Ole Bischof hatte hart auf diesen Tag hingearbeitet. Der Judo-Olympiasieger von Peking setzte sich am 10. September an den Computer – und schrieb einen schlichten Satz: "Heute beende ich meine sportliche Karriere", postete er auf Facebook. In kürzester Zeit hoben mehr als 2.300 Fans den Daumen und gratulierten dem 33-Jährigen zum Start ins klassische Berufsleben. Die Doppelbelastung aus Leistungssport und Studium hat er über Jahre mit Biss gemeistert: 2012 stand Bischof nicht nur im olympischen Finale von London, wo er Silber holte, sondern reichte auch seine Diplomarbeit an der Uni Köln ein.

Bescheiden sagt der frische Diplom-Volkswirt: "Ich bin erst einmal wieder Lehrling." Seit Oktober arbeitet er bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers. Bischof war immer klar: Kampfsport sichert keine Rente. Dunkler Business-Suit statt weißem Judoanzug – ein Bilderbuchwechsel.

Im Grunde müsste es viel öfter solche Erfolgsgeschichten geben, findet Wirtschaftsprofessor Sascha Schmidt: "Viele Leistungssportler bringen alles mit, was für den Führungsnachwuchs in Unternehmen wichtig ist", sagt der Leiter des Instituts für Sports, Business & Society an der EBS Universität in Oestrich-Winkel. "Allerdings hat die Wirtschaft trotz ihres Fachkräftemangels den attraktiven Talent-Pool der Spitzensportler noch nicht systematisch für sich erschlossen." In seinen Augen ein Versäumnis.

Engagement kippt in Scheuklappendenken

In seiner in dieser Woche veröffentlichten Studie Kollege Spitzensportler hat der Wissenschaftsprofessor beide Seiten befragt: Gut 1.000 deutsche Spitzenathleten, die von der Deutschen Sporthilfe gefördert werden, sollten anonym eine Selbsteinschätzung abgeben und sich zu ihren Berufsplänen äußern. Knapp die Hälfte hatte Abitur, der Altersschnitt betrug 21,5 Jahre. Zudem berichteten Personalverantwortliche etlicher Dax-Unternehmen, Unternehmensberater und Headhunter von ihren Erfahrungen mit der Zielgruppe der Top-Athleten. "Die Ergebnisse belegen, dass es sich für Personalverantwortliche lohnt, bei der Nachwuchsrekrutierung mehr auf das Segment der Spitzensportler zu achten", sagt Schmidt.

Die charakterliche Prägung aus dem Sport ersetze freilich nicht die fundierte Fachausbildung, etwa durch ein Studium. Doch bei den berufsrelevanten Persönlichkeitsmerkmalen Disziplin, Stabilität und Engagement schnitten die Athleten überdurchschnittlich ab. Als Vergleichsgruppen bei dieser Selbstbefragung dienten Schmidt und seinem Co-Autoren Thomas Saller die als ehrgeizig bekannten Studenten seiner Hochschule sowie Fachkräfte – die als Young Professionals bezeichneten Berufseinsteiger noch ohne Führungsverantwortung.

Sind Spitzensportler dank ihrer antrainierten Tugenden nicht automatisch dazu geeignet, auch im Geschäftsleben alles abzuräumen? So klischeehaft ist es nicht. Der Judoka Ole Bischof, der während seiner Sportlerkarriere bereits Vorträge vor Führungskräften hielt, hat es jüngst so formuliert: "Ich kann Managern nicht sagen, wie sie ihren Job zu machen haben, aber ich kann vermitteln, wie Fairness, Respekt und Disziplin mit Kampfgeist, Durchsetzungsvermögen und Siegeswillen zusammenpassen."

"Ein Spitzensportler ist nicht automatisch berufen, Topmanager zu werden", relativiert auch Schmidt. Die Studie kommt zu einem differenzierten Urteil: Jedes Persönlichkeitsmerkmal hat im Geschäftsleben eine Kehrseite. So können extremes Engagement und ein hoher Leistungsanspruch beispielsweise schnell kippen in Scheuklappendenken. "Nach Aussagen der Personalexperten neigt manches frühere Sport-As dazu, seine Mitarbeiter nur nach messbaren Leistungen zu beurteilen – und menschliche Aspekte zu vernachlässigen." Bei der Sozialkompetenz lagen die Spitzensportler en gros immerhin gleichauf mit den Fachkräften.