gesetzt (#1) - derlei ist nicht geschehen. Sie behaupten es einfach und tun plötzlich so als sei K.P. Boateng derjenige, von dem die ganze Sache ausging. Sie lenken damit vom eigentlichen Geschehen (unverzeihliches rassistisches Gebrüll)ab.

    4. Sie schreiben, dass Sie es "schlimmer" finden, "mit dem Ball auf Leute [zu] schießen" als rassistisches Gebrüll anzustimmen (#17). Damit wird aus einem weggeschlagenen Ball (ein alltägliches Ereignis in einem Fußballstadion) - gegen die Fakten (der Schuss war weder gezielt noch gefährlich) - plötzlich versuchte Körperverletzung. Sie machen damit aus dem Opfer den Täter.

    Wie sie's auch drehen und wenden: Sie verharmlosen Rassismus - aus welchen Gründen auch immer.

    7 Leserempfehlungen
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    • 42a
    • 05. Januar 2013 16:29 Uhr

    Ich finde nicht, dass ich Rassismus verharmlose weil ich sage, dass KP Boateng nicht der richtige ist um als armes (Rassismus) Opfer dazustehen.

    Einen Ball aus Wut (mit voller Wucht) auf Zuschauer zu schießen finde ich schlimmer als etwas verbales.

    Was sollen nur die ganzen Verkäufer(innen)und Kellner(innen) tun die tagtäglich rassistischen und sexistischen Kunden ausgeliefert sind? Mit Gläsern nach denen werfen? Sie würden sofort entlassen werden.

    Wenn KP Boateng auch nur das geringste zu Besserung dieser unmöglichen Zustände getan hat dann begrüße ich das.

    • lxththf
    • 05. Januar 2013 16:10 Uhr

    meine Stimme werden Sie nicht bekommen. Die Realität in italienischen Stadien ist nicht so harmlos, wie Sie es hinstellen. Das sind zum Teil ganze Fankurven die sich rassistische Entgleisungen leisten und dass können dann mal fix 5000 Menschen sein.
    Und der Schmarrn, dass man sich das gefallen lassen muss ist schlicht falsch. Egal was man verdient, muss man nicht gleich seine Würde aufgeben. Und zum Schluss sollten sie noch kurz darüber darüber nachdenken: was wäre wenn
    - Sie hätten einen Sohn der rassistisch beleidigt würde, öder ihre Frau wäre ein dunkelhäutiges Supermodel und würde entsprechend beleidigt etc. Wie würden Sie dann reagieren "Och Schatz, hab dich nicht so. Du verdienst doch ein Heidengeld, da musst Du das abkönnen"
    Seh ich anders. Keine Toleranz gegenüber Rassisten!!!

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Das stimmt."
  2. FußBall geht anscheinend nicht ohne den Gegner ständig anzupöbeln. bei boateng ist die hautfarbe das auffälligste was ihn von den anderen Spielern unterscheidet, also beleidigt man ihn auf Grund seiner Hautfarbe. der Rest der Spieler wird anders beleidigt.
    ich möchte hier nicht verharmlosen, dass es genügend rassisten in Stadien gibt aber ich möchte hinzufügen, dass es allgemein zum guten Ton gehört den Gegner auf übelste zu beschimpfen...

    Eine Leserempfehlung
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    Eine Empfehlung: Besuchen Sie bitte - erstmals in Ihrem Leben - ein Fußballstadion. Danke.

    Man kommt anscheinend nicht umhin, sich bei diesen Diskussion jedesmal flehentlich zu wünschen, dass diejenigen, die offensichtlich ganz genau Bescheid wissen, sich auch mal vorher informieren, bevor sie reden!

  3. Darf man jemanden, der mal durch Unfairness aufgefallen ist, rassistisch beleidigen? Ist es professionell, sich rassistisch beleidigen zu lassen und dies unsanktioniert im Raum stehen zu lassen? Dann fordere ich mehr Unprofessionalität!

    In Italiens Stadien gibt es seit vielen Jahren ein massives Rassismusproblem und es bringt einen, gelinde gesagt, zur Weißglut, dass dies Italiens Fußballfunktionäre stets verharmlosen. Die lächerlichen Strafen, die bislang ausgesprochen wurden, werden von den Vereinspatriarchen aus der Portokasse bezahlt. Natürlich ist dieser Rassismus es ein Ebenbild von Berlusconi-Italien, das Phänomen durchzieht die italienische Gesellschaft in vielen Bereichen. Gerade Berlusconi meint nun wieder, sich als Retter des Abendlandes aufspielen zu müssen und lobt Milan. Er soll schweigen!

    Und bevor nun wieder die Ober-Checker pc-mäßig aus den Löchern kommen: Ja, es gibt, Gott sei Dank, auch ein Italien, dass nicht Berlusconi-like und rassistisch ist. Und ja, es gibt auch in deutschen Stadien in der Hinsicht Probleme. Aber bei weitem nicht in diesem Ausmaß. Bei weitem nicht.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Das stimmt."

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  • Quelle Tagesspiegel
  • Schlagworte Gennaro Gattuso | Clarence Seedorf | Italien | Rassismus | Ruud Gullit | Stadion
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