Brasilien 2014Zur Not wird die WM improvisiert
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"Karneval und Fußball können sie"

Das Amazonas-Stadion wird vom deutschen Architektenbüro gmp gebaut. Hinter Tankstellen, Reifenlagern und Palmen drehen sich drei Kräne. Die Konturen eines Stadions lassen sich auf der Baustelle allenfalls schemenhaft erkennen. Viel rote Erde und die Andeutung einer Tribüne. Wenn es einmal fertig ist, soll das Stadion aus der Luft wie ein bunter Obstkorb aussehen und von außen wie eine schlafende Schlange.

Das kann dauern. Ein deutscher Ingenieur, er arbeitet für die MAN-Niederlassung in Manaus, hat für das Problem der sich ständig verzögernden Arbeiten eine einfache Lösung: "Man muss den Brasilianern einfach nur sagen, dass die WM abgesagt wird, dann wird das schon. Karneval und Fußball, das können sie einigermaßen. Aber wenn die Bauarbeiten in dem Tempo weitergehen, dann wird das Stadion 2024 fertig." Das größte Problem ist die Natur. Sämtliche Materialien müssen per Schiff über den Amazonas oder per Flugzeug auf die Baustelle geschafft werden. Der Fifa-General Valcke sagt, er sei "ein bisschen besorgt wegen Manaus" und hat schon mal prophylaktisch gedroht: "Noch ist es möglich, ein Stadion aus der Liste für die WM zu streichen."

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Wenn denn alles nach Plan verläuft, wird das Ufo Fußball-WM für vier Vorrundenspiele im Urwald landen und dann auf Nimmerwiedersehen aus dem Urwald verschwinden. Wie viel wird bleiben von der populärsten Veranstaltung der Welt? Wenig, glaubt Claudio Radke. "Im ersten Jahr nach der WM werden die Leute sich vielleicht noch für das Stadion interessieren. Dann wird es einfach nur noch rumstehen." Der populärste Klub Nacional Manaus spielt in der viertklassigen Serie D und hat als einzigen Spieler von nationalem Ruf den Stürmer França hervorgebracht, er hat auch mal ein paar Jahre in Leverkusen gespielt. Als França in den Neunzigern vom Amazonas nach São Paulo wechselte, "hat er vor seinem ersten Spiel alle Bekannten angerufen und ihnen gesagt: Heute bin ich im Fernsehen", erzählt Claudio Radke. Allzu viele Leute sollen nicht zugeschaut haben.

Manaus gehörte mal zu den wohlhabendsten Städten der Welt. Das war zwischen 1870 und 1910, als die Region im oberen Amazonasbecken der einzige Lieferant von Kautschuk war. Heute ist die größte Attraktion der Stadt das 1896 eingeweihte Amazonas-Theater. Nach dem Einbruch des Kautschuk-Booms verfiel das urwaldpapageienbunte Haus, aber dann drehte Werner Herzog seinen Film "Fitzcarraldo" und machte das Theater weltberühmt. Ein paar Jahre später, 1995, rüttelte Luciano Pavarotti an der Tür, aber der Hausmeister ließ ihn erst nach einer improvisierten Gesangsprobe hinein. Ein bewegter Pavarotti schmetterte vor leeren Stühlen eine Arie.

Ob Lionel Messi wohl in zwanzig Jahren mit einem Ball vor der schlafenden Schlange von Manaus stehen wird?

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Gähn ! Alle Jahre wieder wird der katastrophale Zustand des jeweiligen WM/EM Gastgeberlandes inkl dessen Stadien ausführlichst beschrieben und eine WM/EM postuliert, die im Chaos vorzeitig beendet werden muss.
    So wars zumindest für Deutschland, dann ganz schlimm für Südafrika und die Ost-EM hatte man auch schon journalistisch abgeschrieben. Zwischendurch glaubte man auch, die Olympiade von London würde nicht durchführbar werden.
    Jetzt ist also Brasilien dran.
    Liebe Brasilianer [..] der Deutsche mag halt an allem rumnörgeln.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich und achten Sie auf eine angemessene Wortwahl. Danke, die Redaktion/au

    7 Leserempfehlungen
  2. "Schön" zu sehen, dass mal wieder Milliarden an brasilianischen Geldern für die finanzhungrige FIFA ausgegeben werden, anstatt diese einfach in infrastrukturreicheren Regionen plänkeln zu lassen.

