Zum Besten gaben die Politiker wieder das Märchen vom vorbildlichen Anti-Doping-Kampf in Deutschland. Vor allem die Mitglieder von CDU und FDP scheinen zu ignorieren, dass Doping auch ein großes deutsches Problem ist. Ein paar jüngere Beispiele: In diesen Tagen wurde bekannt, dass die wissenschaftliche Aufklärung der Vergehen der Freiburger Sportmedizin behindert wurde. Tygarts tausendseitiger Armstrong-Bericht nannte auch die Telekom, ein deutsches teilstaatliches Unternehmen, als Täter. Und ein aktuelles Rechtsgutachten eines Richters am Bundesgerichtshof besagt, dass die deutschen Doping-Gesetze zu lasch seien. Die Frankfurter Rundschau nannte das eine "Ohrfeige für Sport und Regierung". Doch gegen eine Verschärfung wehrt sich Schwarz-Gelb im Einklang mit dem Deutschen Olympischen Sportbund seit Jahren mit Händen und Füßen, obwohl sich Anti-Doping-Gesetze in anderen Nationen bewährt haben.

An Debatten ist der Sportausschuss nicht interessiert

Auch die USA haben kein Anti-Doping-Gesetz, aber sie haben Tygart. Sein Auftritt in Berlin hat auch verdeutlicht: Es kommt nicht nur auf die Strukturen an, sondern auf den Menschen dahinter. Tygart ist hartnäckig, leidenschaftlich und clever. Armstrong hatte ihm langen juristischen und politischen Widerstand geleistet, Tygart erhielt sogar Morddrohungen. Die Staatsanwaltschaft hatte den Fall längst zu den Akten gelegt, doch Tygart gab nicht auf. Weil er über deren Ermittlungsergebnisse nicht verfügte, behalf er sich mit einem Trick: Er lud die Ermittler zu seinen Verhören ein, was den Wahrheitsdruck erhöhte. Im Sportausschuss sprach er von "Ärmel hochkrempeln" und vom Mut, den seine Aufgabe verlange. "Armstrong hielt sich für zu reich, mächtig und schlau", sagte er. Doping betreffe mehr als den Sport, es gefährde unsere Werte, sagte Tygart. "Wir müssen die Kultur des Dopings ändern."

Die Wirkung seines Nachhilfeunterrichts auf die deutschen Parlamentarier darf jedoch bezweifelt werden. Im Sportausschuss sitzen einige Politiker, die in Sportverbänden oder -vereinen hohe Ämter ausüben – ein Widerspruch zu Tygarts Prinzipien. An Debatten ist der Sportausschuss ohnehin nur bedingt interessiert, die Öffentlichkeit sperrt er auf Initiative seiner zehn schwarz-gelben Mitglieder seit anderthalb Jahren aus.

Jens Petermann, der Vertreter der Linken, ließ sich immerhin von Tygart inspirieren: "Wir sollten Ideen entwickeln für den Kampf gegen Doping", sagte er in Richtung der politischen Konkurrenz. "Aber so weit sind wir noch nicht." In diesen Fragen ist der Ausschuss auch gut ein halbes Jahr vor Ablauf seiner Legislaturperiode noch nicht besonders auffällig geworden. Armstrong ist erledigt, doch die Mehrheit des Sportausschusses des Deutschen Bundestags zu einer Initiative gegen Doping zu bewegen, dürfte die wesentlich härtere Nuss für Tygart sein.