Jürgen PahlDer Torwart, der aus der DDR und aus Deutschland floh

Republikflüchtling, Helmut-Kohl-Fan, Kapitalismuskritiker und heute Gastronom in Paraguay: Die verrückte Lebensgeschichte des Fußballprofis Jürgen Pahl. von Gunnar Leue

Der ehemalige Fußballprofi Jürgen Pahl in Paraguay

Der ehemalige Fußballprofi Jürgen Pahl in Paraguay  |  © Gunnar Leue

"Die Obstbäume, ach ja", sagt Jürgen Pahl hinter dem Lenkrad seines Bullis und schaut auf die mickrigen Bäume am Straßenrand. Kurz darauf biegt er in eine unbefestigte Einfahrt zu seinem Grundstück ab. Es liegt direkt an einer Überlandstraße im Departamento Guairá, einer Provinz im Landesinneren von Paraguay. Das Anwesen ist nicht sehr groß und fast naturbelassen: Immergrüne Sträucher, kniehohe Schraubenbäume und dürre Urwaldbäume stehen um ein kleines weißes Haus mit Strohdach. Auch einige vertrocknete Palmen. Von Obstbäumen ist nichts zu sehen.

Dabei heißt es in Deutschland, Jürgen Pahl, der ehemalige Torwart von Eintracht Frankfurt, lebe als Obstbauer in Paraguay. Es stand sogar in der Wikipedia. Vor einigen Jahren, erzählt Pahl, hätte ihn mal ein Journalist besucht und natürlich ein tolles Foto gebraucht. Damals führte Pahl noch im einige Kilometer entfernten Ort Indepedencia eine Pension, zu der 5.000 Quadratmeter Gartenfläche gehörten. "Da stand ich dann fürs Foto zwischen lauter Obstbäumen, und zack war ich der Obstbauer."

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Von 1978 bis 1987 war Pahl ein erfolgreicher Fußballprofi. Mit Eintracht Frankfurt gewann er den DFB-Pokal und 1980 den Uefa-Cup. An erfolgreichen und sonderbaren Torhütern mangelte es im deutschen Fußball nie. Nicht wenige behaupten sogar, das eine bedinge das andere. Dass er sogar für einen Torwart ein sehr spezieller Typ ist, offenbarte Pahl während seiner Karriere öfter. Und danach auch noch.

"So, jetzt geh' ich"

Zuletzt vor der WM 2006, als er ein bemerkenswertes Fax an die tageszeitung schickte, das für Aufsehen sorgte. Vehement kritisierte Pahl, der sich selbst als "positiven Apokalyptiker" bezeichnete, seinen einstigen Berufsstand und die "miefige, verlogene" kapitalistische Gesellschaft. "Der Macher und Materialist ist gefragt, schlau, skrupellos ohne Visionen, außer sein Konto betreffend." Damit wollte er nichts mehr zu tun haben. Viele Fußballfans huldigten dem Aussteiger in Leserkommentaren für seine Konsequenz. "Wahrscheinlich gelte ich in Deutschland als Spinner, weil ich nicht im Mainstream mitschwimme", sagt Pahl.

Aus seinem spartanischen Häuschen holt er ein abgewetztes Fotoalbum. Die Bilder zeigen ihn als Jugendfußballer, als Bundesligaprofi beim Training, Spielen und Feiern. Als fröhliches Mitglied eben jener verlogenen Fußballgesellschaft, zu der auch er früher gehörte. Während er sein früheres Leben durchblättert, sagt er oft: "Was soll’s, alles kommt wie es kommt". Das klingt nach Floskel, ist aber der Lebensgrundsatz Pahls. Er zitiert ihn oft, denn seine Lebensgeschichte ist nicht nur für den Zuhörer, sondern auch für ihn selbst eine Aneinanderreihung von Fragen.

