ZEIT ONLINE: Was und wer ist nach Ihrem Geschmack?

Eilenberger: Ein taktisches Konzept, das die distinkt männlichen Schönheiten des Fußballs betont und dabei erfolgreich ist. Darin bestand ja die eigentliche Tragödie der vorigen Saison: Die alten Recken Chelseas waren mit einem hässlichen, männlich-destruktiven Stil erfolgreich. José Mourinho bleibt der intelligenteste Widerpart und in Deutschland Thomas Tuchel, der mit wuchtigen Stürmern ein temporeiches, intensives Spiel aufziehen lässt. Er wäre für Bayern eine mutige und wegweisende Wahl gewesen. Einen Fehler begeht hingegen Jogi Löw, der der "spanischen Herausforderung" mit einer noch weicheren Mischung begegnen will.

ZEIT ONLINE: Vielen ist egal, ob Barca weich ist oder weiblich, sie empfinden den Fußball des FC Barcelona als sehr schön.

Eilenberger: Was mich fasziniert, ist die Geschmacksumwandlung, die sich in Deutschland offenbart. Dass Guardiolas Stil etwas anderes als schön sein könnte, wird nicht einmal erwogen. Es liegt wohl daran, dass Barcelonas Spiele von den Journalisten selten in voller Länge gesehen werden. Wenn Sie mit fachkundigen Menschen aus Barcelona sprechen, hören Sie durchaus Klagen, wie langweilig das Ganze war. Das gilt auch für die spanische Nationalelf, den taktischen Klon. Bis auf dreißig starke Finalminuten hatte das Auftreten der Spanier bei der EM Boykottcharakter. Bestes Beispiel für das dunkle Potenzial des Guardiola-Ideals ist die kurz ausgeführte Ecke. Hat er bei Barcelona höchstpersönlich verordnet – eine Verhöhnung des Spiels und seiner Tiefengrammatik.

ZEIT ONLINE: Kurze Ecken gab es schon immer.

Eilenberger: Als Mittel zum Zeitschinden, für das Endgefummel in den letzten zwei Spielminuten! Kurze Ecken richten sich gegen eine Grundidee des Fußballs: die Aussicht, durch eine Kombination aus Präzision und Physis ein Tor zu schießen.

ZEIT ONLINE: Ihnen ist es ernst mit Ihrer These von der Feminisierung.

Eilenberger: Ja, sehr ernst. Ich bin Bayern-Fan, ich bin Fußball-Fan, und ich mache mir Sorgen um die Schönheit des Spiels. In letzter Konsequenz könnte Guardiola nicht nur mir, sondern einem ganzen Kontinent die Lust am Fußball nehmen.

Wolfram Eilenberger ist Chefredakteur des Philosophie Magazins und spielt im linken Mittelfeld der deutschen Autoren-Nationalmannschaft.