Henni Nachtsheim "Klar finden es viele Ultras cool, mal die Fresse aufzureißen"

Henni Nachtsheim, Comedian von Badesalz, ist seit 50 Jahren Frankfurt-Fan. Ein Alles-über-Fußball-Gespräch über das Auf und Ab der Eintracht und Pyromanen, die nerven. von 

Hendrik "Henni" Nachtsheim im Camp Nou, dem Stadion des FC Barcelona

Hendrik "Henni" Nachtsheim im Camp Nou, dem Stadion des FC Barcelona  |  © privat

ZEIT ONLINE: Herr Nachtsheim, in welchem Gemütszustand haben Sie die Winterpause verfolgt?

Hendrik Nachtsheim: Wie alle Hessen mit einem Dauerlächeln und einer Vier, die einem im Kopf immer so von rechts nach links schwebt. Was auch zu den vier Kerzen auf dem Adventskranz gepasst hat.

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ZEIT ONLINE: Ihr Verein, Eintracht Frankfurt, hat tatsächlich auf Platz Vier überwintert. Aber Sie haben bestimmt Angst vor der Rückrunde, oder?

Hendrik Nachtsheim

Hendrik "Henni" Nachtsheim ist ein deutscher Musiker, Comedian, Autor und Schauspieler. Bekannt wurde er zusammen mit Gerd Knebel als Comedy-Duo Badesalz. Seit 2005 schreibt er zu jedem Eintracht-Heimspiel Kolumnen für die Gießener Allgemeine Zeitung. Einen Teil davon gibt es mittlerweile in Buchform.

Nachtsheim: Ich weiß schon, worauf sie anspielen. Aber ich habe überhaupt keine Angst, dass noch einmal so etwas passieren kann wie vor zwei Jahren, als wir im Winter auf Platz Sieben standen und am Ende abgestiegen sind. Diese Mannschaft hat einen anderen Charakter. Ich träume zwar nicht ernsthaft von der Champions League...andererseits kann man ja trotzdem mal gucken, was denn ein Flug von Frankfurt nach Madrid unter der Woche kosten würde.

ZEIT ONLINE: Aber zur Eintracht würde doch ein erneuter Absturz passen. Ich darf mal aus dem Text eines großen hessischen Lyrikers zitieren: "Doch auch nach der langen Zeit, bleibst du für mich ein Rätsel/mal spielst du wie von einem anderen Stern/mal...

Nachtsheim: ...kriegst du auf die Bretzel." Ja, das ist von mir. Bei uns gibt es nach großen Siegen regelmäßig bittere Niederlagen. Wir haben nach einem 6:0 gegen Bayern München mit einem direkt verwandelten Eckball von Bernd Nickel eine Woche später beim Tabellenletzten Rot-Weiß Oberhausen verloren. Das ist Eintracht-spezifisch. Mit so etwas muss man immer rechnen. Ich habe schon vier Abstiege mitgemacht, bin aber auch schon viermal wieder aufgestiegen. Es wird also auf jeden Fall nicht langweilig.

ZEIT ONLINE: Aber Sie würden vielleicht zehn Jahre länger leben, wenn Sie Leverkusen-Fan wären.

Nachtsheim: Aber was für zehn langweilige Jahre sollen das denn bitte sein?

ZEIT ONLINE: Begeistert von Armin Veh?

Nachtsheim: Absolut. Das ist ein schlauer, unglaublich humorvoller Typ, der einen guten Blick für Fußball und auch das Drumherum hat!

ZEIT ONLINE: Befürchten Sie, dass er irgendwann die Lust verliert, wenn es mal nicht mehr so läuft?

Nachtsheim: Gute Frage. So eine Phase hatten wir ja mit ihm noch nicht. Erst der souveräne Aufstieg, jetzt diese Riesenhinrunde. Was mir gut gefällt: Stillstand oder Ansätze von zu früher Zufriedenheit regen ihn schnell auf, deswegen fordert er ja beispielsweise auch öffentlich noch einen neuen Stürmer.

ZEIT ONLINE: Schon komisch, dass Veh betteln muss, in einer Stadt, in der es so viel Geld gibt, wie in Frankfurt.

Nachtsheim: Na ja, diese Stadt handelt zwar mit viel Geld, aber auch hier hocken die Sponsoren nicht auf den Bäumen und schmeißen mit Geldsäcken. Und hessische Scheichs gibt es auch nicht im Übermaß. Das Problem ist, dass die Eintracht für das Stadion eine Mördermiete zahlt. Das ist schon mal ein Topspieler pro Jahr weniger.

ZEIT ONLINE: Können Sie sich noch an Ihren ersten Stadionbesuch erinnern?

Nachtsheim: Da war ich sieben oder acht. Vielleicht auch ein bisschen älter. Bei solchen Legenden wird man ja immer jünger. Ich war auf jeden Fall ein Pimpf. Die Eintracht hat gegen den 1. FC Köln gespielt, weil ich über meine Fernsehwahrnehmung Köln-Fan war. Ich war riesiger Anhänger von Wolfgang Overath und hatte einen Köln-Schal. Dann habe ich Grabowski und Hölzenbein gesehen, die einen Traumtag hatten und sich da einen abgezaubert haben. Als ich raus bin, habe ich dann meinen Köln-Schal an den Zaun gehängt und mir von meinem Taschengeld einen Eintracht-Wimpel gekauft.

