SC Wiener ViktoriaToni Polster, der Che Guevara von Meidling
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 Wien zehrt vom Glanz vergangener Fußballtage

Toni Polster, der letzte Fußballstar Wiens und mit 44 Toren in 95 Länderspielen Rekordtorschütze der Nationalmannschaft, ist zurück bei seinen Wurzeln. Von Wien zog er einst aus, die Fußballwelt zu erobern. Mit Wiener Schmäh und Toren unterhielt er in Spanien, Italien und Deutschland seine Fans. Polster und Wien waren einmal mittendrin im internationalen Fußball. Die Zeiten sind vorbei.

Wien ist mittlerweile nur noch ein Nebenschauplatz. Nirgendwo zeigt sich dies so deutlich wie im Norden der Stadt. Döbling. Villenviertel. Dort liegt das Relikt des Wiener Fußballs: das Stadion Hohe Warte mit seiner steilen Naturtribüne, die in den Hang des namensgebenden Hügels gebaut ist. Als es 1921 eröffnet wurde, war es mit mehr als 80.000 Plätzen die größte Naturarena Europas und die grüne Bühne des Wiener Fußballs, der damals Europa prägte: Die erste Fußball-Mannschaft vom europäischen Festland, die bei einem britischen Klub siegte, kam aus Wien: Hakoah Wien gewann 1923 5:0 in London gegen West Ham United.

Hier in Wien wurde der Grundstein für den Mitropacup, den Vorläufer des Europapokals, gelegt – viermal gewannen Wiener Mannschaften den Cup. Österreichs Nationalmannschaft, die damals nur aus Wiener Vereinsspielern bestand, blieb Anfang der Dreißiger Jahre zwölf Spiele hintereinander ungeschlagen. Nach einem 6:0-Auswärtssieg in Berlin wurde sie von der deutschen Presse "Wunderteam" getauft. Noch vor der Weltmeisterschaft 1954 warnte der Kapitän der ungarischen Nationalmannschaft, Ferenc Puskas: "Die einzigen, die wir wirklich fürchten, sind die Österreicher", und meinte damit die Wiener Fußballer. Von 22 Spielern im WM-Kader spielten 21 in der Hauptstadt.

Einmal das Vereinsmaskottchen streicheln

Mittlerweile sind die Steinstufen der Hohen Warte von Löwenzahn und Gänseblümchen überwuchert. Im Sommer wachsen am Hang die Stauden mannshoch. In dem kleinen Wäldchen, das neben der Naturtribüne in die Kurve wuchert, wohnt ein Fuchs. Manchmal füttert ihn der Platzwart. Zwar spielt hier noch der Zweitligist und älteste Fußballklub Österreichs, der First Vienna FC 1894, doch statt der grünen Bühne ist die Hohe Warte mittlerweile das Freiluftmuseum des Wiener Fußballs.

In Meidling läuft es unglücklich an diesem Spieltag für Polsters Viktoria. Ein Eigentor. Nach 52 Minuten steht es 0:1. "Scheiße", mault einer halblaut von der Bierbank. Toni Polster hat die Sonnenbrille abgesetzt. Er kneift seine Augen zusammen, seine Kaumuskeln treten hervor. Etwas verzögert ruft er: "Macht nix, weiter!" Kurz darauf fliegt sein Kapitän nach einer Notbremse vom Platz. Die jüngeren Fans beschimpfen den Schiedsrichter und seine Mutter. Toni Polster hält sich zurück, verschränkt die Arme.

Auch als der Ausgleich fällt – wieder ein Eigentor. Doch als seine Viktoria Angriff um Angriff startet, kann er sich nicht mehr zurückhalten. Polster steht nun auf der Seitenauslinie. Ein strittiges Foul an der Strafraumgrenze. Die Zuschauer fordern Elfmeter, der Schiedsrichter gibt Freistoß. "Schiri, das war das zweite Mal schon!", brüllt Polster. "Naa!", ruft der Schiedsrichter. Polster schaut gequält, dreht sich um, winkt ab. Das will die Bierbank sehen: "Jawoll, Toni, gib alles!", brummt einer und klatscht in die Hände.

Schlusspfiff. Toni Polster umarmt seinen Co-Trainer und seine Spieler. Er gratuliert dem Gästetrainer, applaudiert den Fans. Auf dem Spielfeld fangen ihn Journalisten und Autogrammjäger ab. Der Stadionsprecher will auch noch ein Fazit zum Spiel hören. Während Polster ins Mikrofon spricht, schart sich eine Gruppe Kinder um ihn. Sie schauen zu ihm auf und strecken ihre Hände nach ihm aus – einmal das Vereinsmaskottchen streicheln. Toni Polster lässt das alles gelassen über sich ergehen.

Leserkommentare
  1. 1. Danke!

    Gut zusammengefaßt. So ist es leider.

    Auch wenn die österreichische Nationalmannschaft inzwischen manchmal Anflüge von Qualität erahnen läßt. Aber meist eben nur Anflüge. Und sehr manchmal.

    Aber vielleicht kommen sie alle noch hoch, so in 5-10 Jahren. Wer weiß.

    • Lupo678
    • 07. Januar 2013 10:31 Uhr

    ...hat der liebe Hr. Polster. Hat der nicht mal für dieses Köln gespielt...?!Alles gute für seine Zukunft,super Typ :)

  2. 3. Und...

    ...war Rapid Wien nicht sogar mal deutscher Fußballmeister?

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