Travis Tygart : Der Armstrong-Jäger gibt dem Bundestag Nachhilfe

Travis Tygart brachte Lance Armstrong zu Fall. Jetzt erzählt er deutschen Sportpolitikern, was es dazu brauchte. Doch deren Interesse am Anti-Doping-Kampf ist begrenzt.

Nach Bundesligaspielen drängeln sich stets viele Journalisten um die Fußballstars und recken ihnen ihre Aufnahmegeräte hin. Ähnliches spielte sich am Mittwoch im Sportausschuss des Deutschen Bundestags ab. Erstmals seit Langem tagte der Ausschuss wieder öffentlich, die Besucherplätze waren voll, ausverkauft sozusagen. Travis Tygart war in den Sportausschuss geladen, um über den Kampf gegen Doping zu berichten. Der Großwildjäger des Dopings, der es möglich gemacht hat, dass Lance Armstrong alle sieben Gelbe Trikots weggenommen wurden und im Fernsehen sein Junkie-Dasein gestehen musste.

Tygart, Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur (Usada), kam nach Berlin, um den Deutschen beim Kampf gegen Doping zu helfen. Der Bedarf nach Fortbildung ist tatsächlich groß. Die deutsche Anti-Doping-Agentur (Nada) muss mit finanziellen Kürzungen arbeiten und gilt als zu sportnah. Im Vergleich mit Tygart wirkten die Nada-Redner blass und zögerlich. Sie beklagten sich, dass sie von anderen Behörden nicht ernst genommen würden. Der SPD-Politiker Martin Gerster nannte die Nada ein "handzahmes Kätzchen", die Usada einen "mutigen Löwen". Einen Sieg wie Tygarts hat die Nada nicht vorzuweisen, der Fall Jan Ullrich ist nie in Gänze aufgeklärt worden.

Äußerlich ist der 41-jährige Tygart unscheinbar. Er ist schmal, sein Haar schütter, sein Ton freundlich; alleine seine starken Hände legen den Eindruck nahe, dass da einer zupacken kann. So redete er auch. Er äußerte strenge Kritik am deutschen System: "Ich war enttäuscht und geschockt, als ich erfuhr, dass in Deutschland die Sportverbände Disziplinarverfahren gegen ihre eigenen Athleten durchführen", sagte er, "das ist ein Interessenskonflikt". Entscheidend im Kampf gegen Doping sei Unabhängigkeit.

Die Usada werde gelenkt von zehn Direktoren, die weder Verbindung in die Politik noch zum Sport hätten, sagte Tygart. Mit Verbänden habe er schlechte Erfahrungen gemacht, etwa mit dem Weltradsportverband (UCI). "Die UCI hat unsere Arbeit behindert und tut das noch heute." Für den Sport, sagte Tygart, sei es unmöglich, Fälle wie Armstrong oder die Doping-Affäre um das amerikanisches Unternehmen Balco zu lösen.

Die Nada als handzahmes Kätzchen

Kern seiner Arbeit, das betonte Tygart mehrfach, sei die Kooperation mit Sportlern. Im Fall Armstrong vernahm Tygart an die hundert Sportler und Zeugen aus deren Umfeld, sein mehr als tausendseitiger Bericht ist gespickt mit Aussagen von belastenden Zeugen. Das geht nur durch Vertrauen. "Wir wissen, dass Sportler unter enormem Druck stehen", sagte Tygart. "Wir handeln im Auftrag und Interesse der sauberen Athleten, wir sind Anwälte der Opfer." Sportler verdienten ein starkes Anti-Doping-System.

Gespannt war man, wie die Mitglieder des Sportausschusses auf Tygart reagieren. Deutsche Doping-Experten aus der Wissenschaft fühlten sich von den Mitgliedern der Regierungskoalition in der Vergangenheit beleidigt und verhöhnt. Ihrem prominenten Gast aus Amerika zollten die Politiker Respekt für Armstrongs Skalp und wandten sich ihm neugierig zu. Ihre Nachfragen jedoch waren teilweise unbedarft oder privatem Interesse geschuldet. Ein CDU-Mitglied interessierte sich für die Verhältnisse in China und Jamaika, obwohl die Tagesordnung Doping in Deutschland und den USA vorsah. Ein Vertreter der FDP fragte: "Wenn ich mal ein Beutelchen Epo dabei hätte, weil ich müde bin, hätte ich mich strafbar gemacht?"

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Niveau

"Ein Vertreter der FDP fragte: "Wenn ich mal ein Beutelchen Epo dabei hätte, weil ich müde bin, hätte ich mich strafbar gemacht?""

Ein Frage auf FDP-Niveau. EPO ist ein Medikament für schwerstkranke Krebs- und Dialysepatienten. Es wird gespritzt und hat ein Risiko schwerer und u.U. tödlicher Nebenwirkungen. Niemand hat "ein Beutelchen Epo dabei" weil er müde ist.

Es ist traurig, mit welcher Ahnungslosigkeit der Sportausschuss diskutiert.

http://pi.amgen.com/unite...

"WARNING: ESAs INCREASE THE RISK OF DEATH, MYOCARDIAL INFARCTION, STROKE,VENOUS THROMBOEMBOLISM, THROMBOSIS OF VASCULAR ACCESS AND TUMOR PROGRESSION OR RECURRENCE"