ZEIT ONLINE: Ziemlich opportun.

Nachtsheim: Ja, aber es war auch ein bisschen wie: Man geht als Katholik in die Kirche und kommt als Buddhist wieder raus.

ZEIT ONLINE: Apropos, schon mal gebetet im Stadion?

Nachtsheim: Ich bin im Stadion am Dauerbeten. Ich habe neulich mal nach einem Spiel gemerkt, dass ich völlig verkrampfte Beine hatte, als ich aufgestanden bin, weil ich so angespannt war. Ich ramme da immer so die Füße in den Boden.

ZEIT ONLINE: Oft geweint?

Nachtsheim: Nein, noch nie. Ich finde es komplett albern, dass man weint, wenn seine Mannschaft absteigt. Ich habe die Abstiege auch bedauert, aber bin viel zu optimistisch, um nicht sofort an den Wiederaufstieg zu glauben. Trotz der riesigen Liebe zum Fußball sind meine Relationen im Kopf noch immer geordnet. Ich habe vor ein paar Monaten geweint, als meine Mutter gestorben ist.

ZEIT ONLINE: Die Eintracht schreibt ja derzeit nicht nur sportliche Schlagzeilen. Die Ultras, oder Teile davon, man weiß es nicht genau, zündeln öfter mal herum. Mögen Sie die Jungs?

Nachtsheim: Man muss da wirklich aufpassen, wer wer ist. Es gibt auch Ultras, die entsetzt darüber sind. Mit ein bisschen Verstand kann man das ja selbst unter irgendwelchen revolutionären Gesichtspunkten nicht mehr gutheißen. Das ist nur noch krank. Man kann doch keine Feuerwerkskörper in einer Menschenmenge abschießen. Ich glaube auch nicht, dass das Eintracht-Fans sind, sondern irgendwelche Wichser, die sich reingeschlichen haben.

ZEIT ONLINE: Warum sagt denen dann niemand die Meinung, wenn es eine Minderheit ist?

Nachtsheim: Tja, eigentlich müssten das die Jungs rundherum, die das Scheiße finden, selber in die Hand nehmen, das stimmt. Das wäre das Gesündeste. Aber es ist derzeit natürlich extrem kompliziert, weil die Ultras mit diesem Sicherheitspaket nicht einverstanden und sowieso in so einer trotzigen Stimmung sind.

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ZEIT ONLINE: Können Sie diesen Trotz verstehen? Die ganze Debatte um das Sicherheitspaket war doch furchtbar hochgespielt, oder?

Nachtsheim: Ja, das finde ich auch. Die vermeintliche Anti-Haltung der Ultras ist viel harmloser als nach außen dargestellt. Da wird eine Art Möchtegern-Klassenkampf der Ultras konstruiert, der völlig an den Haaren herbeigezogen ist. Ist doch klar, dass es viele cool finden, mal gegen das Establishment zu sein und das auszuleben, was man in seinem täglichen Beruf nicht machen darf: die Fresse aufreißen.

ZEIT ONLINE: Provozieren DFB und DFL mit ihrer strikten Haltung gegen Pyrotechnik nicht genau solche Vorfälle? Was ist so schlimm, wenn vorne im Block ein paar Ultras mit ihren Bengalos wedeln, solange sie es nicht auf Spieler oder Fans werfen? Beim Skispringen neulich hat sich auch niemand aufgeregt.

Nachtsheim: Ich finde das auch nicht so extrem dramatisch. Aber man darf auch nicht unterschätzen, dass diese Dinger eine enorme Hitze erzeugen. Da braucht es am Besten einen Pyrotechniker, der das beaufsichtigt. Aber das ist im Moment nicht drin, weil Verbände und Ultras sich nicht über den Weg trauen. Außerdem würde es dann vielen keinen Spaß mehr machen.

ZEIT ONLINE: Wie kommen wir da raus? Als es um das Sicherheitspaket ging, haben sich auch viele normale Fans mit den Ultras solidarisiert. Jetzt scheint das Ganze zu kippen. Droht der Fanszene eine Spaltung?

Nachtsheim: Die Gefahr besteht. Die Schweigegeschichte im Dezember fand ich gut, das hat mich beeindruckt. Aber ich kenne viele, die momentan einfach nur noch genervt sind. Ich habe auch gemerkt, dass ich bei den Bildern von Leverkusen gedacht habe: Leckt mich am Arsch mit eurem Scheiß!


 

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Leserkommentare
  1. 1. IgkWiS

    Das Video kannte ich noch gar nicht.

    Danke für die kulturelle Bereicherung. Ein hessisches MustSee. Einfach nur Geil.

    • wawerka
    • 01. Februar 2013 17:39 Uhr

    ....ob bei den Monotones, bei Badesalz oder bei den "Strassenstars".

    Danke für das Interview

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