Philosoph"Guardiolas Fußball ist die Abkehr von männlichen Tugenden"
Seite 2/2:

"Ich bin Bayern-Fan und mache mir Sorgen um die Schönheit des Spiels"

Wolfram Eilenberger in einer maskulinen Spielaktion

Wolfram Eilenberger in einer maskulinen Spielaktion  |  © Getty Images

ZEIT ONLINE: Was und wer ist nach Ihrem Geschmack?

Eilenberger: Ein taktisches Konzept, das die distinkt männlichen Schönheiten des Fußballs betont und dabei erfolgreich ist. Darin bestand ja die eigentliche Tragödie der vorigen Saison: Die alten Recken Chelseas waren mit einem hässlichen, männlich-destruktiven Stil erfolgreich. José Mourinho bleibt der intelligenteste Widerpart und in Deutschland Thomas Tuchel, der mit wuchtigen Stürmern ein temporeiches, intensives Spiel aufziehen lässt. Er wäre für Bayern eine mutige und wegweisende Wahl gewesen. Einen Fehler begeht hingegen Jogi Löw, der der "spanischen Herausforderung" mit einer noch weicheren Mischung begegnen will.

ZEIT ONLINE: Vielen ist egal, ob Barca weich ist oder weiblich, sie empfinden den Fußball des FC Barcelona als sehr schön.

Eilenberger: Was mich fasziniert, ist die Geschmacksumwandlung, die sich in Deutschland offenbart. Dass Guardiolas Stil etwas anderes als schön sein könnte, wird nicht einmal erwogen. Es liegt wohl daran, dass Barcelonas Spiele von den Journalisten selten in voller Länge gesehen werden. Wenn Sie mit fachkundigen Menschen aus Barcelona sprechen, hören Sie durchaus Klagen, wie langweilig das Ganze war. Das gilt auch für die spanische Nationalelf, den taktischen Klon. Bis auf dreißig starke Finalminuten hatte das Auftreten der Spanier bei der EM Boykottcharakter. Bestes Beispiel für das dunkle Potenzial des Guardiola-Ideals ist die kurz ausgeführte Ecke. Hat er bei Barcelona höchstpersönlich verordnet – eine Verhöhnung des Spiels und seiner Tiefengrammatik.

ZEIT ONLINE: Kurze Ecken gab es schon immer.

Eilenberger: Als Mittel zum Zeitschinden, für das Endgefummel in den letzten zwei Spielminuten! Kurze Ecken richten sich gegen eine Grundidee des Fußballs: die Aussicht, durch eine Kombination aus Präzision und Physis ein Tor zu schießen.

ZEIT ONLINE: Ihnen ist es ernst mit Ihrer These von der Feminisierung.

Eilenberger: Ja, sehr ernst. Ich bin Bayern-Fan, ich bin Fußball-Fan, und ich mache mir Sorgen um die Schönheit des Spiels. In letzter Konsequenz könnte Guardiola nicht nur mir, sondern einem ganzen Kontinent die Lust am Fußball nehmen.

Wolfram Eilenberger ist Chefredakteur des Philosophie Magazins und spielt im linken Mittelfeld der deutschen Autoren-Nationalmannschaft.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • funky_B
    • 25. Januar 2013 11:27 Uhr

    ...wir doch erst einmal ab, ob der Pep das Barca-TikiTaka auch in München in dieser Weise durchzieht. Ein guter Trainer muss auch sehen, was für personelle Ressourcen ihm zu Verfügung stehen und seine Spielidee dann danach ausrichten. Der Bayernspielstil ist dem Barcastil zwar ähnlich, in der Physis sind diese Mannschaften jedoch völlig unterschiedliche. Das ist Guardiolas erster Clubwechsel als Trainer. Jetzt kann er beweisen, ob er der SChlüssel zum (internationalen) Erfolg ist oder ob er seine Erfolge in den 4 Jahren bei Barcelona der Mannschaft um Messi, Xavi, Iniesta und co zu verdanken hat.

    Eine Leserempfehlung
    • claubro
    • 25. Januar 2013 11:29 Uhr

    Ich könnte mir zumindest vorstellen, dass er dafür sorgt, dass in Zukunft mehr Frauen die deutsche Bundesliga und vor allem die Bayern-Spiele verfolgen werden. Auch eine Form von Feminisierung.

    Eine Leserempfehlung
  1. "Im idealen Fußball des Guardiola regieren kurze Pässe, es gibt keine Distanzschüsse, direkten Freistöße, Flanken, Kopfballtore."
    Genau so ist es. Nur leider versäumt der Fußball-Philosoph zu erklären, was daran ideal ist. Es geht darum, den Faktor "Zufall" aus dem Spiel zu nehmen. Lange Pässe, Distanzschüsse, direkte Freistößem Flanken - wann immer einer auf dem Platz dazu ansetzt, denken er und die Zuschauer: Wird schon irgendwie ankommen, wird schon irgendwie reingehen.
    Dieses "Irgendwie" hat auch seinen Reiz - man denke an Ibrahimovic' Fallrückzieher. Aber sobald dieses Irgendwie von physisch topfitten Spielern mit entsprechendem Laufvermögen durch System und Zielstrebigkeit ersetzt wird, erstrahlt das Fußballspiel in seiner eigentlichen Schönheit.
    Im übrigen sollte man Guardiola nicht mir fremden Lorbeeren schmücken. Die Erfinder dieser Art Fußball sind wohl eher Johan Cruyff und Louis Aragonéz.

