Bundesliga-Taktik : Das dröge Treffen zweier Fußballnerds
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Sieht so der Fußball der Zukunft aus?

Als die beiden Trainer an diesem 18. Spieltag im direkten Duell aufeinander trafen, ist passiert, was passieren muss, wenn zwei als Genies verschriene Menschen sich duellieren: Sie leisten Großes, aber das breite Publikum kommt nicht hinterher. Taktisch war das Spiel auf einem sehr hohen Niveau. Es wurde 90 Minuten lang angelaufen, zugestellt, überladen und komprimiert, was die Taktikbücher hergeben. Freunde des gepflegten Verschiebens sind voll auf ihre Kosten gekommen. Freunde des zappelnden Tornetzes konnten sich jedoch nur an ihrem Tee erwärmen.

Christian Spiller

Christian Spiller ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Nun wäre das ja alles kein Problem – es sollen auch nicht in jedem Spiel neun Tore fallen wie beim bizarren Fehlerfestival auf Schalke am Freitag. Aber wenn an diesem trüben Januarnachmittag in Mainz die beiden innovativsten Trainer der Liga am Werk waren, sieht so dann der Fußball der Zukunft aus? Hochklassig und intensiv zwar, aber trotzdem nicht packend. Wenige Torchancen, ein Spiel zwischen zwei Strafräumen, in dem alle Spieler so gut ausgebildet sind, dass sich ihre Stärken gegenseitig aufheben. Ein fußballerischer Stellungskrieg, bei dem mehr gedacht wird als zweigekämpft? Wird Fußball zum Rasenschach?

Wahrscheinlich nicht. Zwar ist der Stil der Mainzer und Freiburger, das Pressing und Gegenpressing, das Jagen des Gegners über das ganze Feld, das Umschalten, durchaus erfolgreich und damit auch für andere Vereine interessant. Schließlich sind die beiden Mannschaften mit diesem kollektivistischen Ansatz finanzkräftigeren und damit auch individuell besser besetzten Mannschaften wie etwa Wolfsburg, Hoffenheim oder Hamburg erwiesenermaßen überlegen. Doch es wird auch immer wieder Teams geben, die das taktische Gegenstück, den Ballbesitzfußball, als ihre Philosophie propagieren werden. Vor allem aus Prestigegründen.

Weil sich aber auch zwei Ballbesitzmannschaften gegenseitig neutralisieren und den Zuschauer in den Schlaf kreiseln können, wird ein ganz besonderer Spielertypus für den modernen Fußball immer wichtiger: Der überragende Einzelkönner, der ein in seinem System erstarrtes Spiel durch ein Dribbling oder ähnliches aufreißt und am Ende den Unterschied macht. Auf höchstem Niveau ist das jetzt schon zu beobachten: Genau deshalb sind Messi, Ronaldo und Ribéry so teuer. Genial Fußballdenken kann man nämlich lernen, genial Fußballspielen ist angeboren.
 

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Kommentare

10 Kommentare Kommentieren

Seit 60 Jahen die immer gleiche Diskussion

Sorry, ein Mannschaftsspiel, das wesentlich von der Taktik lebt, sieht eben langweilig aus, wenn sich beide Taktiken blockieren.

Aber fragen sie mal Freunde des American Football. Welches Spiel ist interessanter: 36:9 oder 9:9? Bei welchem Ergebnis gab es mehr Touch-Down-Versuche?

Übrigens finde ich es prima, dass jede Schiedsrichter-Entscheidung öffentlich über Mikrophon erfolgt. So lernt man schnell Regeln des Spiels kennen und schaut auch auf Aufstellung und Wechselverhalten im Spiel. Auch mag ich beim Soccer, also unserem Fussball britische Kommentatoren lieber als Deutsche Sportreporter.