Doping-InterviewArmstrongs Geständnis ohne Reue

Ein Dopinggeständnis, aber keine Namen, nichts Konkretes, keine Ehrlichkeit. Lance Armstrongs Interview mit Oprah Winfrey war ein Lehrstück des Kalküls. von Jonathan Sachse

Lance Armstrong, Meister des Kalküls

Lance Armstrong, Meister des Kalküls  |  © Mandel Ngan/AFP/Getty Images

Ein glattes Bild hat sich das Oprah Winfrey Network für das Interview des Jahres ausgedacht: zwei Wassergläser, leere Vasen, ein leicht geöffneter Vorhang, braune Lederstühle, auf denen sich Oprah Winfrey und Lance Armstrong gegenübersitzen. Das sah nach Kirchenfernsehen aus, und dieser Eindruck soll ja auch vermittelt werden: Lance Armstrong im Beichtstuhl der Entertainment-Mutter Amerikas.

Wer auf einem Beichtstuhl Platz nimmt, möchte Buße tun und Reue zeigen. Doch die ersten knapp sechzig Minuten des Interviews (der zweite Teil wird heute ausgestrahlt) zeigten, dass der Betrüger Armstrong nicht vom Saulus zum Paulus geworden ist.

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Dabei begann das Gespräch (komplettes Video) vielversprechend. Oprah Winfrey klopfte im Eiltempo die Gretchenfragen ab. Es sollten Armstrongs ehrlichste Antworten bleiben:

"Haben sie je verbotene Substanzen zur Leistungssteigerung genommen?"
"Ja."
"War Epo eine?"
"Ja."
"Haben sie auch Eigenblutdoping oder Bluttransfusion genutzt?"
"Ja."
"Haben sie andere verbotene Substanzen wie Testosteron, Kortison oder Wachstumshormone genommen?"
"Ja."
"Haben sie bei allen sieben Tour-de-France-Siegen verbotene Substanzen und Eigenblut genommen?"
"Ja."
"Ist es überhaupt möglich die Tour siebenmal hintereinander ohne Doping zu gewinnen?"
"Ich glaube nicht."

Armstrong hatte bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit Monaten keine andere Wahl. Zu viele Menschen aus seinem Umfeld hatten in den letzten Monaten ihr Schweigen gebrochen, berichteten über die Praktiken des professionellen Dopings von Armstrong und seinen Gehilfen. Wenige Monate nach der Veröffentlichung der rund tausend Seiten Beweismaterial der Usada musste Armstrong Doping zugeben.

"Ich habe dich Schlampe genannt, aber ich habe dich nie als fett bezeichnet"

Das Interview wurde wie erwartet zu einem Lehrstück des Kalküls. Zwölf Personen soll Armstrong zur Aufzeichnung, die am vergangenen Montag stattfand, in ein Hotel in Austin (Texas) mitgebracht haben. Darunter mehrere Anwälte, angeführt von Tim Herman und Sean Breen und seinem Geschäftspartner und langjährigen Manager Bill Stapleton. Eine große juristische Truppe, die von Armstrong gut bezahlt worden sein dürfte, um das Drehbuch für sein Gespräch zu erarbeiten. Es muss eine komplizierte Vorbereitung gewesen sein: Wie viel muss Armstrong sagen, um sein Image zu verbessern? Was durfte er nicht sagen, um weitere Schadenersatzforderungen zu vermeiden? Armstrong hinterließ im Interview oft den Eindruck, als würde das Briefing der Juristen in seinem Kopf arbeiten.

Armstrong gab sich zwar in Ansätzen persönlich und selbstkritisch. Auf die Frage nach seiner Motivation zu dopen, sagte er: "Der unbändige Wille zu siegen. Das wurde zur Charakterschwäche. Ein arroganter Sack. Das war nicht gut." Doch eine Entschuldigung an die Menschen, die er jahrelang öffentlich diffamierte, erbot er nur auf Nachfrage und halbherzig. Der Ehegattin eines Exfahrerkollegen, Betsy Andreu, sagte er: "Tut mir leid. Ich habe dich Schlampe genannt, aber ich habe dich nie als fett bezeichnet." Betsy Andreu reagierte wütend.

