Afrika-CupMourinhos Praktikant mischt Afrikas Fußball auf

Ein Teilzeit-Trainer steht mit dem Mini-Staat Kap Verde im Viertelfinale des Afrika-Cups. Lucio Antunes ist eigentlich Fluglotse – und hat bei Real Madrid hospitiert. von Olaf Jansen

Der Trainer von Kap Verde, Lucio Antunes, nach dem Sieg gegen Angola

Der Trainer von Kap Verde, Lucio Antunes, nach dem Sieg gegen Angola  |  © Stephane de Sakutin/AFP/Getty Images

Lucio Antunes konnte nicht mehr anders. Als am Sonntagabend die Afrika-Cup-Partie zwischen Kap Verde und Angola abgepfiffen wurde, griff sich der Trainer von Kap Verde eine Landesfahne und rannte minutenlang jubelnd über den Rasen des Stadions von Port Elizabeth. "Es ist für unser Volk. Ich widme diesen einzigartigen Erfolg unserer Nation", schrie der Coach in die Mikrofone der TV-Kameras. Die Party ging in den Katakomben des Stadions weiter: Die Spieler enterten die Pressekonferenz, tanzten und sangen dabei das "Kreolenlied", ein Volkslied über Kap Verde und den Stolz ihrer Einwohner mit den portugiesischen Wurzeln. "Es ist wie ein Traum. Total verrückt, was passiert ist", sagte der Mittelfeldspieler Guy Ramos.

Kap Verde, die Inselgruppe vor Westafrika, ist mit nur rund 500.000 Einwohnern das kleinste Land, das es je zum Afrika-Cup schaffte. Als Kanonenfutter angetreten, steht die Mannschaft nun im Viertelfinale des Turniers, nachdem es im letzten Gruppenspiel gegen Angola in den letzten zehn Minuten noch einen 0:1-Rückstand drehte. Das Siegtor fiel in der Nachspielzeit, durch einen gewissen Heldon, der sein Geld bei Maritimo Funchal auf Madeira verdient. Am Samstag wartet Ghana.

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Dabei hätte der starke Auftritt der Inselkicker gar keine große Überraschung mehr sein dürfen: Scheiterten die Kapverden in der Qualifikation für das afrikanische Endturnier 2012 noch knapp wegen der schlechteren Tordifferenz an Mali, klappte es ein Jahr später besser. Als zunächst Madagaskar ausgeschaltet war, war das große Kamerun der Gegner in der letzten Qualifikations-Runde. Nach einem 0:2 auf den Inseln reichten Samuel Eto’o und seinen Kollegen ein 2:1-Heimsieg in Yaounde nicht mehr – der Underdog hatte die Sensation geschafft. "Dieses Team sollte man auch bei der Endrunde nicht unterschätzen", meinte daraufhin ein beeindruckter Eto’o.

An diesem Abend klingelte das Telefon von Lucio Antunes. Am Apparat war José Mourinho, der seinem kapverdischen Trainerkollegen persönlich zum größten Erfolg in der Fußballgeschichte des kleinen Inselvolkes gratulieren wollte. Mourinho, Trainer von Real Madrid, ist ein persönlicher Freund des kapverdischen Staatspräsidenten Jorge Carlos Fonseca und verfolgt den Fußball in der einstigen portugiesischen Kolonie ganz genau. "Es ist eine Ehre für uns, dass sich der beste Trainer der Welt so für uns interessiert", sagte Lucio Antunes nach dem Anruf und bekam das Lob von Mourinho postwendend zurück, nachdem der ihn Anfang Dezember nach Madrid eingeladen hatte. "Antunes ist ein sehr intelligenter Trainer. Er ist gut organisiert und hat klare Vorstellungen. Er ist sehr talentiert", sagte Mourinho. Sieben Tage schaut ihm Antunes beim Real-Training über die Schulter.

