Vendée GlobeDas härteste Duell, das es vor Kap Hoorn je gab

Hitze, Sturm, Kollisionen und Eisberge: Nach 20.000 Seemeilen wird die härteste Einhandregatta der Welt zu einem dramatischen Kopf-an-Kopf-Rennen. von Johannes K. Soyener

Der führende Franzose François Gabart bein Start der Vendée Globe

Der führende Franzose François Gabart bein Start der Vendée Globe  |  © Stephane Mahe/Reuters

Die 700 Seemeilen breite Drakestraße ist eine mythische, grausame Seeregion zwischen Südamerika und der Antarktis. Grausam, weil die Gewässer rund um das Kap Hoorn den zweifelhaften Ruf haben, der größte Schiffsfriedhof der Welt zu sein. Kaum ein Segler, der, querab vom Felsen, nicht meditiert – wenigstens für einen Augenblick. Viele aus Dankbarkeit, erfüllt vor Stolz es geschafft zu haben. Tausende aber auch im Spiegel des Todes. Ein "Gesundes Neues Jahr" möchte man daher allen Teilnehmern der härtesten Einhandregatta der Welt, der Vendèe Globe, zurufen, die gerade das Kap umrundet haben.

Am Neujahrsabend, um 19.20 Uhr, nach 52 Tagen, sechs Stunden und 18 Minuten auf See, hat es der Jüngste der zwölf verbliebenen Solosegler, François Gabart, als Erster geschafft nach dem Kap der Guten Hoffnung und dem australischen Kap Leeuwin, auch das Kap Hoorn zu runden. Ein symbolischer Moment, denn nun geht es nach Norden, auf den Heimweg, in Richtung des Start- und Zielhafen Les Sables-d`Olonne, es sind nur noch schlappe 8.600 Seemeilen. "König von Kap Hoorn" darf der 29-jährige Franzose sich aber schon nennen. Wer wollte, konnte via Satellit den Augenblick der Umrundung verfolgen: zu Hause im wohltemperierten Zimmer, im Sessel, die Hand wärmend am Glühweinglas.

Anzeige

Ein irrer Kontrast, wenn man bedenkt, was die verbliebenen zwölf Solosegler seit dem Start am 10. November vergangenen Jahres hinter sich gebracht haben: Rund 20.000 Seemeilen ohne Zwischenstopp durch alle Klimazonen und Windsysteme dieser Erde, ein neuer 24-Stunden-Einhand-Geschwindigkeitsweltrekord (ebenfalls aufgestellt durch François Gabart: 545,3 Seemeilen in 24 Stunden), Kap Hoorn in Rekordzeit gerundet, bis dahin die schnellste Regatta seit Bestehen der Vendée Globe, aber auch acht Ausfälle durch Entmastung, Kollisionen, Havarien und einer Disqualifikation.

Das Ganze begleitet von Naturgewalten und Härten wie Hitze, Flaute, Sturm, Feuchtigkeit, Kälte, Schnee- und Graupelschauer, Wellen- und Eisberge. Den Bedingungen also, die das Rennen populär gemacht haben. Hinzu addieren sich Kollektionen unterschiedlicher Gefühle, Blessuren, quälende Müdigkeitsanfälle (manch einer fällt schon mal in einen halbkomatösen Schlaf), infernalische Lärmkulissen im Inneren der Yachten, Arbeitssituationen an Deck und im Mast, die schlicht das Leben gefährden.

Allein das Gedröhne unter Deck. Der Rumpf der Boote der Klasse Open 60 wirkt in schwerer See wie ein Resonanzkasten. Gemessene Spitzen-Lärmemission: mehr als 120 Dezibel. Dieser Wert, der in etwa einem startenden Düsenjet entspricht, entsteht, wenn eine Welle bei hohem Tempo der Jacht auf Rumpf und Deck aufschlägt. Fast alle Skipper benutzen deshalb zeitweise einen speziellen Gehörschutz, der den aggressivsten Krach reduziert, um für kurze Zeit auch etwas Schlaf zu finden. Das Risiko dabei: Gehörschutz isoliert vor der Realität. Geräusche, wie die Rennjacht sich in den Wellen bewegt, können auf veränderte Windverhältnisse oder auf Anomalien an Deck hinweisen.

Der härteste Widersacher von François Gabart ist Armel Le Cléac'h, ebenfalls Franzose, dahinter folgt Jean-Pierre Dick, der nächste Franzose. Ein Blick auf das Regattafeld verdeutlicht eindrucksvoll die erstaunliche Performance der beiden Führenden gegenüber dem Rest des Feldes: Gabart und Le Cléac'h sind der Konkurrenz schon im Südatlantik enteilt. Entscheidend war die Fahrt durch das Eistor "Porte Amsterdam". Eistore sind GPS-markierte Pflichttore. Sie werden von der Rennleitung je nach Situation der antarktischen Eisdrift festgelegt und müssen von den Teilnehmern passiert werden. Damit soll die Kollisionsgefahr mit Eisbergen minimiert werden.

Während die Konkurrenz eine nördlichere Route wählte, entschieden sich Le Cléac'h und Gabart für einen südlicheren Kurs, was ihnen schließlich den Anschluss an das vorherrschende Wettersystem bescherte. So konnten sie sich vom Feld endgültig absetzen. Da es in diesen Breiten nur kurze Wetterberuhigungen gibt, ist schon nach wenigen Stunden oder einem Tag das nächste Sturmtief herangezogen, das Distanz schafft, auch wenn diese Tiefs sich zu den stärksten Stürmen dieser Welt auswachsen können. Ein Hochdruckgebiet zwischen dem Eistor "Porte Amsterdam" und dem folgenden Eistor "Australie Est" raubte den Jägern fast sämtliche Chancen.

Leserkommentare
  1. ... nicht nur für Segelfans: http://www.vendeeglobe.or.... Im Bericht wird allerdings nicht thematisiert, dass die beiden Führenden neue Hightech-Konstruktionen haben und das Boot von dem Letzten, Alessandro di Benedetto eine über 10 Jahre alte Konstruktion ohne beweglichen Kiel ist. Jeder, der nicht die neueste Generation der Open 60-er segelt, hat keine Chance. Wäre etwa so, als ob bei einem Formel 1-Rennen ein VW-Käfer mitfährt ;-).
    Ich wünsche allen Teilnehmern sichere Heimkehr! Bei der Vendée Globe ist auch Ankommen ein Sieg!

    2 Leserempfehlungen
    • Zooey
    • 03. Januar 2013 16:58 Uhr

    ...live verfolgen, wie Gabart den Felsen umschiffte - dichter Nebel.
    Die Durchschnittsmenge der ankommenden Yachten liegt bei 50% - damit ist die aktuelle Version der Vendee noch deutlich im grünen Bereich.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Amsterdam | Antarktis | Kap Hoorn | Südamerika
Service