In den US-Medien war in den Tagen vor der Ausstrahlung auch spekuliert worden, ob Armstrong mit einem Geständnis weitere Doping-Mitwisser aus seinem Umfeld benennen würde. Der ehemalige Präsident des Radsportweltverbandes, der Holländer Hein Verbruggen, war am Mittwoch nach Informationen von ZEIT ONLINE von Lüttich nach Genf geflogen, um sich mit seinem Nachfolger im UCI-Präsidium, dem Iren Pat McQuaid, zu treffen. Das Armstrong-Interview wird sicher ihr Thema gewesen sein.

Sie hatten einiges zu fürchten. Armstrong hätte über seltsame Vorgänge berichten können. Aber auch hier Enttäuschung: Auf Winfreys Frage, warum er zu seiner aktiven Zeit mindestens 125.000 Dollar an die UCI spendete, antwortete Armstrong unbedarft: "Die haben mich darum gebeten. Einen Deal gab es nicht. Das war nicht im Austausch gegen eine Maskierung. Die haben gesagt, wie wäre es mit einer Spende? Ich meinte: Ok." Absprachen mit den Anti-Doping-Wächtern rund um eine positive Dopingprobe bei der Tour de Suisse 2001 bestritt er ebenso: "Es gab keine Bestechung des Labors. Es gab kein geheimes Meeting mit dem UCI-Chef. Das war nicht so."

Leserkommentare
    • Moringa
    • 18. Januar 2013 12:21 Uhr

    LA hat alles daran gesetzt in die Spitze des Radsports zu kommen und unglaublich viel Geld damit verdient. Warum sollte er das ernsthaft bereuen?

    Ihm geht es jetzt nur um Schadenbegrenzung. Daher die Scharen von Anwälten, die er zuvor auch eingesetzt hatte, um jedem mit Prozessen zu drohen und Schadenersatz einzuklagen, der vage Zweifel an einer 'sauberen' Leistung geäußert hatte.

    Der Mann ist eiskalt, berechnend und skrupellos und steht für eine Spezies, die sich in den letzten Jahren etabliert hat. Die meisten stehen jedoch nicht so im Rampenlicht.

    Solche 'Vorbilder' taugen nicht. Gut, dass dieses jetzt demaskiert wurde!

    Erschreckender als das Doping selbst, empfinde ich das System, das sich darum entwicklet hat und partizipiert: Pharma, Ärzte, Verbände, Anwälte.... Das hat und wird sich vermutlich auch nicht ändern.

    8 Leserempfehlungen
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    ob legal, illegal oder scheißegal, interessiert nur peripher.

    • Malliki
    • 18. Januar 2013 15:04 Uhr

    Wer Vorbilder aus dem Sport für sich selber braucht, ist bedauernswert. Das ist so als ob jemand behauptet, er braucht GZSZ als Lebenshilfe oder gar die Lindenstraße.

    Doch wer erfolgreich seine Ausbildung als Systemmensch nach den Richtlinien eines Makarenko abschloss, kann wohl nicht anders denken - also so.

    Was mich allerdings nicht davon abhält, kein Mitleid zu haben. Wer sein Dasein als unendlichen Wettkampf und Spiel begreift, ist in seiner Denkwelt derartig eingeschränkt, dass jede Hilfe zu spät kommt.

    Chancengleichheit bedeutet wie im Sport, jeder darf an den Start aber nur einer gewinnt. In einer Welt dieser Logik ist Doping bereits Natur. Der eine benutzt Chemie, der andere Beziehungen und der nächste Mobbing.

    Jeder ist Armstrong und jeder die Dopingarzt. Jeder ist Sportmanager usw. Wer annimmt ein besserer Mensch als LA zu sein, betreibt sein eigenes Mindfucking.

