Philosoph"Guardiolas Fußball ist die Abkehr von männlichen Tugenden"

Keine Schüsse, keine Kopfbälle, kein Kampf, Penetrationsarmut – der Philosoph Wolfram Eilenberger fürchtet eine Feminisierung des Fußballs durch Pep Guardiola. von 

Sein Fußballideal wird gerade hymnisch gefeiert: Pep Guardiola.

Sein Fußballideal wird gerade hymnisch gefeiert: Pep Guardiola.  |  © Lluis Gene/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Eilenberger, Sie haben es als Philosoph in die Bild-Zeitung geschafft, mit Ihrer These von der Feminisierung des Fußballs, die dem FC Bayern mit Pep Guardiola bevorstehe. Sie kamen nicht gut weg.

Wolfram Eilenberger: Ich war überrascht, mich in der Bild wiederzufinden. Die lieben Kollegen titulieren mich als "Denk-Doktor", aber auch als "Philodoofen". In den Kommentaren der User heißt es sinngemäß: Der Philosoph soll sich über etwas anderes den Kopf zerbrechen. Die Anfeindungen richteten sich aber gegen die Philosophie als Disziplin, nicht gegen die These an sich.

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ZEIT ONLINE: Was soll das sein: die Feminisierung des Fußballs?

Eilenberger: Die taktisch forcierte Abkehr von männlich codierten Tugenden: der Physis, dem Kampf, der Durchsetzungskraft, der Ichbezogenheit, auch der potenziellen Großräumigkeit des Spiels. Körperlich extrem starke, auch elegante Stürmer wie Samuel Eto'o und Zlatan Ibrahimovic hatten bei Guardiola keine Chance. Mario Gomez und Mario Mandzukic sollten davon Notiz nehmen. Im idealen Fußball des Guardiola regieren kurze Pässe, es gibt keine Distanzschüsse, direkten Freistöße, Flanken, Kopfballtore. Kleinteilige Ballkontrolle und Penetrationsarmut kennzeichnen seinen Stil. Günter Netzer, übernehmen Sie!

ZEIT ONLINE: Ist Ihre Verweiblichungsthese nicht sexistisch?

Eilenberger: Sie ist zugespitzt, zielt aber auf vorhandene Dynamiken, die den Fußball überschreiten. Das drohende "Ende des Mannes" – nicht als biologischer Leib, sondern als gesellschaftliches Entwicklungsideal – ist ein Thema, das sämtliche gesellschaftliche Bereiche prägt. Die Publizistin Hanna Rosin hat dazu ein datengesättigtes Werk geschrieben. Eins möchte ich aber betonen: Nicht wenige im Internet haben meine These homophobisch missbraucht, als wollte ich Guardiola oder Messi der Homosexualität zeihen. Das macht mich wütend, weil ich mich wiederholt für eine leider noch immer ausstehende Akzeptanz homosexueller Fußballer engagiert habe.

ZEIT ONLINE: Ist denn gesagt, dass Guardiola nur Tiki-Taka kann und will?

Eilenberger: Es ist eine offene Frage, wie konsequent er es in München umsetzen will. Allerdings wird sein Ideal gerade hymnisch gefeiert. Sehr gespannt wäre ich, wie das Publikum darauf reagieren würde.

ZEIT ONLINE: Ist denn gesagt, dass der Fußball Marke Barca auf ewig das Maß aller Dinge sein wird?

Eilenberger: Keineswegs, vielmehr könnte dieser Stil seinen Zenit bereits 2011 überschritten haben – und zwar mit dem brillanten Champions-League-Sieg von Barcelona gegen Manchester United, vor allem mit dem WM-Sieg der japanischen Frauen, die Guardiolas Spielidee perfekt exekutierten und physisch überlegene Mannschaften wie Deutschland und die USA ausschalteten. Die Feminisierung des Frauenfußballs war sozusagen die letzte Hürde. Aber taktischer Widerstand organisiert sich. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass die Bayern einen verglühten Stern gekauft haben.
 

Leserkommentare
    • funky_B
    • 25. Januar 2013 11:27 Uhr

    ...wir doch erst einmal ab, ob der Pep das Barca-TikiTaka auch in München in dieser Weise durchzieht. Ein guter Trainer muss auch sehen, was für personelle Ressourcen ihm zu Verfügung stehen und seine Spielidee dann danach ausrichten. Der Bayernspielstil ist dem Barcastil zwar ähnlich, in der Physis sind diese Mannschaften jedoch völlig unterschiedliche. Das ist Guardiolas erster Clubwechsel als Trainer. Jetzt kann er beweisen, ob er der SChlüssel zum (internationalen) Erfolg ist oder ob er seine Erfolge in den 4 Jahren bei Barcelona der Mannschaft um Messi, Xavi, Iniesta und co zu verdanken hat.

    Eine Leserempfehlung
    • claubro
    • 25. Januar 2013 11:29 Uhr

    Ich könnte mir zumindest vorstellen, dass er dafür sorgt, dass in Zukunft mehr Frauen die deutsche Bundesliga und vor allem die Bayern-Spiele verfolgen werden. Auch eine Form von Feminisierung.

