Pyrotechnik im FußballDie Ultras haben sich von der Masse entfernt

Nach den Zündeleien vom Wochenende bekommen die Frankfurter Ultras Widerstand aus der eigenen Fanszene. Vielerorts scheinen sich erste Gegenbewegungen zu organisieren. von 

Eintracht-Fan mit Pyrotechnik in Leverkusen

Eintracht-Fan mit Pyrotechnik in Leverkusen  |  © Marius Becker/picture alliance/dpa

Das Statement auf der Internetseite der Ultras Frankfurt ist knapp und schlicht. Da die "allgemeine Einstellung zu Pyrotechnik" der Gruppe bekannt sei, wolle man auf langwierige Ausführungen verzichten. "Wir möchten aber alle Eintrachtfans darüber informieren, dass das Zünden von Böllern, das Schmeißen von Bengalos und das Abschießen von Leuchtspur, insbesondere auch noch auf Spieler, nicht unsere Unterstützung findet", endet die Erklärung. Am Samstag, als Frankfurter Fans im Bundesligaspiel in Leverkusen Feuerwerkskörper durchs Stadion schossen und aufs Spielfeld warfen, sah das noch anders aus: Viele der Zuschauer im Eintracht-Block hinter der großen "Ultras"-Fahne schienen sich am Spektakel zu erfreuen, auch als das Spiel für sieben Minuten unterbrochen werden musste. Dem Aufsteiger droht nun eine harte Strafe – und den Urhebern der Pyro-Aktion einiger Gegenwind in der eigenen Fanszene.

Im offiziellen Eintracht-Internetforum erstellte ein User am Samstagnachmittag kurz nach der Aktion im Leverkusener Stadion ein Thema mit dem Titel "Die Bengalo-Zündler in unserem Block kotzen mich an!", bis Montagabend gab es fast 2000 Kommentare dazu. Nicht wenige der Schreiber richten sich dabei gegen die Unruhestifter und werfen ihnen vor, dem Verein Schaden zuzufügen. "Wir begrüßen, dass es viele Fans gibt, die die Vorfälle in Leverkusen ablehnen, auch viele Ultras", sagte ein Klubsprecher dem Berliner Tagesspiegel. "Wir haben versucht, einen Dialog mit allen Fans zu führen, aber erreichen offensichtlich nicht alle. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir an diese Leute herankommen."

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Laut Michael Gabriel, dem Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte, kann Eintracht Frankfurt das Problem mit immer wieder negativ auffallenden Teilen der Anhängerschaft nicht alleine lösen. "Der Verein braucht die Unterstützung der Fans", sagt der Fanexperte. "In den letzten Jahren haben sich Eintracht-Fans abseits der Ultras aber zu selten zu Wort gemeldet." Für Gabriel gab es keinen erkennbaren Grund für die Pyrotechnik-Exzesse in Leverkusen. "Ich vermute, dass es einen internen Anlass gegeben hat, der nichts mit der aktuellen Diskussion im deutschen Fußball oder dem laufenden Spiel zu tun hatte", sagt Gabriel. "Da stehen eigene Interessen im Vordergrund – und nicht die des Vereins oder der Fanszene als Ganzem."

Genau diese Geisteshaltung wird Ultra-Fans nicht nur in Frankfurt vorgeworfen. Vielerorts haben sich Ultrafans weit von der Masse der Stadiongänger entfernt. Inzwischen scheint sich eine zaghafte Gegenbewegung zu organisieren: Als Schalker Ultras im November im Heimspiel gegen die Frankfurter Bengalische Feuer zündeten, wurden sie dafür von einem Großteil der übrigen Zuschauer ausgepfiffen. "Die Ultras brauchen die Bestätigung der restlichen Fanszene. Wenn sie die zu verlieren drohen, steigt die Chance, dass sie sich respektvoller und vorsichtiger verhalten", sagt Gabriel. "Ich bin überzeugt, dass sich die Situation auch in Frankfurt zum Konstruktiv-Positiven wenden kann."

Oft wiegt allerdings die Solidarität und das Wir-Gefühl in einer Fanszene schwerer als die Abneigung gegen einzelne Krawallmacher, besonders bei Auswärtsspielen. Von einer Selbstreinigung scheint die Szene in Frankfurt bei aller Kritik im Internet allerdings noch weit entfernt, zu groß ist die Begeisterung für Pyrotechnik und den zweifelhaften Ruhm als selbst ernannter "Randalemeister". Michael Gabriel wertet das Feuerwerk vom vergangenen Sonnabend auch nicht als Alleingang einer kleinen Schar Unverbesserlicher: "Es greift zu kurz, wenn man das auf 15 bis 20 Leute reduziert, das Problem ist größer. Bei den Ultras Frankfurt finden viel zu viele solche Aktionen gut."

