SC Wiener ViktoriaToni Polster, der Che Guevara von Meidling
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Der Weg führt Toni zurück zur Bundesliga

Es ist ein Drahtseilakt, zwischen Trainer und Entertainer. "Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass der Abstand zu den Leuten ein wenig zu gering wird", sagt Polster. "Aber das liegt an meinem Wesen. Ich habe die Leute gern, und solang ich noch Luft bekomme, ist das in Ordnung." Denn das Prinzip ist immer noch das gleiche – die Zuschauer wollen unterhalten werden.

Nur manchmal betritt Wien noch die internationale Fußballbühne. Zu gewinnen gibt es nichts. Zumindest nicht auf dem Platz: Im Wiener Ernst-Happel-Stadion sieht Rudi Völler, Sportdirektor von Bayer Leverkusen, ein einseitiges Europa-League-Spiel, das längst entschieden ist: Nach 60 Minuten führt Leverkusen 3:0 bei Rapid Wien. Doch die 10.000 in der Rapid-Kurve stachelt das Debakel auf dem Feld an. Seit dem dritten Gegentor singen sie ununterbrochen, Arm in Arm, sie werden immer lauter. Als die Stadionuhr 74 Minuten und 50 Sekunden anzeigt, geht ein Raunen durch das Stadion. 51, 52, 53. 43.000 Zuschauer stehen auf und heben die Arme. 58, 59 – die 75. Minute beginnt. Auf einen Schlag klatschen sie, erst langsam, dann schneller. Im Takt. Die Menschenmasse sieht aus wie eine Wasseroberfläche, die anfängt zu brodeln, und dann beinahe überschwappt.

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Seit 1919 klatschen sie, wenn die Rapid-Viertelstunde beginnt. So hat der Klub schon oft in der Schlussphase ein Spiel noch gedreht. Aber diesmal hat es etwas Absurdes. Die Hilflosigkeit auf dem Rasen und die Leidenschaft auf den Rängen passen nicht zusammen. Am Ende heißt es 0:4. Rudi Völler staunt. "Ich bin viel herum gekommen in den letzten 20, 30 Jahren", sagt er nach dem Spiel, "aber diese Fans sind überragend."

"Wie ein Wirtshausverein geführt"

Toni Polster vergeht bei diesen Auftritten der Humor: "Heute ist der gesamte österreichische Fußball chancenlos", sagt er. "Wir haben in der Champions League nichts verloren, selbst die Europa League ist für uns eine Klasse zu hoch." Im Dezember 2012 schied Rapid als letzter österreichischer Verein aus – mit einem 1:0 gegen Metalist Charkiw. Es war der erste Europapokal-Heimsieg seit mehr als drei Jahren im Ernst-Happel-Stadion. Rapids Erzrivale – und Polsters Heimatverein – Austria Wien spielte in dieser Saison erstmals seit elf Jahren gar nicht im Europapokal.

Im Amateurfußball gibt es ohnehin genug zu tun, erzählt Polster: "Viele Vereine werden noch wie ein Wirtshausverein geführt." Er weiß, was er an der Viktoria hat – und umgekehrt. Gemeinsam wollen sie in die Regionalliga aufsteigen. Zur Winterpause stehen sie, als Aufsteiger, auf dem zweiten Tabellenplatz. Im Moment gibt es für Polster nur den Fußball-Alltag in der vierten Liga. "Das ist das, was da ist", sagt er. "Ich kann nicht von einem Lamborghini sprechen, wenn ich mir nur einen Polo leisten kann." Noch.

Sein Ziel ist die Bundesliga – egal, ob in Österreich oder in Deutschland, wo er fast zwölf Jahre gespielt hat. "Es ist nicht so, dass ich schlaflose Nächte habe, weil ich noch nicht Trainer in der Bundesliga bin. Aber irgendwann wird es passieren, da hab ich keine Sorge." Auch in Wien-Meidling ist allen klar, dass es eine Liaison auf Zeit ist. Bis Toni die Chance kriegt. Und den Absprung wagt.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. 1. Danke!

    Gut zusammengefaßt. So ist es leider.

    Auch wenn die österreichische Nationalmannschaft inzwischen manchmal Anflüge von Qualität erahnen läßt. Aber meist eben nur Anflüge. Und sehr manchmal.

    Aber vielleicht kommen sie alle noch hoch, so in 5-10 Jahren. Wer weiß.

    • Lupo678
    • 07. Januar 2013 10:31 Uhr

    ...hat der liebe Hr. Polster. Hat der nicht mal für dieses Köln gespielt...?!Alles gute für seine Zukunft,super Typ :)

  2. 3. Und...

    ...war Rapid Wien nicht sogar mal deutscher Fußballmeister?

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