    Eine Leserempfehlung
  1. "Im idealen Fußball des Guardiola regieren kurze Pässe, es gibt keine Distanzschüsse, direkten Freistöße, Flanken, Kopfballtore."
    Genau so ist es. Nur leider versäumt der Fußball-Philosoph zu erklären, was daran ideal ist. Es geht darum, den Faktor "Zufall" aus dem Spiel zu nehmen. Lange Pässe, Distanzschüsse, direkte Freistößem Flanken - wann immer einer auf dem Platz dazu ansetzt, denken er und die Zuschauer: Wird schon irgendwie ankommen, wird schon irgendwie reingehen.
    Dieses "Irgendwie" hat auch seinen Reiz - man denke an Ibrahimovic' Fallrückzieher. Aber sobald dieses Irgendwie von physisch topfitten Spielern mit entsprechendem Laufvermögen durch System und Zielstrebigkeit ersetzt wird, erstrahlt das Fußballspiel in seiner eigentlichen Schönheit.
    Im übrigen sollte man Guardiola nicht mir fremden Lorbeeren schmücken. Die Erfinder dieser Art Fußball sind wohl eher Johan Cruyff und Louis Aragonéz.

    13 Leserempfehlungen
  2. der Philosoph Wolfram Eilenberger fürchtet eine Feminisierung des Fußballs durch Pep Guardiola.

    wäre es vielelicht nicht besser, dieser herr würde über andere themen philosophieren ;)

    17 Leserempfehlungen
    • miomoi
    • 25. Januar 2013 11:38 Uhr

    wie laaangweilig,
    hoffentlich sehen wir sowas bald nicht auch in der bundesliga:

    http://www.laola1.tv/de/a...

    ...das wäre ja...

    3 Leserempfehlungen
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    • KG
    • 25. Januar 2013 16:52 Uhr

    ...so ein Zusammenschnitt, da man damit nicht beurteilen kann, wie die restlichen 84(+) Minuten aussahen. Habe das Spiel auch leider nicht sehen können, habe aber das Hinspiel gesehen und muss zugeben, dass ich es zwischendurch wirklich monoton fand.
    Das heißt natürlich nicht, dass ich alle Barca-Spiele langweilig finde, aber stellenweise vermisse ich schon mal die langen Bälle.
    Allerdings gefällt mir Barca unter Vilanova wieder besser als unter Guardiola in seinem letzten Jahr, ich habe den subjektiven Eindruck, dass es wieder etwas schneller zum Tor geht, die Pässe etwas steiler sind, der Ballbesitz häufiger zugunsten des Torabschlusses riskiert wird.

    Insgesamt kann ich die Kritik von Herrn Eilenberger auf jeden Fall nachvollziehen, denn wenn das System von einem weniger gut besetzten Verein gespielt würde, wäre es wohl unglaublich langweilig.

  3. Fußball ist ein Spiel wie jedes andere auch und unterliegt somit auch den Überlegungen der Spieltheorie.
    Peps eher femininer Spielstil ist einer von vielen und gerade in Mode, genauso wie bei technisch schwachen Mannschaften der Bunkerfußball. Ich sehe deshalb den Fußball als männliche Domäne nicht bedroht und warum das tiki-Taka immer noch so gut funktioniert liegt auch an Ausnahmetalent Messi, der durch seine Soli aus dem Korsett ausbricht. Die Italiener und Chealsea haben in der Cl gezeigt wie man gegen diese Art des Fußballs ankommt, Chelsea und inter haben Barca bezwungen. Tiki Taka will den Ball nicht hergeben und Bunker-fußball braucht ihn nicht unbedingt, deshalb hilft das lange halten des Balles auch nichts. Jede Strategie hat ihren direkten Konter, man muss nur wissen welcher es ist und ihn richtig einsetzen.
    Prandellis Art der dynamischen Verschiebung seiner Abwehrreihe war etwas und neues und ich glaube das diese Taktik bald in Mode kommen wird.
    Herzlichst ein Fußball und Strategiespielfan.

    4 Leserempfehlungen
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    Wenn ich Ihren letzten Absatz richtig verstanden habe, dann kommt das derzeitige Dortmunder System dieser Vorstellung recht nahe, oder übersehe ich da etwas?

    Dortmund spielt zwar nicht mit einer Dreierkette und Libero, aber ja das dynamische Konzept ist ähnlich ausgelegt.

  4. Guardiola bekennt sich zum Kantianismus, Eilenberger zur.... naja, fussballerischen Variante Heideggers? Wer spielt uns dann bitte hier die Rolle des auf Klages und Lacan aufgepfropften Derrida und entlarvt den Phallogocentrismus? Eilenbergers Rat aus der (ja welcher) Liga der Philosophie an die Champions League des Fussballs: Monokultur des (Spiel)Geistes!.... Der Vorwurf an Guardiola: Dogmatismus! Eilenbergers Alternative: ein anderer (aelterer) Dogmatismus? Statt Femininisierung oder Maskulinismus, wie waere es mit Flexibilitaet? Oder, mit Deleuze und Guattari, Braidotti, oder Stengers: Nomadischer Spielwitz? Oder doch ein bisserl Whitehead: Abenteuer der Idee. Eilenberger, ein bisschen weniger Spitze des Speeres (Heidegger), sondern "be like water, my friend" (Bruce Lee).

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  5. Wer Fussball spielt, will Tore schiessen und gewinnen und nicht schön aussehen. Entscheidend ist, ob man als Sieger mit mehr Toren vom Platz geht. Wie man das innerhalb des Regelwerks macht, ist gleichgültig. Wenn tatsächlich eine "feminine" Note zu mehr Toren und Siegen führt, ist diese Methode eben besser. Und wenn es am Ende aller Tage heisst, dass Frauen besser Fußball spielen können als Männer, dann spielen sie eben besser. Was soll das Gejammer um männliche Tugenden? Sind diese Tugenden Selbstzweck nach dem Motto: "Hauptsache männlich, das Spiel ist egal?" Dieses Motto gilt weder im Fussballspiel noch sonstwo.

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