Fußballer Gerald Asamoah : "Nicht alle Rassisten werfen Bananen"
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"Grundlos von Ladendetektiven kontrolliert"

Asamoah: Mein Trainer Mirko Slomka fragte mich, ob ich ausgewechselt werden möchte. Doch mich stachelten die Rufe an, ich wollte es denen zeigen. Auch Boateng hat Respekt für sein Verhalten verdient, ebenso seine Mitspieler für ihre Zivilcourage, ihn zu begleiten.

ZEIT ONLINE: Eigentlich eine Selbstverständlichkeit für Mitspieler. Der Fifa-Boss Joseph Blatter hat Boatengs Reaktion aber kritisiert.

Asamoah: Aus dem Bürostuhl kann der Herr das leicht beurteilen. Auf dem Platz geht es aber um Gefühle, um verletzten Stolz und verletzte Würde. Man muss sich die Situation vorstellen: Du wirst als Einziger auf dem Platz ausgepfiffen, ohne dass Du was getan hast.

ZEIT ONLINE: Trifft Sie der alltägliche Rassismus als Prominenter nicht so hart oder ist es gar umgekehrt? Sie schreiben, dass sie im Jahr 2000, als Sie noch kein Nationalspieler waren, mit Ihrem Bruder aus einer Billardkneipe rausgeworfen wurden.

Asamoah: Da muss man unterscheiden: Als Fußballer, als Nationalspieler kam ich schon mal in eine Disko rein, wo andere Schwarze draußen bleiben mussten – oder ich früher auch. Das hab ich beispielsweise bei meinen Geschwistern, meiner Frau oder Freunden beobachtet. Dafür kann einen Fußballer in einem Stadion die geplante und organisierte Verachtung einer ganzen Gruppe treffen. Das tut sehr weh.

ZEIT ONLINE: Welche subtilere Formen gibt es?

Asamoah: Einige, nicht alle Rassisten werfen Bananen. Man merkt die Einstellung mancher Leute daran, wie sie reden oder einen in der U-Bahn anblicken. Mein Freund Otto Addo hat mir oft erzählt, dass er als Einziger in der 1. Klasse der Bahn oder grundlos im Kaufhaus von Ladendetektiven kontrolliert wurde. Aber ich will nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Gegenüber Einzelnen habe ich mir Reaktionen abgewöhnt. Das trifft mich nur, wenn meine Frau oder Kinder dabei sind. Und in Fürth habe ich noch nichts Schlechtes erlebt.

ZEIT ONLINE: Ein Einzelner beleidigte sie einmal auf dem Spielfeld: Roman Weidenfeller, der Sie Ihren Angaben zufolge "schwarzes Schwein" genannt haben soll. Er bestritt Ihre Version.

Asamoah: Und ich bleibe bei meiner. Ich würde jedoch nie sagen, dass Weidenfeller ein Rassist ist. Denn ich weiß, dass auf dem Platz schon mal etwas rausrutscht, gerade in einem Derby. Ich kann ihm nur sagen: Im Leben macht man Fehler, dazu sollte man stehen. Es traf mich damals zusätzlich, dass ich als Lügner dastand. Für mich ist das Kapitel abgehakt.

ZEIT ONLINE: Über den Streit mit Kevin Großkreutz im Pokalspiel im Jahr 2012 schreiben Sie nichts.

Asamoah: Er wollte mich nach dem Siegtor der Dortmunder demütigen. Das gefiel mir nicht, aber damit konnte ich leben, denn Rivalität gehört zum Fußball.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie geschwiege? Großkreutz war dem Rassismusvorwurf ausgesetzt.

Asamoah: Was er damals sagte, habe ich schlicht nicht verstanden. Daher will ich mich nicht dazu äußern.

ZEIT ONLINE: Haben Sie auch positive Diskriminierung erlebt, etwa Bevorzugung oder besondere Gunst?

Asamoah: Im Restaurant werde ich schon mal mit besonderer Aufmerksamkeit bedient. Das kann aber daran liegen, dass ich ein bekannter Fußballer bin.

ZEIT ONLINE: In St. Pauli waren Sie Publikumsliebling, obwohl Sie noch gar nicht für den Verein spielten.

