Travis TygartDer Armstrong-Jäger gibt dem Bundestag Nachhilfe
Seite 2/2:

Die USA haben kein Anti-Doping-Gesetz, aber sie haben Tygart

Zum Besten gaben die Politiker wieder das Märchen vom vorbildlichen Anti-Doping-Kampf in Deutschland. Vor allem die Mitglieder von CDU und FDP scheinen zu ignorieren, dass Doping auch ein großes deutsches Problem ist. Ein paar jüngere Beispiele: In diesen Tagen wurde bekannt, dass die wissenschaftliche Aufklärung der Vergehen der Freiburger Sportmedizin behindert wurde. Tygarts tausendseitiger Armstrong-Bericht nannte auch die Telekom, ein deutsches teilstaatliches Unternehmen, als Täter. Und ein aktuelles Rechtsgutachten eines Richters am Bundesgerichtshof besagt, dass die deutschen Doping-Gesetze zu lasch seien. Die Frankfurter Rundschau nannte das eine "Ohrfeige für Sport und Regierung". Doch gegen eine Verschärfung wehrt sich Schwarz-Gelb im Einklang mit dem Deutschen Olympischen Sportbund seit Jahren mit Händen und Füßen, obwohl sich Anti-Doping-Gesetze in anderen Nationen bewährt haben.

Oliver Fritsch
Oliver Fritsch

Oliver Fritsch ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

An Debatten ist der Sportausschuss nicht interessiert

Auch die USA haben kein Anti-Doping-Gesetz, aber sie haben Tygart. Sein Auftritt in Berlin hat auch verdeutlicht: Es kommt nicht nur auf die Strukturen an, sondern auf den Menschen dahinter. Tygart ist hartnäckig, leidenschaftlich und clever. Armstrong hatte ihm langen juristischen und politischen Widerstand geleistet, Tygart erhielt sogar Morddrohungen. Die Staatsanwaltschaft hatte den Fall längst zu den Akten gelegt, doch Tygart gab nicht auf. Weil er über deren Ermittlungsergebnisse nicht verfügte, behalf er sich mit einem Trick: Er lud die Ermittler zu seinen Verhören ein, was den Wahrheitsdruck erhöhte. Im Sportausschuss sprach er von "Ärmel hochkrempeln" und vom Mut, den seine Aufgabe verlange. "Armstrong hielt sich für zu reich, mächtig und schlau", sagte er. Doping betreffe mehr als den Sport, es gefährde unsere Werte, sagte Tygart. "Wir müssen die Kultur des Dopings ändern."

Gesetzesverschärfung

Travis Tygart war nur einer von mehreren Sachverständigen dieser Sitzung, aber er stand im Mittelpunkt. Deutlich weniger Beachtung fand eine ebenso brisante Debatte: Braucht Deutschland schärfere Gesetze im Kampf gegen Doping? Dieter Maihold, Richter am Bundesgerichtshof, befürwortet Änderungen. Er will die Kronzeugenregel einführen und jeden Besitz von Doping-Mitteln strafbar machen. Bislang verbietet das Arzneimittelgesetz nur den Besitz von nicht-geringen Mengen, es zielt auf Dealer. Maihold erkennt darin eine "systemwidrige Strafbarkeitslücke". Die Gegenrede hielt der Erlangener Rechtsprofessor Matthias Jahn, der das Arzneimittelgesetz als ausreichend erachtet.
 

Nada-Neustrukturierung

Ein weiterer Sitzungsteil fand gar unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt: eine mögliche Neustrukturierung der Nationalen Anti-Doping Agentur (Nada). Dazu wird sich Tygart mit den Vertretern der Nada und dem Deutschen Olympischen Sportbund am Donnerstag beraten.

Die Wirkung seines Nachhilfeunterrichts auf die deutschen Parlamentarier darf jedoch bezweifelt werden. Im Sportausschuss sitzen einige Politiker, die in Sportverbänden oder -vereinen hohe Ämter ausüben – ein Widerspruch zu Tygarts Prinzipien. An Debatten ist der Sportausschuss ohnehin nur bedingt interessiert, die Öffentlichkeit sperrt er auf Initiative seiner zehn schwarz-gelben Mitglieder seit anderthalb Jahren aus.

Jens Petermann, der Vertreter der Linken, ließ sich immerhin von Tygart inspirieren: "Wir sollten Ideen entwickeln für den Kampf gegen Doping", sagte er in Richtung der politischen Konkurrenz. "Aber so weit sind wir noch nicht." In diesen Fragen ist der Ausschuss auch gut ein halbes Jahr vor Ablauf seiner Legislaturperiode noch nicht besonders auffällig geworden. Armstrong ist erledigt, doch die Mehrheit des Sportausschusses des Deutschen Bundestags zu einer Initiative gegen Doping zu bewegen, dürfte die wesentlich härtere Nuss für Tygart sein.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Im Kampf gegen Doping stecken nicht nur die Sportverbände in einem Interessenkonflikt, sondern auch die Politik (insbesondere die "Sportpolitik". Der Staat selbst ist einerseits einer der größten Geldgeber des deutschen Sports und somit gewiss nicht daran interessiert, die eigene Elite als Doper entlarvt zu sehen. Im Übrigen fällt jeder Dopingfall unweigerlich auf das Image Deutschlands als Sportnation zurück und stellt damit auch die Arbeit der "Sportpolitiker" in Frage.

