50. GeburtstagZeit fürs Mourinhieren

Die Trainerbank ist seine Bühne: José Mourinho, der einsame Rowdy, geniale Stratege und große Knurrhahn des Weltfußballs wird 50. David Hugendick gratuliert. von 

Alles Gute zum Geburtstag, José Mourinho

Alles Gute zum Geburtstag, José Mourinho  |  © Alex Livesey/Getty Images

Neulich stand mal wieder was im Sportteil. Versteckt, neben Kniesorgen beim FC Bayern und Sackumfallmeldungen über Lothar Matthäus, hieß es: "(Madrid) Mourinho tritt Fan in den Hintern." In einem Einkaufszentrum. Wegen eines Fotos.

Den genauen Tathergang haben wir bis jetzt nicht recherchiert und wollen es auch nicht weiter auswalzen. Schließlich hat José Mourinho heute Geburtstag, der 50. Ein Grund zum Feiern, obwohl er bei Real Madrid gerade alles andere als gute Laune haben dürfte: Barcelona hat in der Tabelle bereits 4 Punkte Vorsprung (eigentlich 15, aber da machen wir mal heute eine Ausnahme).

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Man sah ihn zuletzt oft am Seitenrand: die Hände im Designermantel, den Kopf gesenkt, den Mund gusseisern verzogen, der Blick wie eine Gefriertruhe. In solchen Momenten vergisst man schnell, dass Mourinho einer der wachsten Köpfe im Weltfußball ist, einer seiner gewieftesten Taktiker und Strategen. Etliche Landesmeistertitel, Uefa-Cup-Sieger, zweifacher Championsleague-Gewinner mit Porto und Mailand, was bei ihm allerdings einen mittelschweren Hang zur Selbstauratisierung auslöste und er sich fortan "The Special One" nannte.

David Hugendick
David Hugendick

David Hugendick ist Redakteur im Ressort Kultur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Ja: Mourinho! Das ist auch herrliches Theater! Es kann jederzeit passieren, dass er randaliert und zetert, grandiosen Slapstick in der weißumkreideten Coachingzone aufführt, die sein Reich ist und manchmal auch sein Gefängnis, bewacht vom vierten Offiziellen, einem seiner Lieblingsgegner, gleich nach Pep Guardiola. Jede Niederlage, eine Tragödie. Der Hauptdarsteller: natürlich er. Sein Leiden: natürlich unendlich, mindestens aber 90 Minuten.

Und währenddessen geht es auf dem Platz selbstredend selten mit rechten Dingen zu: der Eckball war keiner, das Tor Abseits, der Ball im Aus, der Gefoulte eine Heulsuse und der Schiedrichter selbstverständlich ein Idiot, dem Mourinho schon mal nach Abpfiff bis ins Parkhaus folgt. Anschließend auf Pressekonferenzen kann er einen Blick aufsetzen, als seien Naheinstellungen und Spendenkontonummern dafür erfunden worden. So traurig und starrsinnig und mit verblüffender Ähnlichkeit zu Gregory Peck damals als Kapitän Ahab, der auch besessen war von einem runden, weißen Ding.

Mourinho ist mehr trotzige Melancholie als Armin Veh, mehr Entertainment als Jürgen Klopp. Einer von seinen dicksten Fans ist Zlatan Ibrahimovic, ein anderer begnadeter Fußballrabauke. Ihm hat man in Schweden kürzlich das Wort "Zlatanieren" gewidmet, was soviel wie "Dominieren" bedeutet. Und vielleicht hat ja die Portugiesische Gesellschaft für Sprache an diesem Festtag ein Einsehen und trägt "Mourinhieren" ins Wörterbuch ein. Also: Überall eine Verschwörung sehen, Schiebung, Betrug oder einen Skandal. Das gehört nämlich zu Mourinhos Lieblingsbeschäftigungen.

Jedoch hat das bisher die wenigsten zu der erkenntnisphilosophischen Frage bewogen, ob der Mann etwas sieht, was andere nicht sehen. Stattdessen empfahl man ihm bereits das Dschungelcamp oder mindestens eine Mitgliedschaft in der FDP. Erst jüngst sollen seine Spieler Real Madrids Präsidium gedroht haben: Entweder wir oder er.