    Im Endeffekt geht es der FIFA ja nicht um den Fußball, sondern um das daraus abschöpfbare Geld. Ich erinnere mich gut an den ZEIT-Artikel vor der WM in Südafrika, in dem der schockierende Kapitalismus dieser "Association" aufgezeigt wurde. Das ging vom Verbot einheimischer Kioske (nur die des Enkels (?) von FIFA-Präsident Sepp Blatter waren zulässig) bis hin zur Eintrittskarten-Korruption.

    In Brasilien wäre dieses Geld bei der Sanierung veralteter Krankenhäuser und im Gesundheitssystem wohl besser aufgehoben...

    8 Leserempfehlungen
  3. 3. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare zum konkreten Artikelinhalt. Danke, die Redaktion/au

    • Karine
    • 02. Januar 2013 18:20 Uhr

    Es war schon zu erwarten, dass die Medien sich lange und breit darüber auslassen, wie langsam die Renovierungen oder Neubauten der WM-Stadien dauern. Egal ob EM, WM oder Olympische Spiele, es scheint eine geradezu unberechtigte und krankhafte Schwarzmalerei von Seiten der Journalisten zu sein. Darüber werde ich mich auch nicht weiter auslassen. Wenn aber ZEIT.DE sich dazu herablässt, falsche Informationen zu veröffentlichen, sehe ich mich gezwungen einen Kommentar dazu abzugeben: Die Gremio ARENA hat mit der Fußball-Weltmeisterschaft nichts zu tun. Die Arena wurde pünktlich im Dezember eingeweiht. Der Rasen war leider noch nicht festgewachsen und die STADT Porto Alegre hat es versäumt Straßen auszubauen und für die nötige Infrastruktur zu sorgen. Die Weltmeisterschaft wird im Stadion BEIRA RIO ausgetragen, das sich übrigens in noch viel schlimmerem Zustand befindet als die moderne Gremio Arena. Im Artikel selbst steht, dass Fußball in Brasilien mehr als Religion ist. Da bitte ich doch um Respekt, die rivalisierenden Fußballvereine und deren Stadien nicht zu verwechseln.

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    ist zwar noch eine Baustelle - aber als ich im November 2012 dort war, hatte ich schon den Eindruck, dass dieses Stadion rechtzeitig fertig wird. Was allerdings nach meiner Beobachtung WIRKLICH ein Problem machen wird, sind die fehlenden Hotelkapazitäen in Porto Alegre. Wer die Spiele dort anschauen will, sollte sich ein Zimmer in Novo Hamburgo suchen, das mit der S-Bahn in etwa 40 Minuten erreicht werden kann.

  4. No money, no honey. Wie immer: Entweder stimmen Finanzierung oder Menschenrechte nicht - als hätte man das nicht schon vor der Vergabe wissen können... Ich bin ja mal gespannt, wann man merkt, dass man in Katar wegen Blasphemie und Homosexualität in den Knast kommt und freie Meinungsäußerung je nach Strömung allgemein nicht unbedingt gern gesehen wird. Ich tippe mal auf Januar 2022.

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  5. Wenn's Brasilien nicht kann, lassen wir die WM halt für alle Zeiten in Katar stattfinden. Abwechselnd einmal im Sommer bei 50 Grad (da fühlt sich auch der Brasilianer wohl) und einmal im Winter, für die verweichlichten Europäer. Die Kataris haben die Kohle, alles kein Problem. Platinis Sohnemann wird's schon richten, wenn der Papa erst mal Fifa-Präsi ist und darf dann gerne seine Provision einstreichen.

    • ZPH
    • 03. Januar 2013 14:42 Uhr

    genauso wie Griechenland bei der Olympiade 2004 - und anders als Berlin / Brandenburg beim dem Flughafen, Hamburg bei der Philharmonie usw. usw.

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