Tatsächlich wird der große Erfolg der Kapverden in erster Linie dem 46-jährigen Trainer gutgeschrieben. In der Hauptstadt Praia, was soviel heißt wie "Strand", geboren blieb er dem Inselfußball stets verbunden, bis er 2010 die Leitung der damals kaum bekannten Nationalmannschaft übernahm. Kein Fulltime-Job. Nebenbei arbeitet Antunes als Fluglotse auf dem Hauptstadt-Flughafen. Das sei übrigens viel schwerer als eine Fußballmannschaft zu trainieren, sagte er neulich.

Fußball hat auf Kap Verde durchaus Tradition. Nani, Patrick Vieira und Henrik Larsson spielten zwar nicht für das kleine Nationalteam, haben aber alle kapverdisches Blut in den Adern. Sogar Cristiano Ronaldo soll eine kapverdische Ur-Oma haben. Nicht verwunderlich, dass Lucio Antunes tat, was in der jüngeren Vergangenheit viele Nationaltrainer im afrikanischen Fußball taten: Er schaute sich in der Fußballwelt nach weiteren höherklassigen Spielern mit, in diesem Fall, kapverdischen Wurzeln um, die noch zu haben waren. Und er war erfolgreich. Antunes stellte mit Spielern aus Portugal, Frankreich und vielen in Osteuropa tätigen Profis ein neues Team zusammen, das eine ganz neue Qualität auf den Rasen brachte.

Der Fußball von Kap Verde ist dabei kein sehr geheimnisvoller: Er basiert auf einer soliden Abwehr und einer Handvoll sehr schneller und flexibel agierenden Angreifern. Entscheidend aber ist wohl das Zusammengehörigkeitsgefühl der Spieler, von denen nicht einmal die Hälfte auf Kap Verde geboren wurde. "Wir Spieler kennen uns nicht sehr gut. Dennoch funktionieren wir als Mannschaft. Das ist ein Verdienst des Trainers", sagt der Mittelfeldmann Odair Fortes, der sein Geld im französischen Reims verdient.

Die Finanzen sind allerdings bei aller fußballerischen Qualität das große Problem von Kap Verde. Das kleine Land hat keine Bodenschätze, Landwirtschaft ist auf den regenarmen Inseln kaum möglich. Exportiert werden Fische und ein paar Bananen. Geld für die Fußballer ist da knapp. Gerade einmal umgerechnet 1.800 Euro pro Mann bekamen die Spieler nach der geschafften Qualifikation für die Endrunde der Afrikameisterschaft.

Um die Reise nach Südafrika überhaupt finanzieren zu können, mussten daher Sonderaktionen her. "Wir haben etwas Unterstützung von der Regierung bekommen, das reicht aber nicht, um die Endrunde finanzieren zu können", sagt der Fußballpräsident Mario Semedo. In den Wochen vor dem Turnier wurde daher eine Stiftung mit dem Namen "Operation Afrika-Cup" gegründet, in die alle Bürger der Inselgruppe einzahlen sollten.

Zusätzlich zu den Spenden der Bürger gingen die Einnahmen aus einem Benefiz-Konzert und zehn Prozent aus dem Verkauf einer Sonder-Briefmarke in diesen Fonds. Das Geld reichte am Ende, die Kapverden sind in Südafrika angekommen. Und sie können sicher sein: Es hat sich gelohnt. "Der Fußball wird unser Land einen wie noch nie etwas anderes zuvor", glaubt Staatspräsident Fonseca. José Mourinho ist schon mal dabei.
 

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Leserkommentare
  1. ...der die Kap Verden ohne Superlative beleuchtet und den Erfolg nicht nur auf das einwöchige Praktikum bei Mourinho reduziert.

  2. Mir gefällt Ihr Artikel über den Fussball in Cabo Verde.
    Nur eins noch.....Kap Verde hat mehr zu bieten als Fische und Bananen. Letztes Jahr verbrachten mehr als 500.000 Touristen ihren Urlaub dort und es gab über 3 Millionen Hotelübernachtungen.

  3. unglaublich!!!!

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