Zum Beispiel die, warum es in seinem Leben so viele Richtungswechsel gab. Beim ersten war er 20 Jahre alt, Torhüter der DDR-Nachwuchsauswahl und wurde gemeinsam mit Norbert Nachtweih zum sogenannten Republikflüchtling. Eigentlich sei er gar kein DDR-Gegner gewesen, erzählt der 56-Jährige. Auf der Kinder- und Jugendsportschule in Halle/Saale, wo der Junge aus Teuchern neben seiner Fußballausbildung beim HFC Chemie sein Abitur machte, gehörte er zu den Diskutierfreudigsten. "In Staatsbürgerkunde hatte ich sogar eine Eins, aber ein paar Vorfälle brachten mich zum Nachdenken", sagt er.

Im Casino von Monte Carlo

Nicht die Vorladungen vor die Disziplinarkommission wegen seiner nächtlichen Ausflüge zu seinen Leistungssportfreundinnen, sondern "diese kleinen Mittelchen", die die nehmen sollten. Oder als eine Schwimmerin aus dem 72er Olympiakader flog, weil ein paar Schweizer, die sie von einem Länderkampf kannte, bei einem Besuch in Leipzig Geschenke für sie abgegeben hatten. "Darüber habe ich mich tierisch aufgeregt."

Dazu das Kontrastprogramm bei den Reisen mit der Juniorenauswahl in den Westen. Die vollen Schaufenster, in denen er sich als armer Trottel spiegelte. In Monte Carlo ging er mit seinen zwanzig D-Mark Taschengeld schnurstracks in ein Casino, das er mit zehnfachem Gewinn wieder verließ. "Irgendwann fragte ich mich, was mir wohl nach zehn Jahren Fußball in der DDR blüht. Ganz klar: Richtig arbeiten müssen, nicht unabhängig sein und vielleicht sogar mit 27 noch zur Armee. Im Westen würde ich vielleicht gar nicht arbeiten müssen, wenn ich genug verdiene."

Eine verlockende Aussicht, der er eine Chance geben wollte. Kommen sollte sie bei einem Länderturnier in Österreich. "Eigentlich wollten wir zu dritt abhauen. Als wir aber drei Monate früher, im November 1976, ein Länderspiel im türkischen Bursa hatten, habe ich zu Norbert Nachweih und Burkhardt Pingel gesagt: So, jetzt geh ich!" Im Hotel hatte er einen Amerikaner kennen gelernt, der einen Kontakt zur US-Botschaft herstellte. Während der Rest des DDR-Teams einen Basar besuchte, fuhren die drei Hallenser nach Istanbul zum vereinbarten Treffpunkt. Pingel überlegte es sich letztlich anders. Für seine Freunde begann eine achttägige Odyssee via US-Botschaft, BRD-Botschaft, türkischem Geheimdienst und konspirativer Wohnung. Nach der Ausreise und einem Aufenthalt beim Bundesnachrichtendienst in Pullach ging es ins Aufnahmelager Gießen.

In den Zeitungen sahen sie sich als Helden gefeiert, die ersten geflohenen DDR-Auswahlfußballer. Ein Spielervermittler von Hertha BSC fragte an, aber ins von der DDR umzingelte Westberlin wollten sie nicht. Stattdessen gingen sie nach Frankfurt/Main, wo sie nach Ablauf der sechzehnmonatigen Sperre im Frühjahr 1978 endlich ihre Bundesligakarriere starten konnten. Doch der Horizont des Fußballprofis Pahl änderte sich allmählich. Anteil daran hatte der damalige Eintracht-Präsident Achaz von Thümen, im Hauptberuf Kanzler der Frankfurter Universität. "Er war ein hochintelligenter und etwas apokalyptisch veranlagter Mann, der von meinen Mitspielern oft belächelt wurde", sagt Pahl. "Mich hat er sehr geprägt, denn wir hatten viele interessante Gespräche über die wesentlichen Dinge in der Welt."

Geprägt hat Pahl auch eine andere Erfahrung bei der Eintracht. 1981 verloren er und seine Mitspieler viel Geld durch Schrottimmobilien. "Ich bin als einziger auf die Barrikaden gegangen, auch gegen das Vereinspräsidium." Als Mannschaftssprecher scheute er keine Konfrontation: "Ich hatte immer so einen Einmischungsdrang, aus Gerechtigkeitsgefühl", sagt er, der 1989 auch zu den Gründungsmitgliedern der Spielergewerkschaft VdV gehörte.

