Boxerin Rola El-Halabi : "Ich vertraue nur noch sehr wenigen Menschen"
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"Es war sein kranker Egoismus"

ZEIT ONLINE: Was sehen Sie als Hauptgrund für diesen Schritt, den Ihr Vater getan hat an? Sprach da der in seiner Ehre verletzte Libanese in ihm oder falsche Vaterliebe?

El-Halabi: Es war sein kranker Egoismus. Diese absolute Ich-Bezogenheit. Ich regiere die Welt, ich entscheide über meine Familie. Er erlaubt uns, er befiehlt uns, er gibt uns einen Rat. Er erklärte uns, sein Kontrollzwang sei eine gute Eigenschaft. Schlechte Erfahrungen, die er machen musste, könne er so von uns fernhalten. Ich habe in der Zeit, in der sich die Dinge so entwickelten, gelernt und eingesehen, dass dies keine richtige Liebe sein kann. Liebe ist Gutes für den anderen wollen, wollen, dass der andere glücklich ist. Egal, ob ich das persönlich gut finde. Diese Art von Liebe kennt mein Vater nicht.

ZEIT ONLINE: Ihr Vater suchte Rat bei seinen libanesischen Verwandten, wie er mit der unabhängig werdenden Tochter umgehen soll. Kann man da Ehrverletzung komplett ausschließen?

El-Halabi: Ja. Wir haben 2010 ein gemeinsames Interview gegeben und damals hat er darauf bestanden: Ich bin Deutscher, kein Libanese. Es war sein Antrieb, seine Kinder deutsch zu erziehen, ihnen die deutsche Sprache perfekt beizubringen, ihnen das Abitur zu ermöglichen. Er hat immer auf diesem Fakt bestanden: Die El-Halabis sind deutsch, wir sind eine perfekt integrierte Familie. Diese ganze Heuchelei über Familienehre, Respekt und Religion schiebt er als Grund vor, um seine Tat rechtfertigen zu können. Er weiß doch überhaupt nicht mehr, was im Libanon los ist. Er lebt seit 20 Jahren in Deutschland.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie von Konfliktscheue vonseiten der arabischen Frauen, wenn es um Familienangelegenheiten geht. Der Mann wird als unangreifbares Familienoberhaupt gesehen, seine Entscheidungen werden kritiklos hingenommen. Woher kommt das?

El-Halabi: Der größte Teil der arabischen Frauen ist in Deutschland nicht integriert. Und es besteht wenig Interesse daran. Ich verstehe nicht, wie manche zwar in einem Land leben können, sich aber dennoch so wenig auf die dort herrschende Kultur und Lebensweisheit einlassen wollen. Man nimmt sehr gerne die Annehmlichkeiten, die der deutsche Staat zu bieten hat, an. Soll dann aber die eigene Tochter mit der Klasse ins Landschulheim, kommen Aussagen wie: Das geht nicht, bei uns im Islam ist das verboten. Aber: Der Islam ist eine wunderschöne Religion. Nur wird sie leider zweckentfremdet für Extreme aller Art. Als Legitimation für Fanatismus, veraltetes Geschlechterdenken, weltfremde Lebenseinstellungen. In vielen Familien wird diese Einstellung an die Kinder weitergegeben: 'Wir leben zwar in Deutschland, aber wir richten uns nach den Regeln unseres Heimatlandes. Wir haben keine Ahnung von den unterschiedlichen Religionen.' Viele in meinem Umfeld sind erstaunt, dass ich als Muslimin auch Weihnachten feiere. Wie? Du feierst Weihnachten? Ja, ich feiere auch Weihnachten, weil mein Mann mit seiner Familie feiert. Da schließe ich mich doch nicht aus. Außerdem ist Jesus im Islam ein Prophet. Das wissen die meisten nicht. Wir haben einfach keine Ahnung von den Religionen untereinander.

ZEIT ONLINE: Spielt, was die Psyche anbelangt, bei den Kampfvorbereitungen Ihr Stiefvater eine Rolle? Möchten Sie es ihm zeigen, dass Sie auch ohne ihn erfolgreich sein können?

El-Halabi: Nein, überhaupt nicht. Ich verliere keinen einzigen Gedanken an ihn. Er existiert weder in meiner Gedanken- noch Gefühlswelt. Ich will und muss niemandem, nicht mal mir selbst mehr, was beweisen. Ich habe in so jungem Alter so viel erreicht und durchgemacht, da muss ich nicht noch mehr Zeichen setzen. Ich will nur meinen Wunsch verwirklichen, auf dem Höhepunkt meiner Karriere aufhören. Es kann sein, dass ich nach diesem Kampf nicht mehr weitermache. Ich halte mir alle Optionen offen. Natürlich bin ich aufgeregt und nervös, aber ich hatte noch nie in meinem Leben so positive und glückliche Gefühle vor einem Kampf. Mir geht es so, wie es jetzt ist, sehr gut.

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