1860 MünchenBeim Geld hört die 50+1-Regel auf

Auf Wunsch seines Scheichs verpflichtet der Zweitligist 1860 München den ehemaligen Startrainer Sven-Göran Eriksson. Und zeigt das Dilemma der 50+1-Regel, meint O. Fritsch. von 

Sven-Göran Eriksson, Zweittrainer 1860 Münchens

Sven-Göran Eriksson, Zweittrainer 1860 Münchens  |  © Nicolas Asfouri/AFP/Getty Images

Mit Scheichs hat Sven-Göran Eriksson keine gute Erfahrung. Vor sieben Jahren fiel er auf einen falschen herein, denn der war in Wahrheit ein englischer Boulevardreporter und entlockte dem damaligen Nationaltrainer Eriksson brisante Interna und Einblicke. Der Scheich, mit dem Eriksson aktuell umherzieht, ist echt, zumindest hat Hasan Ismaik echtes Geld und echte Macht. Macht, um seinen Wunschtrainer Eriksson durchzusetzen.

In der Vorwoche wurde 1860 München, der Verein, an dem der jordanische Geschäftsmann Ismaik 60 Prozent der Aktien und 49 Prozent der Stimmen hält, noch dafür gelobt, in der Auseinandersetzung mit dem jordanischen Investor Rückgrat bewiesen zu haben. Unter anderem verhinderte er Eriksson, der als sehr teuer gilt. Eriksson war vor Jahren einer der umworbensten Trainer der Welt, doch seine Erfolge liegen mehr als ein Jahrzehnt zurück. Nach einer siebenstündigen Sitzung wurde er nun doch verpflichtet.

Anzeige

Ismaik hatte vorige Woche angekündigt, den Geldfluss zu stoppen. Vermutlich hat er in der Sitzung noch mal daran erinnert, vielleicht musste er es gar nicht mehr. Denn seine Drohung genügte, 1860 musste ohne sein Geld mit dem Schlimmsten rechnen.

Die Personalie Eriksson ist eine heikle Sache, weil sie die Lücken der 50+1-Regel der Deutschen Fußball Liga (DFL) entblößt. Die Investorenregel ist ein wichtiges Instrument des deutschen Fußballs. Sie soll vor spielwütigen Reichen schützen. Sie soll gewährleisten, dass Stimmenmehrheit und Entscheidungsmacht beim Verein liegen und damit den Einfluss des Geldgebers begrenzen.

In diesem Fall ist die Regel vielleicht formal eingehalten, allerdings sinnentleert. Der zumindest mittelbare Verstoß gegen den Geist der Regel durch Ismaik liegt auf der Hand. Zwar stellen die Vertreter des Vereins die Verpflichtung Erikssons als autonome Entscheidung dar. Doch wie viel Überzeugung aus ihr spricht, ist fraglich, auch wenn es keine Gegenstimme gab.

Es ist nicht das erste Mal, dass die 50+1-Regel ausgehöhlt wurde: Wolfsburg und Leverkusen genießen Ausnahmegenehmigungen, Hoffenheim scheint sie zu umgehen, dem Viertligisten Red Bull Leipzig dürfte spätestens dann eine Debatte bevorstehen, wenn er in die Bundesliga aufsteigt.

Beim Geld hört die 50+1-Regel auf. Selbst die beste Regelung stößt an Grenzen, wenn die Gesetze des Markts wirken, wenn das Geld ungleich verteilt ist: Wer zahlt, bestimmt. Ein Verein mit allen Stimmanteilen, aber ohne Kohle ist am Ende doch abhängig vom Geldgeber. Er mag rechtlich frei sein, faktisch aber nicht. In Karlsruhe setzte einmal der Hauptsponsor eine Trainerentlassung durch, indem er laut über einen Ausstieg nachdachte.