Heute heißt es jedenfalls: Er. Ganz ohne Verschwörung, ganz ohne Mordio. Der einsame Rowdy und geniale Knurrhahn, einer der besten Trainer dieses jungen Jahrhunderts wird selbst ein halbes alt. Wir sagen, Glückwunsch, José Mourinho. Das hört er leider, in seiner wohl letzten Saison bei Real Madrid, nicht mehr oft. Deswegen an dieser Stelle sehr von Herzen.

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Leserkommentare
  1. »Ich habe nicht gesagt, dass ich der Beste bin. Ich kenne nur keinen Besseren.«
    The only one
    Jaja uns lieber Mou, ich finde die Ähnlichkeiten im Wesen mit der gleichnamigen Simpsons Figur sind durchaus gegeben. Ein bisschen der Einzelgänger, Griesgram und verkanntes Genie. Seine Art ist anders, als die von jedem anderen Trainer und genau deswegen hat er Erfolg, er stemmt sich gegen den aalglatten Mainstream, auch wenn sein äußeres ab und an sich diesem angleicht. Der Gegenentwurf zum ruhig und sympathischen Pep, aber trotzdem liebenswert.

    Eine Leserempfehlung
  2. ... hätte es was gehabt, wenn Mourinho statt Guardiola bei Bayern gelandet wäre. Natürlich würde der Verein dann implodieren, aber die Bayern-Hasser hätten ihr Weltbild bestätigt bekommen und hätten sich noch mehr aufregen können, als ohnehin schon immer. Entertainment pur für jeden Bayernfan! ;-)

    Es wäre doch eine herrliche Umkehrung der üblichen Rollenklischees, wenn nun der Sympathieträger Mou nun zum anderen Sympahtieträger BVB ginge, während der aus den Schlagzeilen verdrängte Klopp Real beglückt. Sepp bei den bösen Bayern, Mou bei den Guten in Schwarz-Gelb. Bayern gegen Dortmund, Real gegen Barca, Darth Vader gegen Luke Skywalker, nur in vertauschten Rollen. Schade, dass Dortmund ihn nicht bezahlen kann, sonst...

    Mourinho ist ein neurotischer Spinner, aber trotzdem eine äußerst interessante Persönlichkeit und ein großer Trainer. Pech für ihn, dass er sich verrannt hat. Wo will er noch hin, wer nimmt ihn? Chelsea und St. Germain bleiben ihm, das war's dann.

  3. ohne solche Typen wäre Fußball genauso Spannend wie Synchronschwimmen.

    Happy Birthday Mourinho.

    Eine Leserempfehlung
    • Scholes
    • 26. Januar 2013 14:26 Uhr
    4. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf beleidigende Beiträge. Danke, die Redaktion/jz

    • 15thMD
    • 26. Januar 2013 15:35 Uhr

    Natürlich ist José Mourinho ein bisschen verrückt. Aber eigentlich auf eine gute Art und Weise. Er versteht es mit unsinnigen Theorien nach Niederlagen seine Mannschaft aus dem Blickfeld zu nehmen und versammelt die gesamte Presse um sich. Das ist quasi die bescheuertere Variante von Jürgen Klopp.

    Ich würde ja gerne wissen, ob das alles nur Show ist oder ob er privat auch so ist, wie er ist.

    3 Leserempfehlungen
    • McAvoy
    • 26. Januar 2013 21:04 Uhr

    sich Zeit fürs (ohne Apostroph!) Erlernen der aktuellen deutschen Rechtschreibung nehmen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Jede Rechtschreibung sollte der Vermittlung von Inhalt, Ideen und Gedanken dienen. Die Frage, ob wir für´s oder fürs schreiben ist echt für´s Phrasenschwein. Nutzlos und oberflächlich!

  4. 7. Wozu?

    Jede Rechtschreibung sollte der Vermittlung von Inhalt, Ideen und Gedanken dienen. Die Frage, ob wir für´s oder fürs schreiben ist echt für´s Phrasenschwein. Nutzlos und oberflächlich!

    Antwort auf "Herr Hugendick sollte"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bundesliga | FDP | Fußball | Armin Veh | FC Bayern München | Jürgen Klopp
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