Lance Armstrong, Meister des Kalküls © Mandel Ngan/AFP/Getty Images

Ein glattes Bild hat sich das Oprah Winfrey Network für das Interview des Jahres ausgedacht: zwei Wassergläser, leere Vasen, ein leicht geöffneter Vorhang, braune Lederstühle, auf denen sich Oprah Winfrey und Lance Armstrong gegenübersitzen. Das sah nach Kirchenfernsehen aus, und dieser Eindruck soll ja auch vermittelt werden: Lance Armstrong im Beichtstuhl der Entertainment-Mutter Amerikas.

Wer auf einem Beichtstuhl Platz nimmt, möchte Buße tun und Reue zeigen. Doch die ersten knapp sechzig Minuten des Interviews (der zweite Teil wird heute ausgestrahlt) zeigten, dass der Betrüger Armstrong nicht vom Saulus zum Paulus geworden ist.

Dabei begann das Gespräch (komplettes Video) vielversprechend. Oprah Winfrey klopfte im Eiltempo die Gretchenfragen ab. Es sollten Armstrongs ehrlichste Antworten bleiben:

"Haben sie je verbotene Substanzen zur Leistungssteigerung genommen?"
"Ja."
"War Epo eine?"
"Ja."
"Haben sie auch Eigenblutdoping oder Bluttransfusion genutzt?"
"Ja."
"Haben sie andere verbotene Substanzen wie Testosteron, Kortison oder Wachstumshormone genommen?"
"Ja."
"Haben sie bei allen sieben Tour-de-France-Siegen verbotene Substanzen und Eigenblut genommen?"
"Ja."
"Ist es überhaupt möglich die Tour siebenmal hintereinander ohne Doping zu gewinnen?"
"Ich glaube nicht."

Armstrong hatte bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit Monaten keine andere Wahl. Zu viele Menschen aus seinem Umfeld hatten in den letzten Monaten ihr Schweigen gebrochen, berichteten über die Praktiken des professionellen Dopings von Armstrong und seinen Gehilfen. Wenige Monate nach der Veröffentlichung der rund tausend Seiten Beweismaterial der Usada musste Armstrong Doping zugeben.

"Ich habe dich Schlampe genannt, aber ich habe dich nie als fett bezeichnet"

Das Interview wurde wie erwartet zu einem Lehrstück des Kalküls. Zwölf Personen soll Armstrong zur Aufzeichnung, die am vergangenen Montag stattfand, in ein Hotel in Austin (Texas) mitgebracht haben. Darunter mehrere Anwälte, angeführt von Tim Herman und Sean Breen und seinem Geschäftspartner und langjährigen Manager Bill Stapleton. Eine große juristische Truppe, die von Armstrong gut bezahlt worden sein dürfte, um das Drehbuch für sein Gespräch zu erarbeiten. Es muss eine komplizierte Vorbereitung gewesen sein: Wie viel muss Armstrong sagen, um sein Image zu verbessern? Was durfte er nicht sagen, um weitere Schadenersatzforderungen zu vermeiden? Armstrong hinterließ im Interview oft den Eindruck, als würde das Briefing der Juristen in seinem Kopf arbeiten.

Armstrong gab sich zwar in Ansätzen persönlich und selbstkritisch. Auf die Frage nach seiner Motivation zu dopen, sagte er: "Der unbändige Wille zu siegen. Das wurde zur Charakterschwäche. Ein arroganter Sack. Das war nicht gut." Doch eine Entschuldigung an die Menschen, die er jahrelang öffentlich diffamierte, erbot er nur auf Nachfrage und halbherzig. Der Ehegattin eines Exfahrerkollegen, Betsy Andreu, sagte er: "Tut mir leid. Ich habe dich Schlampe genannt, aber ich habe dich nie als fett bezeichnet." Betsy Andreu reagierte wütend.

In den US-Medien war in den Tagen vor der Ausstrahlung auch spekuliert worden, ob Armstrong mit einem Geständnis weitere Doping-Mitwisser aus seinem Umfeld benennen würde. Der ehemalige Präsident des Radsportweltverbandes, der Holländer Hein Verbruggen, war am Mittwoch nach Informationen von ZEIT ONLINE von Lüttich nach Genf geflogen, um sich mit seinem Nachfolger im UCI-Präsidium, dem Iren Pat McQuaid, zu treffen. Das Armstrong-Interview wird sicher ihr Thema gewesen sein.

Sie hatten einiges zu fürchten. Armstrong hätte über seltsame Vorgänge berichten können. Aber auch hier Enttäuschung: Auf Winfreys Frage, warum er zu seiner aktiven Zeit mindestens 125.000 Dollar an die UCI spendete, antwortete Armstrong unbedarft: "Die haben mich darum gebeten. Einen Deal gab es nicht. Das war nicht im Austausch gegen eine Maskierung. Die haben gesagt, wie wäre es mit einer Spende? Ich meinte: Ok." Absprachen mit den Anti-Doping-Wächtern rund um eine positive Dopingprobe bei der Tour de Suisse 2001 bestritt er ebenso: "Es gab keine Bestechung des Labors. Es gab kein geheimes Meeting mit dem UCI-Chef. Das war nicht so."

Das Doping ist ohnehin verjährt

Auch über seine fragwürdigen Geschäftspraktiken mit Managern und Politikern schwieg Armstrong, die korrupten Praktiken im eigenen ehemaligen Rennstall der US-Post erwähnte er nicht. Am Donnerstag gab das US-Justizministerium bekannt, als Kläger in einem Prozess unter anderem gegen Lance Armstrong aufzutreten, den Exteamkollege Floyd Landis mit seinen Aussagen als Kronzeuge ins Leben gerufen hatte. Armstrong wird sich also weiter selbst verteidigen müssen.

Immerhin gab es einen kurzen Moment der Ehrlichkeit

Und selbst sein Dopinggeständnis dürfte nur die halbe Wahrheit sein. Gedopt habe er nur bis 2005, das Vergehen dürfte als verjährt gelten. In seinen Comeback-Jahren 2009 und 2010 will er also sauber gefahren sein, was Experten wie Laien bezweifeln. Den Blutpass verteidigte er als effektive Maßnahme in der Dopingbekämpfung, obwohl Kritiker ihn als wirkungsarm betrachten.

Über zweieinhalb Stunden soll sich Armstrong den Fragen gestellt haben, twitterte Winfrey nach der Aufzeichnung. Sie bezeichnete das Interview als einen der wichtigsten Momente in ihrer Karriere und kündigte eine zweigeteilte ungeschnittene Ausstrahlung an. Die Cutter müssen dennoch aktiv gewesen sein. Mindestens dreißig Minuten werden am Ende nicht gezeigt. Das TV-Team verweigerte auf Nachfrage eine Stellungnahme, was dem Schnitt zum Opfer fiel. Im zweiten Teil soll es den Andeutungen des Senders zufolge eher um weiche Themen gehen, etwa Armstrongs Familie.

Mit diesem Interview wird Armstrong allein bei den Fans punkten, die ihm in der Vergangenheit selbst dann noch zugejubelt hätten, wenn er mit einer Spritze in der Hand gefahren wäre. Der kritische Beobachter wird spätestens nach dem ersten Teil gemerkt haben, dass Armstrong noch auf alten Reifen fährt. Immerhin gab es einen kurzen Moment der Ehrlichkeit, als er auf die Frage, ob er sein Comeback in den Radsport 2009 und die dadurch neu erzielte Aufmerksamkeit bereue, erwiderte: "Klar, ohne ein Comeback säßen wir nicht hier."