Auf 1860 München sollte die DFL auch ein Auge haben. Der Verein hat nun zwei Trainer, ohne dass deren Befugnisse abgesteckt sind. Diese Lösung muss nicht zwangsläufig scheitern, doch Alexander Schmidt, der erst seit November das Sagen bei den Löwen hat, sagte am Tag vor Erikssons Verpflichtung, dass er "sein eigenes Ding durchziehen" wolle. Allah möge es verhüten, doch man würde nicht aus allen Wolken fallen, wenn Schmidt im Frühling nicht mehr auf der Bank säße, und sei es, weil er entnervt aufgäbe. Es wäre eine Fortsetzung der Posse von Giesing.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. .... der keiner ist und nie einer war, sondern nur ein gewöhnlicher Bauunternehmer, hat Sechzig im Schwitzkasten. Erst in seinem Stolz gekränkt, weil sein Spielzeug nicht mit ihm spielen wollte, ließ er sich nun wieder aus seinem Olymp herab und schwatzt ihnen einen gescheiterten Trainer auf, der angeblich einen "Namen" hat. Abgehalfterte "Stars" werden folgen. Der Gönner mit Geld, aber ohne Ahnung von Fußball und vom Verein, regiert.

    Der Löwen-Vorstand ist bedauernswert. Erst mussten sie Ismaik nehmen, weil kein anderer da war, dann mussten sie sich justitiabel beleidigen lassen und dabei mit geballter Faust in der Tasche gute Miene zum bösen Spiel machen. Für Präsident Schneider ist das Ganze erniedrigend. Die Hardcore-Sechzgerfans werden sich nun noch mehr abwenden, als in der Vergangenheit ohnehin schon. Die Soap geht weiter, bis zum nächsten Krach und endgültigem Scheitern der Ehe.

    50+1 hat sich einerseits bewährt, da ansonsten Sechzig schon von Anfang an Ismaik verloren gegangen wäre. Die Regel muss bleiben. Anderseits ist's nun ein schleichender Tod, leider. Auch mit 49 % ist man natürlich ein einflussreicher Geldgeber, was sonst. Wir reden von Profifußball. Dass man auch darin mit Geld die Identität des Clubs schützen und auf Dauer erhalten kann, beweist ausgerechnet der ach so diabolische Nachbar. 1 km weiter an der Säbener Straße.

    Eine Leserempfehlung
  2. Die Idealisierung des Amateurfußballs in allen Ehren, auch ich bin Fußball-Romantiker und geh da gerne hin. Zu behaupten, dort ginge es nach anderen Regeln und alles wäre gar wunderbar, ist allerdings schon arg verharmlosend. Bis in die C-Klasse hinunter spielt dort längst das Geld eine entscheidende Rolle und wenn's nur der Metzger-Meister an der Ecke ist, der die Trikots sponsert. Prämien werden bezahlt und Ablösen gezahlt. Es gibt keine Inseln der Seligkeit in einer Gesellschaft, in der Geld oberstes Primat ist. Also bloß keine Verklärung!

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • mcking
    • 16. Januar 2013 0:59 Uhr

    den Rücken gekehrt wenn es in der 5. Liga schon Profis gibt..... und Spieler in der Kreisliga ein Auto vom Verein gestellt bekommen, habe ich keine Lust mehr auf diesen Sport.
    Volleyball, Basketball oder noch besser Baseball machen auch viel Spaß!

  3. Wawerka schrieb: "Alles keine so guten Zeichen für die Fußballromantik."

    Ich sehe da aktuell gar nicht so schwarz. Schauen Sie sich die kleinen gallischen Dörfer Freiburg, Mainz in der ersten oder Cottbus, Aue, Aalen in der 2. Liga an, die den großen Vereinen gerne mal eine lange Nase drehen. Hannover, Frankfurt, Gladbach. Alles Vereine, die derzeit viel aus ihren Möglichkeiten machen und tollen Fussball spielen. Das Comeback-Märchen des BVB in den letzten Jahren. Aufbruchstimmung in Braunschweig, Karlsruhe, Essen, Münster. Und und und. Es sind doch gerade die Traditionsvereine, die sich immer wieder als wahre Stehaufmännchen zeigen und ihren Fans eine pralle Achterbahnfahrt des Lebens anbieten. Mehr Romantik - wie ich sie verstehe - geht doch kaum.