    Ganz abgesehen davon halte ich es nicht unbedingt für erforderlich, das Doping strafrechtlich zu ahnden. Jedoch müsste eine Rechtslage geschaffen werden, aufgrund derer eine wirklich unabhängige Anti-Doping-Behörde effektive Ermittlungsrechte und sportbezogene Sanktionsrechte besäße.

    Eine Leserempfehlung
  2. 2. Niveau

    "Ein Vertreter der FDP fragte: "Wenn ich mal ein Beutelchen Epo dabei hätte, weil ich müde bin, hätte ich mich strafbar gemacht?""

    Ein Frage auf FDP-Niveau. EPO ist ein Medikament für schwerstkranke Krebs- und Dialysepatienten. Es wird gespritzt und hat ein Risiko schwerer und u.U. tödlicher Nebenwirkungen. Niemand hat "ein Beutelchen Epo dabei" weil er müde ist.

    Es ist traurig, mit welcher Ahnungslosigkeit der Sportausschuss diskutiert.

    http://pi.amgen.com/unite...

    "WARNING: ESAs INCREASE THE RISK OF DEATH, MYOCARDIAL INFARCTION, STROKE,VENOUS THROMBOEMBOLISM, THROMBOSIS OF VASCULAR ACCESS AND TUMOR PROGRESSION OR RECURRENCE"

  3. "Balco, die Doping-Affäre um ein amerikanisches Pharma-Unternehmen"

    Balco war kein Pharma-Unternehmen sondern eine als Analyselabor getarnte Dopingbude.

    "Officially, BALCO was a service business for blood and urine analysis and food supplements"

    http://en.wikipedia.org/w...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Danke für den Hinweis. Ich hab das Pharma gestrichen.
    Gruß aus der Redaktion

    • Rychard
    • 31. Januar 2013 13:35 Uhr

    nur einer Instanz kann zur Aufklärung eines System und dessen Veränderung führen. Das ist für das Leistungssystem der Schreibtischtäter riskant ..

  4. .... über Geld gekaufte Vorteile.... wie bei der Korruption.... in unserem Wertesystem also was ganz normales?

    2 Leserempfehlungen
    • olivern
    • 31. Januar 2013 14:08 Uhr

    Der Staat ist schlicht nicht dafür da, die Einhaltung der Regeln irgendwelcher Sportarten zu erzwingen. Der Versuch ist eine Verschwendung von Steuergeldern.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Staat auch ist dafür da, Sportler vor einer Mafia zu schützen, die Ihnen ohne echte Aufklärung Medikamente mit schweren Nevenwirkungen und hochriskante, völlig ungetestete Substanzen verabreicht.

    Und es dreht sich nicht nur um die echten Spitzensportler. Durch deren schlechtes Vorbild breitet sich das Doping bis in die Kreisliegen und auch bei minderjährigen Sportlern aus.

    • finole
    • 31. Januar 2013 14:29 Uhr

    Richtig, das ist nicht die Aufgabe des Staates.
    Aber es geht bei Doping um Medikamentenmissbrauch, wodurch sich Berührungen mit den mafiösen Netzwerken des Betäubungsmittelhandels ergeben. Außerdem sollte der Staat solange ein Interesse an der Befolgung der Regeln haben wie er Sportler über Förderung unterstützt, weil das Geld bei einem positiven Dopingtest komplett verschwendet wäre (allerdings erinnere mich an ein altes Statement unseres Finanzministers aus seinen Zeiten als Innenminister in den 90ern, in dem er indirekt (aber nicht sehr) fordert, Doping zu verwenden, um wieder gleiche Chancen mit Athleten aus anderen Ländern zu schaffen).

    Wenn es eine Verschwendung von Steuergeldern gibt, dann die, dass unglaublich viel Steuergeld in die Hand genommen wird um nach aussen und innen als Sportnation zu glänzen.
    Und falls das Volk diesen Propagandaschwachsinn für die Politiker unterstützen möchte, dann bitte nicht durch Betrug, und das ist Doping nun mal.

  5. 7. Mafia

    Der Staat auch ist dafür da, Sportler vor einer Mafia zu schützen, die Ihnen ohne echte Aufklärung Medikamente mit schweren Nevenwirkungen und hochriskante, völlig ungetestete Substanzen verabreicht.

    Und es dreht sich nicht nur um die echten Spitzensportler. Durch deren schlechtes Vorbild breitet sich das Doping bis in die Kreisliegen und auch bei minderjährigen Sportlern aus.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Staatsaufgabe"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • olivern
    • 31. Januar 2013 16:11 Uhr

    Erstens können sich Spitzensportler ein wirklich gutes Ärzteteam leisten.
    Zweitens haben wir keine Gesetze, die jemandes Vorbildfunktion schützen. Das Strafrecht dient dazu konkretes Fehlverhalten zu bestrafen. Will sich jemand fragwürdigen medizinischen Behandlungen unterziehen, ist das sein Problem und, vor allem, Recht. Er kann, wenn er will, seine Ärzte verklagen. Das ist schon jetzt möglich.

    Der Staat ist nicht Vormund oder Mutter der Bürger.

  6. Redaktion
    8. Balco

    Danke für den Hinweis. Ich hab das Pharma gestrichen.
    Gruß aus der Redaktion

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bundestag | FDP | CDU | Telekom | Bundesgerichtshof | Doping
Service