ZEIT ONLINE: Herr Borowka, wie haben Sie Silvester verbracht?

Uli Borowka: Lecker Essen mit meiner Mutter und meiner Frau. Um halb elf bin ich ins Bett gegangen und habe dann durchgeschlafen. Ich brauche das Ballern nicht.

ZEIT ONLINE: Meiden Sie Silvesterpartys, weil dort reichlich Alkohol fließt?

Borowka: Nein, das hat damit nichts tun. Ich bin es gewohnt, bei Anlässen dabei zu sein, bei denen Alkohol ausgeschenkt wird. Das macht mir nichts aus. Nur ist es ist manchmal gar nicht so einfach, ein Glas Wasser oder Cola zu bekommen. Auf den Tabletts stehen nur Sekt, Wein oder Bier. Erst kürzlich habe ich das beim Sportpresseball wieder feststellen müssen. Alkohol ist eine Art Kulturgut, das einfach zum Feiern dazu gehört. Und wenn man so wie ich keinen Alkohol trinkt, fühlt man sich bei solchen Gelegenheiten schon ein bisschen ausgegrenzt. Man ist dann für die anderen irgendwie der Partymuffel. Ein Schwachsinniger hat mir sogar mal heimlich Wodka ins Getränk geschüttet. Ich habe daran genippt und sofort alles ausgespuckt.

ZEIT ONLINE: Vermissen Sie es manchmal, einfach ein Glas Bier oder Wein trinken zu können?

Borowka: Es gibt diese Augenblicke. Zum Beispiel im Hochsommer nach einem gemeinsamen Golfturnier, wenn sich meine Golffreunde Stefan Reuter oder Christian Hochstätter ein Weißbier genehmigen. Aber dann bekomme ich im nächsten Augenblick eine Gänsehaut, die Nackenhaare stellen sich auf und die Lust auf ein Bier ist weg. Ich weiß, dass ich wegen meiner Sauferei schon mit anderthalb Beinen im Grab stand.

ZEIT ONLINE: Sie waren gleichzeitig ein erfolgreicher Fußballprofi beim SV Werder Bremen und Alkoholiker, der literweise Bier, Wein und Schnaps in sich schüttete – für Außenstehende eine unglaubliche Kombination.

Borowka: Ich habe meinen Körper hart trainiert, als Fußballer, aber auch als Trinker. Dass ich bis zwei Uhr in der Früh saufen konnte und am nächsten Morgen um zehn Uhr ohne Kater und Brummschädel auf dem Trainingsplatz stand, hat mit meinen Genen zu tun. Mein Körper kann extrem gut Alkohol abbauen, haben mir die Ärzte erklärt. In der Nacht bevor mich ein Freund zur Entzugsklinik fuhr, hatte ich allen Alkohol vernichtet, den ich in meiner Wohnung fand. Irgendwann bin ich umgekippt und auf meiner Matratze eingeschlafen. Als man mich ein paar Stunden später in Klinik untersuchte, wurde ein Promillegehalt von 0,0 festgestellt. Damals meinte ich, großes Glück zu haben. Im Nachhinein kann man sagen, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn ich nach der Sauferei mit einem dicken Schädel zum Training hätte antreten müssen.

ZEIT ONLINE: Hätten Ihre Mitspieler oder Ihr Trainer Otto Rehhagel früher eingreifen müssen?

Borowka: Meine Teamkollegen Günter Hermann und Oliver Reck wollten mir ja helfen. Aber ich habe sie weggeschubst. Ich habe mir nichts sagen lassen. Ich hielt mich für den Größten und war so selbstverliebt und selbstherrlich.

ZEIT ONLINE: Ihr Trainer Otto Rehhagel hat seine schützende Hand über sie gelegt, auch als sie einmal nach durchzechter Nacht am nächsten Vormittag irgendwo in ihrem Auto aufwachten, nicht mehr wussten, wie sie dort hingekommen waren und ihrem Trainer am Telefon die Situation schilderten.

Borowka: Herr Rehhagel bot mir als Erklärung für die Journalisten eine Magendarmgrippe als Grund fürs Fernbleiben vom Training an. Er wollte mich schützen, das war ja nicht böse gemeint. Diese Art der Hilfe nennt man in der Fachsprache auch Co-Abhängigkeit.

ZEIT ONLINE: War das die falsche Reaktion von Herrn Rehhagel, hätte er Sie härter anpacken müssen.

Borowka: Ich mache niemandem einen Vorwurf, auch Otto Rehhagel nicht. Herr Rehhagel sprach mich ja auf mein Problem an. Ich habe anschließend ein, zwei Tage lang weniger getrunken. Aber dann musste ich wieder saufen.

ZEIT ONLINE: Vielleicht auch weil Sie als Profifußballer unter einem enormen Erfolgsdruck standen und der Konkurrenzkampf innerhalb eines Fußballteams so groß ist?

Borowka: Nein, das wäre zu einfach. Bei mir kamen verschiedenste Faktoren zusammen. Wir leben doch in einer Gesellschaft, in der jeder Mensch, egal in welchem Job er arbeitet, Druck, Hektik und Stress zu spüren bekommt. Okay, als Fußballprofi stehst du voll in der Öffentlichkeit und für die heutige Spielergeneration gilt das umso mehr. Von daher ist der Druck vielleicht höher.

ZEIT ONLINE: Und man darf als Profifußballer absolut keine Schwächen zeigen, nicht mal den eigenen Mitspielern gegenüber.