Fett wie ein TurnschuhIch will schwarz sein

Weil unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom nicht mehr über Juden schreiben soll, provoziert er anders. Und hat ganz nebenbei schon 40 Kilo abgenommen. von Tuvia Tenenbom

Unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom, mittlerweile sind noch mehr Kilos weg

Unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom im Mai 2012, mittlerweile sind noch mehr Kilos weg  |  © Isi Tenenbom

Wir setzen uns auf einen Kaffee in ein warmes, kleines deutsches Café und reden über dieses und jenes, nichts Weltbewegendes, aber doch interessant. Ich weiß nicht, wieso, aber seit dem Tag, an dem Rauchen zum Verbrechen gegen die Mitkaffeetrinker erklärt wurde, werde ich jedes Mal philosophisch, wenn ich Kaffee trinke.

Folgendes geschieht mit mir: Das Verlangen, eine Zigarette zu halten, überkommt meine Finger im selben Augenblick, in der der Kaffee meine Lippen berührt. Aber ich komme diesem Verlangen nicht nach. Mir ist absolut bewusst, dass ich, wenn ich mir jetzt eine anzündete, noch am selben Tag vor langweiligen Richtern auf der Anklagebank des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag landen würde. Das ist es, wovor ich mich am allermeisten fürchte. Vielleicht werde ich deshalb philosophisch.

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Jedenfalls springt meine philosophische Stimmung, warum auch immer, wie ein loderndes Feuer auf meinen Kaffeepartner über. Er kommt mir sofort mit geistreichen Fragen.

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh".

Das philosophische Thema des Tages ist – seltsamerweise – diese Kolumne. Natürlich ist das Ganze privat, und ich verrate es Ihnen nur unter der Bedingung, dass Sie es nicht weitersagen. Abgemacht?

Okay.

Hier ist unser fünfstündiges philosophisches Gespräch, in extrem gekürzter Form:

Tuvia, ich versteh's nicht.

– Was verstehst du nicht?

Wieso?

– Wieso was?

Wieso erwähnst du diese Sache in jeder deiner Kolumnen?

– Welche Sache?

Du weißt schon.

– Ich weiß schon?

Klar weißt du's.

– Kannst du ein bisschen genauer sein?

Du weißt schon: Juden.

– Juden? Was ist mit Juden?

Du erwähnst sie jedes Mal!

– Echt?

Echt. Lies mal deine eigene Kolumne!

– Oh, tut mir leid!

Das braucht dir nicht leid zu tun.

– Tut's aber. Ich wusste nicht, dass das verboten ist.

Nein, nicht verboten! Dreh mir nicht ständig das Wort im Mund herum. Ich habe nur gesagt, dass du sie nicht jedes Mal erwähnen sollst.

– Okay, nicht verboten. Aber offensichtlich anstößig, nehme ich an.

Nein! Nicht anstößig!

– Nicht verboten, nicht anstößig. Also, wo liegt das Problem?

Hör zu, Tuvia: Du schreibst nicht für alte Leute, die über diese Sachen nicht hinweg kommen. Du schreibst eine Sport-Kolumne. Sport! Das ist was für junge Leute, für 30-Jährige und jünger. Für meine Generation. Und für uns gibt es nichts, über das wir nicht hinweg kommen. Wir wissen nicht mal, was ein "Jude" ist.

– Wirklich? Vielleicht sollte ich mehr darüber schreiben –

Nein, nein, nein! Das habe ich nicht gemeint!

– Und was hast du gemeint?

Für uns junge Deutsche gibt es keine "Juden".

– Hier gibt es keine Juden?

Nein! Nein, das habe ich nicht gemeint. Was ich meine, ist: Für uns, die junge Generation von Deutschen, gibt es keinen "Juden", keinen "Türken" oder irgendwas. Wir sehen auf der Straße keinen "Deutschen", "Juden" oder "Türken". Wir sehen bloß "Menschen", und alle Menschen sind gleich.

– Okay, verstehe. Worüber sollte ich deiner Meinung nach schreiben?

Du bist doch kreativ. Du findest schon was!

– Zum Beispiel?

Du kannst dir irgendwas ausdenken!

– Zum Beispiel?

Du bist ein reicher Mann und hast viel zu erzählen.

– Ich bin reich?

Machst du Witze?

– Ich und reich?

Was, streitest du's ab?

– Moment: Woher weißt du, dass ich reich bin?

Das weiß doch jeder!

