Tobias Angerer"Irgendwann kommt der Punkt, an dem es nur noch weh tut"

Tobias Angerer ist Deutschlands erfolgreichster Skilangläufer. Er erzählt von seiner Sucht, sich selbst zu überwinden, und warum er nicht Biathlet geworden ist. von 

Ich bin natürlich in den Bergen aufgewachsen. Mein Vater war Hobby-Langläufer, hat den berühmten Wasalauf in Schweden mitgemacht. Direkt hinter unserem Haus führte eine Loipe entlang. An manchen Tagen mussten meine Eltern losfahren, mich suchen, weil ich nicht zurückgekommen bin. Ich war drei Jahre alt, als ich das erste Mal auf Skiern stand.

Für mich ist Ski-Langlauf die schönste Sportart der Welt. Man kann sich richtig auspowern, ist an der frischen Luft. Das Beste aber ist die Freiheit: Es gibt so unendlich viele Loipen. Ich kann fast überall hinlaufen, wo ich will. Ich bin nicht abhängig von einer Bahn wie ein Bobfahrer oder der Biathlet vom Schießstand.

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Manche sagen, Ski-Langlauf sei langweilig, weil wir ja immer nur geradeaus durch den Wald hetzen. Aber das stimmt nicht ganz. Wir haben im Weltcup viele sehr schwere Strecken, da geht es hoch und runter, nach links und nach rechts. Teilweise sind die Abfahrten so steil, dass wir bis zu 80 Kilometer pro Stunde schnell werden. Das kommt im Fernsehen oft gar nicht so rüber.

Tobias Angerer
Tobias Angerer

Tobias Angerer gewann 2006 und 2007 jeweils den Skilanglauf-Gesamtweltcup. Der 35-Jährige gewann vier olympische Medaillen und wurde viermal Vize-Weltmeister.

Der große Reiz beim Langlauf ist das Sichüberwinden. Irgendwann kommt der Punkt, an dem es nur noch weh tut, an dem es eigentlich nicht weiter geht. Den Punkt kann man zwar versuchen, durch Training so weit wie möglich nach hinten zu verschieben. Irgendwann aber ist er da. Wenn man da drüber hinauskommt, stellt sich große Zufriedenheit ein. Das Gefühl ist schwer zu beschreiben. Andere holen sich ihren Kick, indem sie irgendwo runterspringen oder durch Geschwindigkeit. Ich bin eben süchtig nach dieser Art von Grenzerfahrung.

Ich kann mich noch an die WM 2007 in Sapporo erinnern: Ich galt als großer Favorit auf den Sieg, weil ich den Gesamtweltcup souverän angeführt habe, die Tour de Ski gewonnen habe und einfach gut in Form war. Ich war deswegen der letzte Starter, eigentlich ein Vorteil. Dann aber hat es während des Rennens zu schneien begonnen. Ich habe gedacht: Was mache ich jetzt? Eigentlich hatte ich keine Chance mehr. Bei diesem Rennen bin ich von der ersten bis zur letzten Minute an die Grenze gegangen. Am Ende habe ich dann Bronze gewonnen, was eigentlich nicht möglich war. Das war sicherlich eines der schwierigsten Rennen meiner Karriere, aber auch eines meiner Besten.

Winterspiele

Jedes Jahr, von November bis März, gehen die Wintersportler ihrer Arbeit nach. Das Fernsehen berichtet live, viele Stunden lang und trotzdem bleiben einem die Schneesportarten manchmal fremd, vor allem den Flachlandbewohnern.

Doch was ist der große Reiz beim Skilanglauf? Wie fühlt es sich an, eine Abfahrtspiste oder Bobbahn hinunter zu rasen? Und haben Skispringer auch mal Angst?

In unser Serie erzählen erfolgreiche Wintersport-Stars wie der Springer Gregor Schlierenzauer, die Skifahrerin Viktoria Rebensburg, der Langläufer Tobias Angerer, die Snowboarderin Amelie Kober oder die Bobpilotin Cathleen Martini von der Faszination ihrer Sportart.


Ich werde oft gefragt, warum ich nicht Biathlet geworden bin. Aber ich laufe die klassische Technik zu gern, als dass ich darauf verzichten möchte. Beim Biathlon geht das nicht. Tauschen würde ich nur mal mit einem Tennisspieler. Tennis spiele ich auch schon seit Kindheitstagen.

Ich bin jetzt 35 Jahre alt und überrascht, was der Körper noch alles leisten kann. Obwohl ich die vergangenen zwei Jahre im Leistungssport anders wahrnehme. Ich genieße es einfach mehr, bin nicht mehr so verbissen, weil ich weiß: Nach Sotschi 2014 ist Schluss. Ich habe eine Familie, Kinder, die zu Hause auf einen warten. Ich trainiere deswegen nicht weniger, aber ich bin entspannter. Es gibt da noch ein anderes Leben, neben dem Sport.

Aufgezeichnet von Christian Spiller

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Leserkommentare
  1. Ich finde Erzählungen von Leistungssportlern immer sehr spannend! Die ganze Vorarbeit, überhaupt erst einmal so weit zu kommen, geht nur aus solchen Artikeln hervor. Und motivierenderweise ist das nicht nur beim Sport so, sondern auch in etlichen anderen Lebenssituationen. Tobias Angerer sorgt immer wieder für spannende Live-Übertragungen! Großes Kompliment und Gratulation, es so weit geschafft zu haben!

    Schade nur, dass der Absatz vier so kurzgehalten wurde. Da wäre noch viel Platz für Details!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bahn | Berg | Biathlon | Eltern | Fernsehen | Karriere
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