    13 Leserempfehlungen
  2. der Philosoph Wolfram Eilenberger fürchtet eine Feminisierung des Fußballs durch Pep Guardiola.

    wäre es vielelicht nicht besser, dieser herr würde über andere themen philosophieren ;)

    17 Leserempfehlungen
    • miomoi
    • 25. Januar 2013 11:38 Uhr

    wie laaangweilig,
    hoffentlich sehen wir sowas bald nicht auch in der bundesliga:

    http://www.laola1.tv/de/a...

    ...das wäre ja...

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • KG
    • 25. Januar 2013 16:52 Uhr

    ...so ein Zusammenschnitt, da man damit nicht beurteilen kann, wie die restlichen 84(+) Minuten aussahen. Habe das Spiel auch leider nicht sehen können, habe aber das Hinspiel gesehen und muss zugeben, dass ich es zwischendurch wirklich monoton fand.
    Das heißt natürlich nicht, dass ich alle Barca-Spiele langweilig finde, aber stellenweise vermisse ich schon mal die langen Bälle.
    Allerdings gefällt mir Barca unter Vilanova wieder besser als unter Guardiola in seinem letzten Jahr, ich habe den subjektiven Eindruck, dass es wieder etwas schneller zum Tor geht, die Pässe etwas steiler sind, der Ballbesitz häufiger zugunsten des Torabschlusses riskiert wird.

    Insgesamt kann ich die Kritik von Herrn Eilenberger auf jeden Fall nachvollziehen, denn wenn das System von einem weniger gut besetzten Verein gespielt würde, wäre es wohl unglaublich langweilig.

  3. Fußball ist ein Spiel wie jedes andere auch und unterliegt somit auch den Überlegungen der Spieltheorie.
    Peps eher femininer Spielstil ist einer von vielen und gerade in Mode, genauso wie bei technisch schwachen Mannschaften der Bunkerfußball. Ich sehe deshalb den Fußball als männliche Domäne nicht bedroht und warum das tiki-Taka immer noch so gut funktioniert liegt auch an Ausnahmetalent Messi, der durch seine Soli aus dem Korsett ausbricht. Die Italiener und Chealsea haben in der Cl gezeigt wie man gegen diese Art des Fußballs ankommt, Chelsea und inter haben Barca bezwungen. Tiki Taka will den Ball nicht hergeben und Bunker-fußball braucht ihn nicht unbedingt, deshalb hilft das lange halten des Balles auch nichts. Jede Strategie hat ihren direkten Konter, man muss nur wissen welcher es ist und ihn richtig einsetzen.
    Prandellis Art der dynamischen Verschiebung seiner Abwehrreihe war etwas und neues und ich glaube das diese Taktik bald in Mode kommen wird.
    Herzlichst ein Fußball und Strategiespielfan.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn ich Ihren letzten Absatz richtig verstanden habe, dann kommt das derzeitige Dortmunder System dieser Vorstellung recht nahe, oder übersehe ich da etwas?

    Dortmund spielt zwar nicht mit einer Dreierkette und Libero, aber ja das dynamische Konzept ist ähnlich ausgelegt.

  4. Guardiola bekennt sich zum Kantianismus, Eilenberger zur.... naja, fussballerischen Variante Heideggers? Wer spielt uns dann bitte hier die Rolle des auf Klages und Lacan aufgepfropften Derrida und entlarvt den Phallogocentrismus? Eilenbergers Rat aus der (ja welcher) Liga der Philosophie an die Champions League des Fussballs: Monokultur des (Spiel)Geistes!.... Der Vorwurf an Guardiola: Dogmatismus! Eilenbergers Alternative: ein anderer (aelterer) Dogmatismus? Statt Femininisierung oder Maskulinismus, wie waere es mit Flexibilitaet? Oder, mit Deleuze und Guattari, Braidotti, oder Stengers: Nomadischer Spielwitz? Oder doch ein bisserl Whitehead: Abenteuer der Idee. Eilenberger, ein bisschen weniger Spitze des Speeres (Heidegger), sondern "be like water, my friend" (Bruce Lee).

    7 Leserempfehlungen
  5. Wer Fussball spielt, will Tore schiessen und gewinnen und nicht schön aussehen. Entscheidend ist, ob man als Sieger mit mehr Toren vom Platz geht. Wie man das innerhalb des Regelwerks macht, ist gleichgültig. Wenn tatsächlich eine "feminine" Note zu mehr Toren und Siegen führt, ist diese Methode eben besser. Und wenn es am Ende aller Tage heisst, dass Frauen besser Fußball spielen können als Männer, dann spielen sie eben besser. Was soll das Gejammer um männliche Tugenden? Sind diese Tugenden Selbstzweck nach dem Motto: "Hauptsache männlich, das Spiel ist egal?" Dieses Motto gilt weder im Fussballspiel noch sonstwo.

    10 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service