Asamoah: St. Pauli hat geile Fans. Mich haben die Sprechchöre stets sehr motiviert.

ZEIT ONLINE: Sie erzählen auch eine Anekdote aus Ghana, als Sie mit der Nationalmannschaft trainierten. Darin beklagen Sie, dass die afrikanischen Spieler den Fußball zu locker nähmen.

Asamoah: Denen fehlte es an Disziplin, Ordnung und Ernst. Ich hab das auch erst in Deutschland gelernt, Pünktlichkeit zum Beispiel hat mir auch Mirko Slomka, mein Jugendtrainer, beigebracht. Ich musste oft Geldstrafen zahlen. Zurecht, denn wer zum Training zu spät, kommt auch bei der entscheidenden Flanke zu spät.

ZEIT ONLINE: Gehen Sie in den neuen Tarantino, Django?

Asamoah: Hab ich von gehört, da rächt sich ein Schwarzer an weißen Sklavenhaltern. Muss ich mir anschauen.

ZEIT ONLINE: Heißt es eigentlich Schwarzer?

Asamoah: Manche bevorzugen Farbiger. Aber Sie können mich einen Schwarzen nennen. Wir nennen Euch ja auch Weiße, obwohl Ihr nicht weiß seid.

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Kommentare

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Der Klassiker

Die erste und zweite Frage hört wohl sicherlich so gut wie jeder mit ausländischen Wurzeln. Wenn meine Deutschkenntnisse gelobt werden, um es einmal so zu formulieren, habe ich es immer als Kompliment empfunden, auch wenn ein bitterer Nachgeschmack dabei war. Vor allem dann, wenn man am Ende eines Telefonats noch den Vor- und Nachnahmen bustabieren muss.

Doch wenn ich gefragt werde, ob und wann ich denn "zurückkehre", treibt es mich manchmal in den Wahnsinn: Wie soll ich "zurück", wenn ich noch nie "dort" war? Wichtiger noch, warum sollte ich zurück? Steuerflucht ist auch eigentlich verachtenswert ...

@ # 38 (FreeLeo)

Es macht einen Unterschied, ob man bestimmte Glaubensüberzeugungen oder Praktiken einer Religion kritisiert oder die Religion in Bausch und Bogen als Ganzes. Und es macht dann noch mal einen erheblichen Unterschied, ob man eine Religion kritisiert oder - wiederum in Bausch und Bogen - alle, die ihr angehören.
Insofern ist es nachvollziehbar, dass in manchen Debatten über Religionen (insbesondere denen über den Islam) so manche Äußerung reichlich rassistisch anmutet.

Unterscheiden

Ich weiß zu Teilen, was Sie mit "subtiler Rassismus" meinen, aber man sollte schon unterscheiden können zwischen den verschiedenen Formen (nicht, dass ich Ihnen unterstelle, Sie könnten das nicht. Ich nehme das nur mal zum Anlass, allgemein davon zu sprechen). Wer das nicht tut, macht aus jemandem, der - ohne jede böse Absicht - mal ein falsches Wort benutzt, in der falschen Situation einen unpässlichen Witz macht oder aus Unkenntnis irgendeinen Schmarrn von sich gibt, schnell mal einen "Sklaventreiber", "Judenhasser", "Hitlerfan" oder sonstwas. Das darf auch nicht sein.
Das sage ich nicht, um zu verharmlosen, nur, um an die Urteilskraft mancher Menschen zu appellieren, die aktiv und teilweise organisiert gegen eine sehr ernste und verachtungswürdige Sache kämpfen, dabei zuweilen aber ziellos auf alle einprügeln, die auch nur das geringste Anzeichen von rassistischer oder anderweitiger Diskriminierung verlauten lassen.
Was auch nicht heißen soll, dass man nicht an der Wurzel des Übels dagegen angehen soll und auch subtile Diskriminierung jeder Art bekämpfen. Vorher vielleicht aber auch einfach mal fragen, wie's denn gemeint war. Und wenn wirklich Mist in der relevanten Hinsicht rauskommt, dann reden und nicht gleich "Rassist" rufen und weglaufen. Schon psychologisch betrachtet ist das unklug, ruft nur Trotz hervor, aber auch zwischenmenschlich ist das nicht gerade nett.