Es wird wohl eine improvisierte Party mit allerlei Nebengeräuschen, denn die zuständige Behörde hat schon verlauten lassen, die Klubs aus Rio sollten sich keinesfalls einbilden, dass sie danach wieder zu ihren Meisterschaftsspielen ins Maracanã zurückkehren. Zurzeit spielen Flamengo, Botafogo und der frisch gekürte Meister Fluminense weit draußen im Engenhão, einem Leichtathletik-Stadion ohne jede Atmosphäre. Ein eigenes Stadion hat nur Vasco da Gama.

Die WM 2014 fällt zusammen mit dem Aufbruch der heimlichen Weltmacht Brasilien. Die Wirtschaft boomt im fünftgrößten Land der Erde. Seit zehn Jahren steigen die Löhne, die Arbeitslosigkeit liegt bei sechs Prozent, der Real ist die stärkste Währung Südamerikas. Sorgen macht den Brasilianern nur der Fußball. Vielen erscheint die einst übermächtige Nationalmannschaft auf höchstem Niveau nicht mehr konkurrenzfähig. Nationaltrainer Mano Menezes, der die WM daheim mit neuen und jungen Spielern angehen wollte, erhielt die Kündigung und wurde durch den alten Haudegen Luiz Felipe Scolari ersetzt. Der steht für ergebnisorientierten und nicht allzu schön anzuschauenden Fußball. Das schmerzt die Brasilianer, denen die Ästhetik genauso wichtig ist wie der Erfolg, mindestens. Weil ihnen das englische Football nicht elegant genug klang, haben sie für ihren Nationalsport ein eigenes Wort kreiert: "Futebol", gesprochen: Futschibol.

Neulich war eine Abordnung der Fifa zu Besuch in Rio. Jérôme Valcke, der Generalsekretär des Fußball-Weltverbandes, spazierte gemeinsam mit Brasiliens Sportminister Aldo Rebelo und dem Nationalhelden Ronaldo durch die Betonwüste im Inneren des Maracanã und posierte für die Fotografen mit einer Handvoll der 5000 Arbeiter, die im Schichtbetrieb rund um die Uhr am Umbau werkeln. Um die 20 Prozent fehlen noch zur Planerfüllung. Erinnerungen werden wach an das Jahr 2009, als die Fifa kurzfristig Port Elizabeth als Standort für den Confed-Cup strich und darüber debattierte, Südafrika im Falle einer missratenen Generalprobe die WM 2010 zu entziehen.

40 Grad und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit

Es ist bekanntlich nicht so weit gekommen, und im Falle Brasiliens denkt erst recht niemand ernsthaft an ein Worst-Case-Szenario. Es hat schon Wirkung gezeitigt, als der verärgerte Fifa-Mann Valcke im Spätherbst verkündete, die Brasilianer könnten beim Stadionbau einen Tritt in den Hintern vertragen. "Die Europäer sollten sich schon mal daran gewöhnen, dass die WM hier sehr brasilianisch ablaufen wird", sagt der Berliner Anwalt Marcus Haase. "Die brasilianische Mentalität ist für die Europäer nicht immer so leicht nachzuvollziehen. Am Anfang lassen die Leute hier die Sache ein wenig schleifen, aber sie haben dabei immer im Hinterkopf, dass sie am Ende richtig Tempo machen können und dann doch noch alles schaffen, wenn auch reichlich spät."

Zum Beispiel in Manaus. Die Stadt am Zusammenfluss von Rio Negro und Solimoes zum Amazonas ist mindestens so spektakulär wie Rio, aber mit anderen Vorzeichen. Manaus ist der exotischste WM-Standort aller Zeiten. Eine Stadt mitten im Urwald, der Äquator ist drei Breitengrade entfernt und der Atlantik 1700 Kilometer. Die einzige Landverbindung zur Außenwelt ist eine provisorische Straße nach Venezuela.

Der erste Eindruck nach dem dreistündigen Flug von Rio in den tropischen Norden ist – feucht. Bei Temperaturen um 40 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von annähernd 100 Prozent schwitzt der unerfahrene Europäer schon im Stehen. Das verträgt sich nicht gut mit der bewegungsintensiven Sportart Fußball, aber Manaus ist ein politisches Prestigeobjekt der Regierung. Die WM 2014 soll ganz Brasilien repräsentieren, auch die im Regenwald lebenden Indios, für die Sportminister Aldo Rebelo der Fifa ein Kontingent an Freikarten abgeschwatzt hat.

"Wissen Sie, warum es in Manaus keinen Klub in der ersten brasilianischen Liga gibt?", fragt Claudio Radke. "Na, die Leute können hier einfach nicht schnell genug rennen bei der Hitze und der Luftfeuchtigkeit." Claudio Radke ist in den siebziger Jahren aus Porto Alegre nach Manaus gekommen. Er wollte eigentlich nur für ein paar Wochen bleiben und führt jetzt seit bald 40 Jahren Touristengruppen durch den Regenwald. In letzter Zeit häufen sich die Fragen nach Manaus und der Fußball-WM. "Ich weiß bis heute nicht, was der Blödsinn soll", sagt Radke. "200 Millionen Euro kostet uns allein das Stadion. Und dazu kommen noch die Kosten für die Straßen und die Bahnanbindung", aber die wird wahrscheinlich ohnehin nicht fertig.