Zwei Indios auf einer Mauer vor dem Maracanã in Rio de Janeiro © Vanderlei Almeida/AFP/Getty Images

Mit einem beherzten Sprung über die Absperrung stürzten sich José Antônio dos Santos Cezar und Francisco de Souza Batista ins Getümmel. Die beiden Schreiner waren von der nahegelegenen Baustelle des riesigen Maracanã-Stadions in Rio de Janeiro herbeigeeilt, um ihre Solidarität mit den Demonstranten auszudrücken. Die hatten sich derweil gut vorbereitet: Mit Federschmuck, Kriegsbemalung sowie mit Pfeil und Bogen erwarteten die protestierenden Indios den Räumtrupp der Polizei. Unterstützt wurden die folkloristisch gekleideten Demonstranten von vermummten Studenten, die einen Wall aus Holzverschlägen und Stacheldraht errichteten. Auch die angerückten Sicherheitskräfte waren in voller Kampfmontur erschienen.

Schließlich trat Carlos Tukano vor die Journalisten. Der 52-jährige Anführer der Indios kündigte an, bei einem möglichen Eindringen der Polizei auf Waffengebrauch zu verzichten. Stattdessen wollten die Indios mit dem eigenen Leben Widerstand leisten. "Im Namen der WM tötet die Regierung unsere Geschichte. Wir werden nicht kämpfen, aber uns widersetzen", sagte er. Das war stark genug: Eine bis an die Zähne bewaffnete Staatsmacht, die das historische Museu do Índio räumen sollte, war den Behörden zu heikel. Es blieb zunächst bei der bizarren zwölfstündigen Belagerung durch die Polizei, die schließlich ohne den zur Räumung notwendigen Gerichtsbeschluss am Wochenende wieder abrücken musste.

Das Maracanã in Rio ist das vielleicht berühmteste Fußballstadion der Welt. 1950 kamen geschätzte 200.000 Zuschauer, bis heute wohl Rekord, um das WM-Finalrundenspiel zwischen Brasilien und Uruguay zu sehen. Als Uruguay völlig überraschend zehn Minuten vor Schluss das Siegtor gelang, beschlossen die Brasilianer nie wieder in ihren weißen Trikots aufzulaufen. Einige Fans brachten sich wegen des Ergebnisses um.

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Doch die Situation rings um das Stadion spitzt sich seit Wochen zu. Mehr als 62 Jahre standen das Museu do Índio und der Fußballtempel friedlich nebeneinander. Jetzt aber soll das nicht mehr ganz so taufrische Gebäude aus dem Jahr 1862 den Bauarbeiten des WM-Stadions weichen, um Raum für Fluchtwege zu schaffen. 

Das Problem: Seit sieben Jahren haben in dem Museum 23 indigene Familien Platz gefunden. Sie wohnen dort und pflegen ihre Kultur. Das Gebäude im Nordteil der Stadt war von 1910 über mehrere Jahrzehnte lang Sitz des Serviço de Proteção ao Índio, so etwas wie ein öffentliches Amt für den Schutz der indianischen Urbevölkerung. In den fünfziger Jahren zog das erste Museum ein. Es geht an diesem Ort um Brasiliens Verhältnis zu seinen Ureinwohnern – das macht die Angelegenheit noch ein bisschen brisanter.

Ende der siebziger Jahre zog das Museum um, nach Botafogo, in einen anderen Stadtteil. Rund 30 Jahre stand das Gebäude leer, ehe 2006 indigene Brasilianer unterschiedlicher ethnischer Herkunft das Haus besetzten und dort das "Dorf Maracanã" gründeten. Der Bewohner Kamayura Pataxó zeigt sich besorgt: "Was wird aus uns, wenn sie uns hier vertreiben? Wird damit noch ein Stück Geschichte ausgelöscht? Wir kämpfen nicht um das Gebäude, sondern um unsere Geschichte. Das hier ist ein kultureller Ort."

Die Regierung des Bundeslandes Rio de Janeiro hatte im vergangenen Jahr mit Blick auf die WM-Bauarbeiten das Gelände gekauft und besitzt somit rein juristisch ein Zugriffsrecht auf die Immobilie. Rios Gouverneur Sergio Cabral und die Landesregierung stellen sich stur und verweisen auf die eindeutigen Besitzverhältnisse: "Der Abriss des früheren Museumsgebäudes ist Teil des Modernisierungsprozesses des Maracanã-Komplexes, und zwar als wichtiger Teil in den Fragen der Mobilität." Ein Infrastruktur-Beschluss, der wie so viele andere im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft ohne öffentliche Diskussion oder gar einer Bürgerbeteiligung gefällt wurde und nun zum öffentlichkeitswirksamen Problemfall wird.

Das Stadion soll privatisiert werden

Rund 60 Indianer leben derzeit auf dem Gelände, davon 20 Kinder. Die Indios wollen am liebsten dort wohnen bleiben, zeigen sich aber verhandlungsbereit. "Wir können uns doch hinsetzen und das Ganze in Ruhe besprechen. Wir führen hier seit unserer Ankunft 2006 eine kulturelle Arbeit aus. Das muss respektiert werden. Dazu brauchen wir dieses Gebäude hier oder einen geeigneten Platz", sagt Carlos Tukano. Berichte, dass es in dem Gebäude auch das ein oder andere feuchtfröhliche Trinkgelage gegeben habe, will er nicht bestätigen.

Nun nehmen die Dinge ihren Lauf. Die jüngste Polizeiaktion diente nach offiziellen Angaben dazu, "den Kontakt zu den Personen, die sich im Gebäude aufhalten, zu aktualisieren, damit innerhalb der nächsten Woche die Erhebung abgeschlossen und mit der Umsiedlung der Personen begonnen werden kann. Damit soll der Abriss des Hauses möglich gemacht werden." Der Etat für den Abriss des Museu do Índio ist freigegeben, das "Unternehmen für öffentliche Arbeiten" rechnet schon mit Kosten in Höhe von umgerechnet rund 215.000 Euro.

Die Zeit drängt. Die Arbeiten am Maracanã sollen im April abgeschlossen werden, die Übergabe des Stadions an den Fußball-Weltverband ist für den 28. Mai dieses Jahres vorgesehen. Beim Confed Cup im Juni finden in dem Stadion zwei Vorrundenspiele und das Finale statt. Die Vorfälle kommen für den Gouverneur auch deshalb ungelegen, weil sie die Diskussion um die umstrittene Privatisierung des Maracanã weiter anheizen. Nachdem der brasilianische Steuerzahler den Umbau des Stadions mit umgerechnet 350 Millionen Euro finanziert hat, soll das Maracanã an einen Multimillionär übergeben werden, der das Stadion dann für etwa 2,5 Millionen Euro im Jahr betreiben darf.

Nach der Polizeiaktion vom Wochenende geben sich die Hausbewohner erst recht kämpferisch. Der herbeigeeilte Pflichtverteidiger Daniel Macedo versprach, den Fall bis zum Obersten Gerichtshof zu bringen: "Die Idee ist nun, die Landesregierung dahin zu führen, dass sie ihr Vorhaben aufgibt und stattdessen das Museu do Índio erhält." Doch die Chancen stehen schlecht.

Die ersten Verlierer hat die Konfrontation schon. Die beiden Schreiner von der benachbarten Stadionbaustelle erlebten ihre böse Überraschung, als sie auf die Arena-Baustelle zurückkehrten. Dort wurde ihre Zugangsgenehmigung einkassiert und sie sofort entlassen.