Christian Streich (l.) und Thomas Tuchel © Daniel Roland/AFP/Getty Images

Das Spiel muss Kraft gekostet haben. Für diese Erkenntnis genügte ein flüchtiger Blick auf die beiden Fußballlehrer, die sich nach der Partie zwischen dem FSV Mainz 05 und dem SC Freiburg zur Pressekonferenz schleppten. Matt und müde sahen sie aus, wie zwei Großmeister nach der finalen Partie der Schach-WM. "Zäh", "schwer" und "komplex" sei so ein Spiel gegen den SC Freiburg, sagte Mainz’ Trainer Thomas Tuchel, der sich passend zur Stimmung einen grauweißen Bart wachsen ließ. Sein Gegenüber aus Freiburg, Christian Streich, ergänzte mit ein paar Ringen unter den Augen: "Spiele gegen Mainz sind sehr anspruchsvoll."

Argumentativ unterstützt wurden die beiden Trainer vom Freiburger Mittelfeldspieler Julian Schuster. "Das war für den Kopf heute sehr anstrengend. Das Spiel war sehr intensiv", sagte er. Und fügte dann diesen Satz an, der das Grundproblem dieses Nachmittags am Besten umriss: "Auch wenn das vielleicht von außen nicht so aussah."

Nein, von außen konnte man zunächst wirklich nicht erkennen, wo die Energie aller Beteiligten geblieben sein soll. Auf dem Rasen jedenfalls nicht. Dort fabrizierten die beiden Überraschungsmannschaften der Vorrunde lediglich ein 0:0, bei oberflächlicher Betrachtung sogar eines der unattraktiveren Sorte: Klare Torchancen ließen sich an einer Hand abzählen, schöne Spielzüge auch und zu allem Übel war es in der Mainzer Arena so eisig, dass selbst das sonst immer etwas beschwipste Karnevals-Publikum kalte Füße bekam. Anspruch und Komplexität, wie sie Tuchel und Streich gesehen haben wollten, haben sich dem Stadionbesucher auf Anhieb jedenfalls kaum erschlossen.

Und doch hatten beide Trainer auch irgendwie recht. Wäre auch schlimm, wenn nicht. Schließlich gehören Thomas Tuchel und Christian Streich derzeit zu den am meisten beachteten Trainern dieses Landes. Sie sind die Vorbilder der neuen, jungen Trainergeneration, die selbst nie hochklassig gespielt hat, ihren Sport aber dennoch besser lehren kann als jeder ehemalige Nationalspieler. Weil sie Fußballnerds sind, besessene Intellektuelle, die rund um die Uhr an Fußball denken. Querdenker, die der jungen Internatsfußballergeneration ihr Wissen glaubhaft vermitteln können, weil sie deren Sprache sprechen.

Thomas Tuchel, der Diplom-Betriebswirt, übernahm vor dreieinhalb Jahren den FSV Mainz 05. Bis dahin hatte er nur im Nachwuchsbereich gearbeitet. Seitdem führte er den damaligen Abstiegskandidaten auf die Plätze 9, 5 und 13. Überwintert hat der FSV in diesem Jahr auf dem sechsten Rang. Tuchel gilt als schwierig, aber genial. Mittlerweile ist er nach Jürgen Klopp der wohl begehrteste deutsche Trainer. Christian Heidel, Manager des FSV Mainz 05, sagte neulich, dass er Tuchel nicht einmal für 60 Millionen Euro gehen lassen würde.

Christian Streich, der Germanist, tickt ähnlich. Auch er arbeitete vorher ausschließlich im Nachwuchsbereich, 17 Jahre lang, als Jugendcoach und Leiter der Freiburger Fußballschule. Als Streich in der vergangenen Winterpause gefragt wurde, ob er die Profis übernehmen wolle, sagte er aus Loyalität zu, obwohl er mit dem Vorsatz ins Büro fuhr, abzusagen. Vor einem Jahr noch abgeschlagener Tabellenletzter, überwinterten die Freiburger nun sogar auf Platz fünf. Seitdem wird viel über Streich berichtet: Er sei "der verrückteste Trainer der Liga". Das ärgert ihn. Nur, weil er ab und an mit dem Fahrrad ins Büro fährt, weil er mal mit dem Rucksack durch Indien, Indonesien und Marokko reiste oder sich am Seitenrand so schön in seinen Emotionen verliert, muss man doch kein Kauz sein.

Sieht so der Fußball der Zukunft aus?

Als die beiden Trainer an diesem 18. Spieltag im direkten Duell aufeinander trafen, ist passiert, was passieren muss, wenn zwei als Genies verschriene Menschen sich duellieren: Sie leisten Großes, aber das breite Publikum kommt nicht hinterher. Taktisch war das Spiel auf einem sehr hohen Niveau. Es wurde 90 Minuten lang angelaufen, zugestellt, überladen und komprimiert, was die Taktikbücher hergeben. Freunde des gepflegten Verschiebens sind voll auf ihre Kosten gekommen. Freunde des zappelnden Tornetzes konnten sich jedoch nur an ihrem Tee erwärmen.

Nun wäre das ja alles kein Problem – es sollen auch nicht in jedem Spiel neun Tore fallen wie beim bizarren Fehlerfestival auf Schalke am Freitag. Aber wenn an diesem trüben Januarnachmittag in Mainz die beiden innovativsten Trainer der Liga am Werk waren, sieht so dann der Fußball der Zukunft aus? Hochklassig und intensiv zwar, aber trotzdem nicht packend. Wenige Torchancen, ein Spiel zwischen zwei Strafräumen, in dem alle Spieler so gut ausgebildet sind, dass sich ihre Stärken gegenseitig aufheben. Ein fußballerischer Stellungskrieg, bei dem mehr gedacht wird als zweigekämpft? Wird Fußball zum Rasenschach?

Wahrscheinlich nicht. Zwar ist der Stil der Mainzer und Freiburger, das Pressing und Gegenpressing, das Jagen des Gegners über das ganze Feld, das Umschalten, durchaus erfolgreich und damit auch für andere Vereine interessant. Schließlich sind die beiden Mannschaften mit diesem kollektivistischen Ansatz finanzkräftigeren und damit auch individuell besser besetzten Mannschaften wie etwa Wolfsburg, Hoffenheim oder Hamburg erwiesenermaßen überlegen. Doch es wird auch immer wieder Teams geben, die das taktische Gegenstück, den Ballbesitzfußball, als ihre Philosophie propagieren werden. Vor allem aus Prestigegründen.

Weil sich aber auch zwei Ballbesitzmannschaften gegenseitig neutralisieren und den Zuschauer in den Schlaf kreiseln können, wird ein ganz besonderer Spielertypus für den modernen Fußball immer wichtiger: Der überragende Einzelkönner, der ein in seinem System erstarrtes Spiel durch ein Dribbling oder ähnliches aufreißt und am Ende den Unterschied macht. Auf höchstem Niveau ist das jetzt schon zu beobachten: Genau deshalb sind Messi, Ronaldo und Ribéry so teuer. Genial Fußballdenken kann man nämlich lernen, genial Fußballspielen ist angeboren.