Leserkommentare
    • lxththf
    • 22. Januar 2013 14:17 Uhr

    geht es kaum. Das hat dann auch nichts mit Zivilcourage zu tun, denn es gibt leider auch genügend Ultras, die eine körperliche Konfrontation nicht scheuen.

    2 Leserempfehlungen
    • Riesaer
    • 22. Januar 2013 14:29 Uhr

    ... sondern um den Fanblock SELBST, zumindest in Dresden. Die Debatte dort läuft schon lange und die Widerstände wachsen. Die Ultras hemmen in ihrer Selbstbeweihräucherung mittels monotonem Singsang, egal, was grad auf dem Rasen passiert, längst die Atmosphäre, wenn es drauf ankommt.

    Und das ist defintiv was anderes als die Atmosphäre in Fanblöcken früherer Zeit. Natürlich gab es damals auch Stimmungsmacher, aber niemals diese selbstherrlichen Capos, die allen vorschreiben, was sie zu tun oder zu lassen haben.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Zu ihrem 1. Punkt"
  1. Liebe Ultras, seien wir doch mal ehrlich. Die Show in der Kurve zieht ihr in erster Linie für euch und euer Ego ab. Den anderen Stadionbesuchern seid ihr peinlich, dem Verein seid ihr lästig und dem Spiel abträglich. Euer Gegröle nervt einfach nur und die Sprüche sind dumpf-infantil. Was ihr im besoffenen Kopf als Stimmung empfindet, ist euer Alkoholrausch. Die Vereine generieren mehr und mehr Einnahmen aus TV und Werbung und weil der normale Zuschauer dieses Theater nicht möchte, werden die Vereine mehr und mehr Abstand von euch nehmen. Schade ist das nicht, schließlich werden nur ein paar Schnittbilder fehlen.

    2 Leserempfehlungen
  2. Auch ich muss Ihnen da widersprechen. Zumindest, was das Verhalten der Ultras und der Zuschauer in Frankfurt betrifft, und nur das kann ich über einen Zeitraum von ca. 20 Jahren beurteilen. Dieses Verhalten hat sich gravierend verändert, weg von einer auf die Situation hin angepassten Reaktionen, wie sie früher völlig normal war, hin zu einem Dauergesang, der unabhängig davon da ist, ob jetzt der Gegner gerade einen Eckstoß hat oder die eigene Mannschaft. Darüber hinausgehende Reaktionen haben zumeist etwas mit dem Schiedsrichter zu tun. Und das nervt ungemein. Und deswegen auch unterscheide ich streng die Ultras und die Fans in den Kurven. Das ist nicht dasselbe. Die Ultras feiern, und das ist mit Sicherheit auch zu einem großen Teil denjenigen zuzuschreiben, die sie ausgrenzen, sich selbst permanent als die wahren Fans. All diese Choreografien und Gesänge empfinde ich nicht in erster Linie als Anfeuerung, sondern als narzisstische Gesten. Und es sind natürlich auch Machtgesten. Kurz: Wenn ich in der Commerzbankarena in diesem dauergutgelaunten Lärm sitze, wünsche ich mir oft das zugige, weite, unüberdachte Waldstadion mit seinen unkomfortablen Stehrängen zurück, in dem man einfach nur Fußball gucken durfte und nicht Teil eines Events war.

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    Antwort auf "Zu ihrem 1. Punkt"
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    • lxththf
    • 22. Januar 2013 15:10 Uhr

    Sie bestätigen die These. Die Stimmung kommt aus den Kurven und da muss man nochmal unterscheiden zwischen Ultras und der Kurve als solche (vielleicht habe ich das nicht deutlich genug zum Ausdruck gebracht, aber genau das ist das Problem, der oft mangelnden Differenzierung).

    Ich finde, dass wir uns die Sache viel zu einfach machen, gerade mit dem SingSang. Vor 2006 war das anders, dann kam die WM, es kam der Hype, es kam das Event und nun beschweren wir uns? Medial werden Spiele als Event vermarktet (erinnert sei an das "Finale Dahoam") und dass sich Gruppen bilden, die in dieser Entwicklung die Möglichkeit sehen, sich zu profilieren ist dann nicht verwunderlich, sondern nur die logische Konsequenz. Ultras sind auch eine Folge der Kommerzialisierung des Fußballs und wir alle tragen auf unterschiedliche Art dazu bei.

