Bobfahrerin Cathleen Martini"Wir müssen über unseren Hintern fühlen"

Wir fahren nach unserem Popometer, sagt die erfolgreiche Pilotin Cathleen Martini. Sie glaubt, dass Frauen weicher den Eiskanal hinunterfahren als Männer. von 

Bobpilotin Cathleen Martini (vorn) und ihre Anschieberin Stephanie Schneider bei ihrem Weltcup-Sieg am 4. Januar 2013 in Altenberg

Bobpilotin Cathleen Martini (vorn) und ihre Anschieberin Stephanie Schneider bei ihrem Weltcup-Sieg am 4. Januar 2013 in Altenberg  |  © Thomas Eisenhuth/picture alliance/dpa

Der Tag meiner ersten Bobfahrt war ein 16. Oktober. Ich weiß das noch ganz genau, weil meine Tante Geburtstag hatte, und ich sofort danach zu Hause anrufen sollte. Dort saßen alle zusammen und wollten wissen, ob alles gutgegangen ist. Ich war 18 Jahre alt und kam vom Rennrodeln. Ich wusste also, was auf so einer Eisbahn passiert, war aber trotzdem überrascht, als es hieß, dass ich nicht einfach nur mitfahren, sondern direkt vorne an die Lenkseile soll.

Gut, dass an diesem Tag die Shaolin-Mönche an der Strecke waren. Total verrückt, oder? Aber sie waren gerade auf Deutschland-Tour und standen zufällig an der Bahn in Oberhof. Ich brauchte sie, weil ich völlig aufgeregt war. Irgendwann bin ich dann einfach losgefahren. Mein Trainer saß direkt hinter mir. Er hat mir also vertraut. Im Ziel hat er mir auf die Schulter geklopft. Und ich habe geheult und gelacht.

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Jetzt komme ich vom Bobfahren nicht mehr los. Man fährt total am Limit. Es geht um Mut, um Risikobereitschaft und darum, sich mit anderen zu messen, obwohl man auf sich allein gestellt ist.

Viele denken, wir setzen uns nur oben rein und fahren einen Berg runter. Aber so einfach ist das nicht. Fürs Bobfahren braucht es sehr viel Feingefühl. Man braucht eine gute Hand-Auge-Koordination. Das Wichtigste aber ist die Intuition, das Bauchgefühl, der sogenannte Popometer: Wir müssen über unseren Hintern erfühlen, was das Gerät auf der Bahn gerade macht und wie darauf am Besten zu reagieren ist.

Es gibt Fahrer, die eher nach Schema fahren, also den Bob in eine bestimmte Richtung zwingen, von der sie annehmen, sie sei die beste. Und es gibt Fahrer, die eher aus den Bauch heraus fahren und den Bob laufen lassen. Der Anreiz liegt für mich darin, den schnellsten, direkten Weg nach unten zu finden und dabei so wenig wie möglich zu lenken. Weil jede Lenkbewegung die Kufen querstellt und bremst.

Es gab schon mal Läufe, die habe ich als perfekt erachtet. Läufe, bei denen man merkt, dass die Kiste anfängt zu ziehen und immer schneller wird, weil man sie lässt, weil man nur an bestimmten Punkten ganz leicht eingreift. Vielleicht kann man das mit einem Rennpferd vergleichen, das man einfach galoppieren lässt. Ich habe übrigens das Gefühl, dass Frauen ein bisschen weicher und gefühlvoller die Bahn runterfahren als Männer.

Winterspiele

Jedes Jahr, von November bis März, gehen die Wintersportler ihrer Arbeit nach. Das Fernsehen berichtet live, viele Stunden lang und trotzdem bleiben einem die Schneesportarten manchmal fremd, vor allem den Flachlandbewohnern.

Doch was ist der große Reiz beim Skilanglauf? Wie fühlt es sich an, eine Abfahrtspiste oder Bobbahn hinunter zu rasen? Und haben Skispringer auch mal Angst?

In unser Serie erzählen erfolgreiche Wintersport-Stars wie der Springer Gregor Schlierenzauer, die Skifahrerin Viktoria Rebensburg, der Langläufer Tobias Angerer, die Snowboarderin Amelie Kober oder die Bobpilotin Cathleen Martini von der Faszination ihrer Sportart.

Wir machen mittlerweile auch Video-Aufnahmen mit kleinen High-Speed-Kameras. Wir versuchen dann, am Bildschirm die optimale Spur zu finden. So versuchen wir mal hier und da ein wenig abzukürzen. Das klingt komisch, aber wer in zwanzig Kurven jeweils zehn Zentimeter einspart, liegt im Ziel zwei Meter vorne.

Angst ist beim Bobfahren fehl am Platz. Wer Angst hat, verkrampft und hat nicht mehr alle Sinne bei sich. Nur der Respekt sollte nicht verloren gehen, der vor den Bahnen und der Geschwindigkeit. Aber es sollte nur der Respekt sein, der einen vor einer Leichtsinnigkeit bewahrt. Unsere Sportart fordert es, mutig und risikobereit zu sein.

Aufgezeichnet von Christian Spiller

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Bahn | Berg | Trainer | Oberhof
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