    • Solanum
    • 18. Januar 2013 12:34 Uhr
    10. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Völlig richtig"
  1. ob legal, illegal oder scheißegal, interessiert nur peripher.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Nicht überraschend"
  2. Interessant das angesichts all dieser Skandale die Dopingvergangenheit des neuen Bayern Trainers medial völlig ausgeklammert wird.
    Doping scheint nur im Radsport zu existieren-da geben sich selektive Wahrnehmung und journalistischer Herdentrieb die Klinke in die Hand

    11 Leserempfehlungen
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    • vagabuu
    • 18. Januar 2013 14:06 Uhr

    ...das Profisport ohne Doping nicht stattfinden würde.
    Aber da glaubt man lieber den Weisheiten der deutschen (Sch)Lichtgestalt Franz Beckenbauer:"Ja glaum denn Sie, dass man mit Doping das Tor besser trifft!"
    Siehe auch...
    www.fussballdoping.de/

  3. Es zählt nicht wie fair man im Wettbewerb sich verhält, sondern ob man gewinnt oder nicht - egal wie. Genau so verhält es sich auch in der Wirtschaft.

    6 Leserempfehlungen
  4. ,zu überprüfen,ob man jemanden nicht mehr vergeben darf,der mehrfach in gleicher art und weise gesündigt hat,mangels"ernsthafter reue".

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ernsthaft?"
    • sfgrw
    • 18. Januar 2013 12:50 Uhr

    Und ewig weckt das Geheuchel. Allmorgendlich.
    Wenn sich die Radiosender ebenso wie die Printmedien auf vermeintlich herausragende Leistungen stürzen, möglichst als erste Berichterstatter. So fühlen sie sich, ebenso wie die Empfänger, ein bisschen näher an der 'Leistung' anderer. Als wären sie selbst ein Teil davon.
    Ich konnte dem zugeschauten Sport noch nie etwas abgewinnen. Auch, und vor allen Dingen, weil es ein Riesengeschäft ist.
    Über allem, was vermarktet werden kann, gibt es keine Moral.
    Wir, die Zuschauer/Leser sind diejenigen, die eine Mitverantwortung tragen, falls uns derartige Geständnisse unter diesem Aspekt überhaupt interessieren. Denn wir Werbebotschaftsempfänger beauftragen diese Gladiatoren
    Armstrong hat lediglich unsere Sehnsüchte bedient. Schneller, höher, weiter. Das glauben wir wollen zu müssen.
    Solange Wettbewerb mit Verlierern bezahlt werden muss, haben wir das Prinzip des Wettbewerbes nicht begriffen.
    Wenn Wettbewerb als Ziel hat, der Gemeinschaft nutzen zu bringen, dann ist das sinnvoll.
    Wenn nur das eigene Ego befördert werden soll, ist er überflüssig.
    Ganz leicht werfen wir nun den ersten Stein gegen einen Lance Armstrong.
    Hauptsache, die 170 Firmen- und Produktnamen auf den Trikots und an den Banden erreichen uns weiterhin.
    Dafür sorgen dann schon die jeweiligen Sportverbände.
    Die Reue spielt hier gar keine Rolle.

    9 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Was uns bewegt."
    • armin91
    • 18. Januar 2013 12:50 Uhr

    Sie verstehen da etwas falsch.

    Lance Armstrong ist kein beliebiger Athlet sondern ein Kunstwerk von einer zeitgenössischen Güte, die ein professionelle Künstler nicht zustande brächte. Einfach atemberaubend und gigantisch. Alles. Ich bin überwältigt.
    Hätte er seine "Beichte" vor knappen Jahr abgelegt, wäre die künstlerische Leiterin der diesjährigen dOCUMENTA 13 nicht um ihn herum gekommen. Die "Ausstellung" von LA wäre ein Ereignis geworden. Und ich wäre einen Tag länger in Kassel geblieben.

    Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich meine das nicht ironisch oder gar zynisch. LA ist ein Meilenstein in der Kunstproduktion.

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