    Dann gibt es jedoch auch Vereine, in denen Ultras immer mehr Mitspracherecht fordern und allein da werden Grenzen überschritten. Erinnert sei nochmals an München und die "Koan Neuer, Mia ham Kraft" Kampagne. Es gibt weitere ähnliche Beispiele (Dresden wurde genannt, Leipzig ebenso und viele andere).

    Und dann bleibt noch immer der Gesellschaftliche Kontext, die Jugendbewegung, provozieren, die "älteren" schockieren, angeben, prahlen, Testosteronüberschuss und blutleere im Hirn. Es gibt viel zu viel, was man dabei bedenken muss, als dass man es nur auf "die Ultras versauen die Stimmung" herunterbrechen kann. Damit macht man es sich viel zu einfach...

    • CoMiMo
    • 22. Januar 2013 14:58 Uhr
    21. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen und achten Sie auf eine sachliche Wortwahl. Danke, die Redaktion/jk

    Eine Leserempfehlung
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    ... dass Ihr Kommentar der Moderation zum Opfer fallen wird, aber ich antworte trotzdem: Aus den selben Gründen, aus denen Sie für die Abschaffung des Fußballs plädieren, plädiere ich für die sofortige Schließung von Mallorca.

    • CoMiMo
    • 22. Januar 2013 15:02 Uhr

    [...]Und ja, ich weiß: es ist nur noch eine Frage der Zeit bis jemand mal ein Kind anzündet (wo hab ich das bloß schonmal gesehen?)...[...]

    Angezündet nicht, aber aus dem Leib geprügelt haben die Fußballfans schon mindestens eines. Und die damals junge Frau ist beglückt darüber, dass sie seitdem keine Kinde mehr bekommen kann.

    Herzlichen Glückwunsch Fußballfans!
    Widerwärtiges Gesocks!

    Antwort auf "Mythos"
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    Ja, danke. Ich weiß jetzt nicht, was mir das sagen soll, außer, dass Menschen schlecht sind. Genauso kann ich irgendeine Gewalttat an irgendeinem anderen Ort in irgendeinem anderen Zusammenhang aufzählen. Aber ich wüsste nicht, wozu. Also was soll das?

    Ihr Kommentar.
    Wenn in der U-Bahn jemand von einem Gewalttäter vor einen Zug gestoßen wird, dann sind wahrscheinlich auch alle U-Bahnfahrer "widerwärtiges Gesocks".
    Selten habe ich hier einen dämlicheren Kommentar gelesen.

  3. Ultras gibt es in Deutschland seit etwa 25 Jahren. Nur mal so.
    Aber jetzt so zu tun, als seien die ja eigentlich überflüssig, ist schon ne komische Einstellung. Die Ultras werden von der Liga vermarktet, das muss man auch mal sehen. Alle erwähnen immer das vernünftige Wirtschaften und die tolle Stimmung in der Bundesliga, wenn man sich von den anderen Ligen abgrenzen will. Choreos gehören da einfach dazu, auch wenn Sie jetzt im Zuge der Panikmache behaupten, Ultras machten in Wirklich die Stimmung kaputt.

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    • bonner
    • 22. Januar 2013 15:06 Uhr

    Was soll das? Wollen Sie ein Fußballspiel sehen oder sich selbst belustigen?

    Wenn Sie unbedingt Bengalos werfen wollen, warum tun Sie das nicht zu Hause im Garten? Mag sein, Ihre Nachbarn finden Sie dann ganz toll...das wollen Sie doch, oder?

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Pyrotechnik = Gewalt?"
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    • lxththf
    • 22. Januar 2013 15:15 Uhr

    dieser Stil in der Debatte ist das Problem, dass eine Diskussion nicht sinnvoll möglich ist, denn sobald man auch nur den leisen Versuch unternimmt, eine Gegenposition einzunehmen, kommt auf kurz oder lang der persönliche Angriff:"Wenn Sie unbedingt Bengalos werfen wollen, warum tun Sie das nicht zu Hause im Garten? Mag sein, Ihre Nachbarn finden Sie dann ganz toll...das wollen Sie doch, oder?" Schrieb der User, dass er selbst Bengalos in irgendeiner Kurve hochhält? Irgendetwas in der Richtung? Nein. Dann sollte man doch genügend Sachlichkeit und Distanz aufbringen, den Konflikt nicht zu Personalisieren, nur weil jemand nicht ihrer Meinung ist.

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