Vom Mauerfall erfuhr der Anhaltiner – der seine Laufbahn beim türkischen Klub Rizespor ausklingen ließ – in einem Hotel in Istanbul, wo er fast 13 Jahre zuvor mit seinem Kumpel die Mauer umflohen war. "Wir waren die ersten DDR-Fußballer, die abgehauen sind und es in der Bundesliga geschafft haben. Darüber haben sich viele Fußballfans im Osten gefreut, weil wir damit auch die Prophezeiungen der DDR-Politkader widerlegten, dass wir im Westen kaputt gehen würden. Dass wir uns dort durchsetzen konnten, hat Leute wie Lutz Eigendorf oder Falko Götz sicher ermutigt, unserem Schritt zu folgen", sagt er. Trotzdem habe er in der Vergangenheit oft darüber nachgedacht, ob die Fluchtentscheidung richtig war. "Sie war es", sagt er, mehr zu sich selbst, "trotz aller Widrigkeiten. Ich habe die Welt kennen gelernt und Tausende Menschen. Meine Erfahrungen von heute hätte ich sonst nicht."

Zurück in den Osten

Zu denen gehört auch seine Zeit nach der Wende. Er hatte sein Elternhaus gekauft und in Weißenfels eine Fensterbaufirma gegründet. Lange lief diese gut, aber nicht ewig. Warum er überhaupt wieder in den Osten ging? "Tja, das war wahrscheinlich ein Fehler." Doch sofort folgt ein "wobei". "Im Leben gibt's keine Fehler. Ich war einfach nostalgisch. Ich habe die Wende genauso euphorisch gesehen wie alle. Ich war ein fanatischer Anhänger des kapitalistischen Systems, überzeugter CDU-Wähler und Fan von Helmut Kohl." Er zeigt ein Foto aus der Eintracht-Zeit, auf dem er zusammen mit dem damaligen CDU-Oberbürgermeister Walter Wallmann in die Kamera lächelt.

1995 stieg er aus dem Fensterbaugeschäft aus. Ausgebrannt. Er habe nicht an Selbstmord gedacht, jedoch: "Meine Zeit ist abgelaufen, jeden Moment bin ich weg." Statt sich helfen zu lassen, wollte er ein halbes Jahr aussteigen, zum Regenerieren. Ein Brasilianer nahm ihn mit nach Paraguay. Dort gefiel es ihm auf Anhieb so gut, dass er Deutschland verließ. Er mag die einfachen Leute, zu denen er sich selbst zählt. "Ich bin ein Pioniertyp, ein Conquistador, wie man hier sagt." Pahl findet es gut, dass man in einem Land wie Paraguay nicht alles durchplanen kann und mit Überraschungen leben muss.

Jahrhundert-Eigentor

Er betrieb ein Lokal, dann eine Pension, nebenbei leitete er eine Fußballschule für Jugendliche und Erwachsene. Außerdem trainierte er den Verein Deportivo Independencia, mit dem er von 2001 bis 2006 viermal Meister der Mennoniten-Liga wurde. Momentan führt er ein kleines Restaurant. Nebenbei hat er eine Fußball-Akademie eröffnet, die in den Ferien Sichtungsturniere für Talente veranstaltet. Wenn der eine oder andere den Weg nach Europa suchen würde, würde Pahl ihn nicht davon abhalten. Ein paar eigene Erfahrungen als Bundesligaprofi hat er aber weitergeben.

Die Spiele der deutschen Eliteklasse verfolgt er in Südamerika regelmäßig im Internet. Das 50. Jubiläum der Bundesliga und die flankierenden Anekdoten interessieren ihn weniger. An eine aber kann auch er sich bestens erinnern: das vom Fernsehen nie aufgezeichnete sogenannte Jahrhundert-Eigentor. Auf beeindruckend skurrile Weise hatte sich ein Torwart im Bundesligaspiel gegen Bremen am 4. Dezember 1982 den Ball selbst ins Netz geworfen. "War ein blödes Ding", sagt Pahl und lächelt milde. Der Torwart war er.

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Leserkommentare
  1. und Klasse Artikel das hier.

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