Rassismus im Fußball"Wir alle sind Boateng"

Kevin-Prince Boateng hat ein Signal gegen Rassismus gesetzt, das in Italiens Fußball angekommen ist. Auch Milan-Eigner Silvio Berlusconi solidarisiert sich.

Für ihr mutiges Signal gegen Rassismus haben Kevin-Prince Boateng und der AC Mailand in Italien und auch international viel Anerkennung bekommen. Gleichzeitig sagte Boateng gegenüber dem TV-Sender CNN, wenn er nochmal in einem Spiel rassistisch beleidigt werde, werde er wieder vom Platz gehen – egal ob in einem Testspiel, einer Partie in der italienischen Liga oder in einem Champions-League-Spiel. Unterstützung bekam er dabei von ganz oben: Der Clubeigner und ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi sagte, er garantiere, dass sein Team sich in einem entsprechenden Fall wieder so verhalten werde.

Der Ghanaer Boateng, der in Berlin geboren wurde, hatte am Donnerstag in einem Freundschaftsspiel gegen den Viertligisten Pro Patria in der 26. Minute das Spielfeld verlassen, nachdem er und seine Teamkollegen von den gegnerischen Fans rassistisch beleidigt worden waren. Das gesamte Team folgte Boateng, das Spiel musste abgebrochen werden.

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In Italien – ein Land, in dem Rassismus in Stadien immer noch an der Tagesordnung ist – ist die Botschaft angekommen: Die einflussreiche Sportzeitung Gazzetta dello Sport titelte "Wir alle sind Boateng" und nannte seine Handlung eine "historische Reaktion" auf die "Rassismus-Schande" im Stadion von Busto Arsizio. Der Corriere dello Sport schrieb, Milan habe dem Fußball "eine großartige Lektion" erteilt.

Boateng, der die Vorfälle als Schande bezeichnet hatte, bedankte sich via Twitter: "Danke für die Unterstützung und das Verständnis – das bedeutet sehr viel!"

Mithilfe von Video-Aufzeichnungen hat die Polizei die Verantwortlichen bereits identifiziert. Medienberichten zufolge handelt es sich um 40 Täter. Ein erster Fan hat bereits gestanden. Den Tätern drohen Stadionverbote von fünf Jahren. Der zuständige Staatsanwalt Mirko Monti eröffnete gegen sie zudem ein Verfahren wegen Rassenhasses. Fußballverbandspräsident Giancarlo Abete leitete Ermittlungen der Sportjustiz ein. Er sprach von einer "nicht tolerierbaren Beleidigung für den ganzen italienischen Fußball".

Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli verurteilte die fast schon alltäglichen Rassismus-Exzesse in den Stadien: "Wir sind das so leid." Dass Milan, angeführt von einem mutigen Boateng, der radikalen Minderheit unter den Fans erstmals entschieden entgegengetreten ist, bezeichnete der Nationalcoach als vorbildlich. "Ein großartiges Team, ein großartiger Trainer und ein großer Mann", sagte Prandelli.

"Richtungsweisendes Signal"

Mailands Bürgermeister Giuliano Pisapio sagte, das "richtungsweisende Signal" Boatengs könnte eine Wende im Kampf gegen Rassismus im Fußball einläuten.

Mailands Trainer Massimiliano Allegri hatte seine Mannschaft bereits am Donnerstag direkt nach Abbruch des Spiels verteidigt: "Italien muss ein bisschen zivilisierter und intelligenter werden". Auch Pro Patrias Präsident Pietro Vavassori verurteilte die rassistischen Rufe seiner Fans und zeigte Verständnis für den Spielabbruch.

Kritik an Boatengs Handlung äußerte dagegen sein ehemaliger Mailänder Teamkollege Clarence Seedorf: "Natürlich sendet man damit ein Signal. Aber das hat es schon mehr als einmal gegeben, aber nichts geändert. Wir machen diese kleine Gruppe, die mit ihrem Verhalten diese Schweinerei anrichtet, nur noch stärker" sagte Seedorf nach Angaben der BBC.

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Leserkommentare
    • Capo321
    • 04. Januar 2013 21:50 Uhr

    "beängstigend, wie ein an sich unbedeutender Vorfall im italienischen Fußball sogar hier bei uns von den Massenmedien politisch instrumentalisiert wird."

    Der Vorfall ist nicht unbedeutend, da es der erste seiner Art ist und angekündigt wurde, dieses Vorgehen, bei größeren Spielen zu wiederholen.

    Dieser Vorfall ist insbesondere für Deutschland interessant, da er von einem Deutschen ausging und auch hier ein Symbol für viele Abartigkeiten auf und neben dem Platz ist. Demnach ist es völlig berechtigt, dass die hiesige Presse darauf reagiert.

    "Boateng soll sich nicht anstellen wie ein Mädchen. Er ist ein hochbezahlter Profi."

    Wenn in seinem Arbeitsvertrag stünde, dass er sich über 90 Minuten von Kleingeistern beleidigen lassen muss, dann hätten seine Arbeitgeber sich wohl anders geäußert. So wie ich das verfolge, sehen weder der Trainer noch Berlusconi ein, dass man sich als Spieler wegen seiner Hautfarbe beleidigen lassen muss.

    "Die richtige Antwort auf irgendwelche Anfeindungen wäre gewesen, drei oder vier Tore zu schießen und nicht herumzuheulen wie ein kleines Kind."

    Aha. Also Leistung als Antwort auf Unrecht. Auf sie übertragen hieße das, wenn Mitarbeiter einer rivalisierenden Firma sie direkt, durchgehend und vor Zeugen beleidigen, erstatten sie keine Anzeige, sondern machen Überstunden bei ihrem Arbeitgeber.
    Interessant...

