Jürgen PahlDer Torwart, der aus der DDR und aus Deutschland floh
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"Ich bin ein Conquistador, wie man hier sagt"

In den Zeitungen sahen sie sich als Helden gefeiert, die ersten geflohenen DDR-Auswahlfußballer. Ein Spielervermittler von Hertha BSC fragte an, aber ins von der DDR umzingelte Westberlin wollten sie nicht. Stattdessen gingen sie nach Frankfurt/Main, wo sie nach Ablauf der sechzehnmonatigen Sperre im Frühjahr 1978 endlich ihre Bundesligakarriere starten konnten. Doch der Horizont des Fußballprofis Pahl änderte sich allmählich. Anteil daran hatte der damalige Eintracht-Präsident Achaz von Thümen, im Hauptberuf Kanzler der Frankfurter Universität. "Er war ein hochintelligenter und etwas apokalyptisch veranlagter Mann, der von meinen Mitspielern oft belächelt wurde", sagt Pahl. "Mich hat er sehr geprägt, denn wir hatten viele interessante Gespräche über die wesentlichen Dinge in der Welt."

Geprägt hat Pahl auch eine andere Erfahrung bei der Eintracht. 1981 verloren er und seine Mitspieler viel Geld durch Schrottimmobilien. "Ich bin als einziger auf die Barrikaden gegangen, auch gegen das Vereinspräsidium." Als Mannschaftssprecher scheute er keine Konfrontation: "Ich hatte immer so einen Einmischungsdrang, aus Gerechtigkeitsgefühl", sagt er, der 1989 auch zu den Gründungsmitgliedern der Spielergewerkschaft VdV gehörte.

Vom Mauerfall erfuhr der Anhaltiner – der seine Laufbahn beim türkischen Klub Rizespor ausklingen ließ – in einem Hotel in Istanbul, wo er fast 13 Jahre zuvor mit seinem Kumpel die Mauer umflohen war. "Wir waren die ersten DDR-Fußballer, die abgehauen sind und es in der Bundesliga geschafft haben. Darüber haben sich viele Fußballfans im Osten gefreut, weil wir damit auch die Prophezeiungen der DDR-Politkader widerlegten, dass wir im Westen kaputt gehen würden. Dass wir uns dort durchsetzen konnten, hat Leute wie Lutz Eigendorf oder Falko Götz sicher ermutigt, unserem Schritt zu folgen", sagt er. Trotzdem habe er in der Vergangenheit oft darüber nachgedacht, ob die Fluchtentscheidung richtig war. "Sie war es", sagt er, mehr zu sich selbst, "trotz aller Widrigkeiten. Ich habe die Welt kennen gelernt und Tausende Menschen. Meine Erfahrungen von heute hätte ich sonst nicht."

Zurück in den Osten

Zu denen gehört auch seine Zeit nach der Wende. Er hatte sein Elternhaus gekauft und in Weißenfels eine Fensterbaufirma gegründet. Lange lief diese gut, aber nicht ewig. Warum er überhaupt wieder in den Osten ging? "Tja, das war wahrscheinlich ein Fehler." Doch sofort folgt ein "wobei". "Im Leben gibt's keine Fehler. Ich war einfach nostalgisch. Ich habe die Wende genauso euphorisch gesehen wie alle. Ich war ein fanatischer Anhänger des kapitalistischen Systems, überzeugter CDU-Wähler und Fan von Helmut Kohl." Er zeigt ein Foto aus der Eintracht-Zeit, auf dem er zusammen mit dem damaligen CDU-Oberbürgermeister Walter Wallmann in die Kamera lächelt.

1995 stieg er aus dem Fensterbaugeschäft aus. Ausgebrannt. Er habe nicht an Selbstmord gedacht, jedoch: "Meine Zeit ist abgelaufen, jeden Moment bin ich weg." Statt sich helfen zu lassen, wollte er ein halbes Jahr aussteigen, zum Regenerieren. Ein Brasilianer nahm ihn mit nach Paraguay. Dort gefiel es ihm auf Anhieb so gut, dass er Deutschland verließ. Er mag die einfachen Leute, zu denen er sich selbst zählt. "Ich bin ein Pioniertyp, ein Conquistador, wie man hier sagt." Pahl findet es gut, dass man in einem Land wie Paraguay nicht alles durchplanen kann und mit Überraschungen leben muss.

Jahrhundert-Eigentor

Er betrieb ein Lokal, dann eine Pension, nebenbei leitete er eine Fußballschule für Jugendliche und Erwachsene. Außerdem trainierte er den Verein Deportivo Independencia, mit dem er von 2001 bis 2006 viermal Meister der Mennoniten-Liga wurde. Momentan führt er ein kleines Restaurant. Nebenbei hat er eine Fußball-Akademie eröffnet, die in den Ferien Sichtungsturniere für Talente veranstaltet. Wenn der eine oder andere den Weg nach Europa suchen würde, würde Pahl ihn nicht davon abhalten. Ein paar eigene Erfahrungen als Bundesligaprofi hat er aber weitergeben.

Die Spiele der deutschen Eliteklasse verfolgt er in Südamerika regelmäßig im Internet. Das 50. Jubiläum der Bundesliga und die flankierenden Anekdoten interessieren ihn weniger. An eine aber kann auch er sich bestens erinnern: das vom Fernsehen nie aufgezeichnete sogenannte Jahrhundert-Eigentor. Auf beeindruckend skurrile Weise hatte sich ein Torwart im Bundesligaspiel gegen Bremen am 4. Dezember 1982 den Ball selbst ins Netz geworfen. "War ein blödes Ding", sagt Pahl und lächelt milde. Der Torwart war er.

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Leserkommentare
  1. und Klasse Artikel das hier.

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  • Schlagworte Bundesliga | Fußball | Eintracht Frankfurt | Hertha BSC | DDR | Falko Götz
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