Unter uns, aber bitte erzählen Sie es nicht weiter, dieser "reiche Jude" hier ist nicht einmal gerne Jude. Die Hälfte der Juden der Welt fühlt sich von allen anderen Menschen gehasst, und die andere Hälfte hasst sich selbst. Wollten Sie Teil eines solchen "Stammes" sein? Ich nicht. Ich würde gerne etwas ganz anderes sein. Möchten Sie wissen, was? Tut mir leid, das kann ich nicht sagen. Das ist eine zu private Sache, die ich nicht einmal meinem iPad verraten kann.

Leserkommentare
  1. ...to become real black baby!

    http://www.youtube.com/watch?v=nFvRvSxsW-I

    Eine Leserempfehlung
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    Nicht mal deutsche Akademiker können den Ruf ändern...

  2. Die zweite Seite fand ich stellenweise ein bißchen lustig, aber was war denn der Sinn des Dialogs auf der ersten Seite, außer das unbedingt das Klischee vom "reichen Juden" - und er raucht auch noch, der kleine Provokateur! - untergebracht werden musste? In Summe ist die Kolumne unterdurchschnittlich lustig, kein bißchen provokant, die Kommentare (sorry, guys) auch nicht wahnsinnig tiefschürfend, mit anderen Worten: aus meiner Sicht ist der Artikel den Platz auf der Webseite nicht wert.

    2 Leserempfehlungen
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    • Sirjony
    • 11. Januar 2013 12:27 Uhr

    Allerdings liebe ich diesen "amerikanischen" Humor.

    Offen gesagt hätte mich noch ein aktuelles Bild vom Herrn Tenenbom interessiert.

    • Sirjony
    • 11. Januar 2013 12:27 Uhr

    Allerdings liebe ich diesen "amerikanischen" Humor.

    Offen gesagt hätte mich noch ein aktuelles Bild vom Herrn Tenenbom interessiert.

    Antwort auf "Thema verfehlt?"
    • Derdriu
    • 11. Januar 2013 12:28 Uhr

    Herr Tenenbom spricht einfach aus, was ihm auf der Zunge liegt- ob politisch korrekt oder nicht. Trotzdem finde ich es nicht beleidigend oder anstössig. Er bewertet die Menschen nicht.
    Fast wie ein kleines Kind, dass die Erwachsenen mit unkonventionellen bis provokanten Gedankenmodellen und Fragen verwirrt.

    Ich finde das charmant.

    3 Leserempfehlungen
    • eklipz
    • 11. Januar 2013 12:34 Uhr

    und Kompliment an die Zeit für die Kolumne :)

    2 Leserempfehlungen
    • Ndeko
    • 11. Januar 2013 12:36 Uhr

    "Was ich meine, ist: Für uns, die junge Generation von Deutschen, gibt es keinen "Juden", keinen "Türken" oder irgendwas. Wir sehen auf der Straße keinen "Deutschen", "Juden" oder "Türken". Wir sehen bloß "Menschen", und alle Menschen sind gleich."

    Jaja, die gute alte Differenz zwischen Selbstwahrnehmung und Realität.

    Viel Spaß beim "black" werden, my future brother ;)

    3 Leserempfehlungen
    • Nero11
    • 11. Januar 2013 12:44 Uhr

    wenn ich fragen darf. Bloß aus Neugier.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Ndeko
    • 11. Januar 2013 14:23 Uhr

    Weil schwarze Menschen auf ihre eigene Art schön sind ;)

  3. Guten Tag, reicher Raucher Tenenbom. 40 Kilo weniger in einem Jahr! Passen Sie auf, dass Sie nicht zu einem "schwarzen" Spargeltarzan werden. Sie sehen jetzt schon aus wie ein Bär nach dem Winterschlaf.
    Das dürfte auch die erste Kolumne sein, in der Sie ohne das
    Bäh-Wort Sex auskommen. Das ist löblich, denn bedenken Sie: Wenn Sie nur das Böse auf Ihnen, nicht aber das Böse in Ihnen bekämpfen, wird Ihnen Ihr Schöpfer schnell wieder 40 Kilo aufladen. [...]

    Rauchen und trainieren Sie also weiter, Mr. Tenenbom. Trennen Sie nicht die Kaffeetasse von der Zigarette, denn den Haag ist weit weg. Man kann es mit der Selbstkasteiung übertreiben. Und schreiben Sie auch wieder über Juden. Das könne Sie nämlich vortrefflich. Wie man an der ersten Seite dieser Kolumne am Dialog über einen Text "ohne Juden" sieht.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beiträge, die als beleidigend verstanden werden. Danke, die Redaktion/jz

    Eine Leserempfehlung

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