    16 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
  1. ... das wirklich faul war, rechtfertigt nicht, dass er aufgrund seiner Hautfarbe oder seiner Herkunft beleidigt wird. Für das erste kann Boateng etwas, für das zweite nicht. Hätten die "Fans" das Foul gegen Ballack im Sinn gehabt, dann hätten sie vermutlich Boateng eher bejubelt als ihn beleidigt.

    Ich verstehe nicht, wieso man in diesem Zusammenhang zwei Dinge miteinander verbinden kann, die nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun haben und so die rassistischen Beleidigungen beinahe noch rechtfertig, zumindest aber "kein Mitleid" zeigt. Einmal böser Bube, für immer böser Bube, dem alles Schlechte zurecht geschieht, oder wie?

    Ach ja, ich habe Ballack seit dem Foul in der NM nicht vermisst. Sie etwa?

    6 Leserempfehlungen
  2. Ich bin ich und nicht Boateng. Hat der nicht Michael Ballack
    so schwer verletzt,dass dieses das Ende des deutschen Nationalspielers war. Also sportlich gesehen hält sich meine Zustimmung für Kevin-Prince Boateng in recht bescheidenen Grenzen. Sein Verhalten gegenüber Ballack sehe ich als Unsportlichkeit an.

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die rassistische Übergriffe verharmlosen. Danke, die Redaktion/jp

    • Quadrat
    • 04. Januar 2013 23:31 Uhr

    ihren Kommentar nicht. Er wurde rassistisch beleidigt. Er wurde aufgrund seiner Hautfarbe beleidigt. Nun kommen Sie mit einem Foul an M. Ballack, und das Sie ihn deshalb nicht sportlich finden?
    Es ist Fussball und bei dieser Sportart passiert es manchmal, dass Spieler andere Spieler foulen und verletzten

    ... das wirklich faul war, rechtfertigt nicht, dass er aufgrund seiner Hautfarbe oder seiner Herkunft beleidigt wird. Für das erste kann Boateng etwas, für das zweite nicht. Hätten die "Fans" das Foul gegen Ballack im Sinn gehabt, dann hätten sie vermutlich Boateng eher bejubelt als ihn beleidigt.

    Ich verstehe nicht, wieso man in diesem Zusammenhang zwei Dinge miteinander verbinden kann, die nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun haben und so die rassistischen Beleidigungen beinahe noch rechtfertig, zumindest aber "kein Mitleid" zeigt. Einmal böser Bube, für immer böser Bube, dem alles Schlechte zurecht geschieht, oder wie?

    Ach ja, ich habe Ballack seit dem Foul in der NM nicht vermisst. Sie etwa?

    • Quadrat
    • 04. Januar 2013 23:31 Uhr

    ihren Kommentar nicht. Er wurde rassistisch beleidigt. Er wurde aufgrund seiner Hautfarbe beleidigt. Nun kommen Sie mit einem Foul an M. Ballack, und das Sie ihn deshalb nicht sportlich finden?
    Es ist Fussball und bei dieser Sportart passiert es manchmal, dass Spieler andere Spieler foulen und verletzten

    4 Leserempfehlungen
  3. 14. [...]

    Enfernt. Kritik an der Moderation richten Sie bitte direkt an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jp

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Gefährlich..."
  4. Nein, keiner von uns ist Boateng.
    Wir alle sind immer nur wir und nicht irgendwer anders, auch wenn wir so gern so tun als würden wir die Betroffenen sein, wie sie fühlen und denken. Sind wir aber nicht.
    Solches Betroffenheitsgeschwafel von wegen "Wir alle sind.. " ist überflüssig, allein auf das Tun im Alltag kommt es an.
    Und gerade ein Berlusconi muss da keine großen Töne machen.

    4 Leserempfehlungen
    • Capo321
    • 04. Januar 2013 21:29 Uhr

    Für mich eine gerechtfertigte und vor allem mutige Aktion. Man hat lange toleriert, dass Spieler auf diese Art beleidigt wurden. Auf der Straße würde man diese Leute anzeigen, warum sollte man das dann in Stadien tolerieren?

    Ich denke es ist wirklich an der Zeit, dass Verbände, Vereine und Fans sich darauf verständigen, wie man so etwas in nächster Zeit unterbindet. Schöne Worte alleine reichen ja nicht. Und das gilt für jedes Land, nicht nur Italien.

    Alleine in Deutschland kann ich mich an einen Tumult erinnern, der ausgelöst wurde, als ein Afrikaner aus Protest den Hitlerguß in eine Fankurve zeigte, die ihn durchgehend mit Affenlauten beleidigt hatte. Für mich eine Schande.
    Wer braucht so etwas? Welche Fans haben Probleme Stimmung zu machen, wenn sie aufhören Spieler zu diskriminieren?

    3 Leserempfehlungen
  5. Es ist doch klar, dass es Minderheiten sind, die diese Rassistischen Äußerungen von sich geben. Meiner Meinung ist das größte Problem in diesen Fällen, dass die "Nicht-Rassisten" nicht handeln.

    Im Stadion waren ja nicht nur die 40 Rassisten, sondern einige Tausend andere. Warum haben sie die Rassisten nicht zur Ruhe gebracht? Das Problem ist die Maße, die nicht handelt.

    Solche Aktionen, wie die von Boateng, führen dazu, dass ein Umdenken stattfindet. Als Fan hat man vielleicht mehr Angst, dass das Spiel wegen einigen Idioten abgesagt ist.

    Ich weiß, es ist nicht der beste Weg Rassismus im Stadion zu bekämpfen, aber es ist ein Weg.

    3 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, sk
  • Schlagworte Silvio Berlusconi | Cesare Prandelli | Fußball | Italien | Rassismus | Stadion
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