    Wie sieht es dagegen in Wolfsburg, Hoffenheim, bei RB Leipzig (RL-Meister wird man wohl werden, aber ich hoffe auf die Relegation ... ;-)) aus? Oder ManCity, Chelsea auf europäischer Ebene. Hier ist die "fail"- und "no fun"-Quote doch deutlich höher.

    Klar, das Budget ist schon eine wichtige Determinante für die Qualität einer Mannschaft. Aber gerade in den letzten 5 Jahren zeigen doch Vereine wie Dortmund, Freiburg, Mainz, dass man mit taktischen Konzepten, guter Nachwuchsarbeit, findigem Scouting* sich nachhaltig nach oben arbeiten kann.

    *Die etwas andere Scouting-Arbeit in Mainz:
    http://www.faz.net/aktuel...

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • bengel2
    • 16. Januar 2013 10:14 Uhr

    noch mal zur Unterfütterung die aktuelle Effizienz-Tabelle der Bundesliga:

    http://ais.badische-zeitu...

    Noch ist die (Wettbewerbs-)Romantik also nicht verloren gegangen, auch wenn die zarte Pflanze weiter bedroht sein wird - neben der Unterhöhlung von 50+1 bzw. FFP darf man da gerne auch Sportwetten, Korruption, Doping im Auge behalten.

    • mcking
    • 16. Januar 2013 0:59 Uhr

    den Rücken gekehrt wenn es in der 5. Liga schon Profis gibt..... und Spieler in der Kreisliga ein Auto vom Verein gestellt bekommen, habe ich keine Lust mehr auf diesen Sport.
    Volleyball, Basketball oder noch besser Baseball machen auch viel Spaß!

    Antwort auf "Amateur-Romantik"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Auch da ist es doch vom Prinzip her kein Jota anders. Egal, ob in der 1. oder 5. Fußball-Liga oder 1. oder 5. Volleyball-Liga, überall wird nach den selben Regeln gespielt: Geld entscheidet über Erfolg und alle wollen den im Leistungssport haben. Die Unterschiede sind doch nur graduell. Vom Basketball ganz zu schweigen.

    Wenn sich einzelne Profi-Fußballvereine gerne ein anderes Image verschaffen wollen, nach dem Motto: "Bei uns geht es nicht ums Geld..." ist das nichts weiter als pure Heuchelei und dadurch oft besonders verlogen und widerlich. Der Vergleich mit anderen Sportarten hinkt genauso, diese haben nur den Nachteil sich nicht entsprechend vermarkten zu können, die Strategie ist die gleiche.

    Man kann sich auch im Profisport Identität erhalten, auch wenn es eine Gratwanderung ist. Man muss sich nur die entsprechenden handelnden Personen nach innen suchen und die richtigen Partner bzw. Geldgeber von außen. Niemand ist hilflos den "Sachzwängen" ausgeliefert, richtige Entscheidungen sind gefragt.

  4. Es wird den 60ern nicht schaden, wenn Erikson die trainiert.
    Der hat bisher immer recht ordentliche Arbeit geleistet vielleicht ist dann nächste Saison der Aufstieg drin.

    Schlimmer wäre es wenn man irgendwelche unmotivierter aber teure Spieler hätte eingliedern sollen.

  5. Redaktion

    Ich finde "RedBull" in einem Meinungsartikel zulässig, auch in einem der ZEIT (erst recht in der Online-Ausgabe). Ich muss mich ja nicht an das verschleiernde Vokabular des Vereins halten.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "RB Leipzig"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    RedBull ist die richtige "Lesart"!

    Man soll die Dinge ruhig beim Namen nennen - kommt nicht allzu oft vor ;-)

  6. Redaktion

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte München | Geld | Allah | Bundesliga | DFL | Frühling
Service