Gute deutsche Fußballtrainer scheinen rar. Es sind fast immer dieselben Namen, die gehandelt werden, wenn irgendwo eine Bundesligabank zu besetzen ist. Es soll Manager geben, die im kicker blättern, wenn sie einen Neuen suchen. Dabei gibt es in Deutschland Zigtausende Fußballtrainer, an die keiner denkt, obwohl sich unter ihnen ganz sicher der ein oder andere Mourinho oder Guardiola, Klopp oder Löw tummelt: bei den Amateuren. Doch der Profifußball ignoriert diese Talente. Warum eigentlich?

Im Sport regiert das Leistungsprinzip. Wer gut ist, gewinnt, steigt auf, wechselt zu einem besseren Klub. Doch für Trainer gilt das allenfalls bedingt. Talentierte Amateurtrainer stoßen irgendwann an eine Art gläserne Decke. Schuld sind die Strukturen im deutschen Fußball.

Ein Amateurtrainer, dem Wegbegleiter sehr viel zutrauen, ist der 30-jährige Dennis Mitteregger. Schon im Alter von 17 Jahren war der Hamburger Trainer einer Jugendmannschaft. Später stieg er mit der Zweiten Mannschaft des Eimsbütteler TV in die Landesliga, die 6. Liga auf, überholte die erste Mannschaft des Vereins und wurde mit seinem Team 2011 Hamburger Pokalsieger.

Sein Training war spannender als so manches HSV-Spiel

Doch es sind nicht nur die Ergebnisse, die Mitteregger zu einem anerkannten Trainer machen. Es ist in erster Linie seine Idee von Fußball. Bei ETV-Spielen war unter seiner Regie stets ein klares Muster zu erkennen: Spielaufbau aus der Abwehrzentrale, Flachpass, kurze Ballkontaktzeiten. Die Pokalsiege gegen höherklassige Mannschaften waren auf spielerische Überlegenheit zurückzuführen. Er brachte Amateuren mit zwei bis drei Trainingseinheiten pro Woche bei, was im Weltfußball als modern gilt.

"Dennis ist ein Naturtalent als Trainer und definitiv für höhere Aufgaben qualifiziert", sagt Wilfried Wilkens, ehemaliger Jugendtrainer des ETV und Referent beim Hamburger Fußballverband. "Er ist fachlich auf der Höhe und kann mit Spielern umgehen, kitzelt aus ihnen die bestmögliche Leistung raus." Es gab Talente, schwierige Typen, die sich nur unter dem Trainer Mitteregger entfalteten. Sein Training, sagen Beobachter, soll spannender gewesen sein als manches HSV-Spiel.

Ehemalige Spieler schwärmen von ihm und seiner Methodik. Malte Brack sagt: "Es kam nie vor, dass wir im Training standen. Dennis versteht es zudem hervorragend, taktisch zu arbeiten und zu motivieren. Für Ansprachen war er immer bestens vorbereitet, nie hat er Phrasen fallen lassen." Er vereine Eigenschaften, die normalerweise nur vereinzelt auftreten: Engagement, Einfühlungsvermögen und Kompetenz.

Mitteregger ist nicht der einzige Hamburger Amateurtrainer, der auf sich aufmerksam gemacht hat. Stefan Kohfahl übernahm schon mit vierzehn Jahren eine Jugendmannschaft. Der heute 44-Jährige formte Patrick Owomoyela und Ivan Klasnic auf ihrem Weg zum Profi. Später führte er den Bezirksligisten SV Oststeinbek in die Oberliga Hamburg. Kohfahl schaffte es mehrfach in die Hamburger Auswahl zum Trainer des Jahres. Als er während einer Fortbildung über Konditionstraining referierte, bekam der Seminarleiter des DFB vor Begeisterung rote Ohren.

Mitteregger und Kohfahl würden nie von sich behaupten, den FC Bayern München trainieren zu können. Doch überlegt haben beide, ob sie das, was sie so gut können und gerne machen, als Beruf wählen. Doch Angebote kamen keine, nicht mal aus der 3. Liga oder der Regionalliga. Im Amateurfußball können nur die allerwenigsten Trainer von diesem Job leben. Mitteregger hofft auf einen Referendariatsplatz als Sportlehrer, das ließe ihm als Trainer Spielraum. Kohfahl ist zudem Campleiter der größten Fußballschule Europas.

Ihr Problem: Der Aufstieg ist für viele Oberligavereine wegen der hohen DFB-Auflagen gar nicht möglich, die Schwelle zum Profibereich für die Vereine und damit auch ihre Trainer zu groß. Zugleich ist die Bühne Oberliga zu klein, um wahrgenommen zu werden. Es sei denn, man trägt einen bekannten Namen, den man sich als aktiver Fußballprofi erworben hat.

Moderne Fußballer denken in anderen Kategorien

Ehemalige Profis haben es noch immer leichter, ins Trainergeschäft einzusteigen. Lutz Hangartner, der Vorsitzende des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer, sagt: "Profis haben meist gute Beziehungen, die helfen beim Einstieg." Dahinter steckt auch der Glaube, dass ein Trainer mal selbst eine Ecke am Betzenberg getreten haben müsse. Sonst fehle ihm die Akzeptanz.

Dieser Glaube scheint im deutschen Fußball nach wie vor verankert zu sein. Schon beim Lizenzerwerb werden frühere Profis bevorzugt. Für die Fußballlehrer-Lizenz, die höchste Lizenz, die ein Trainer erwerben kann, vergibt der DFB pro Jahr fünfundzwanzig Plätze unter siebzig bis achtzig Bewerbungen. Bei der Aufnahmeprüfung wird, so Wilfried Wilkens, zu sehr darauf geachtet, ob einer kicken kann. Selbst bei der Amateurlizenz C ist das oft so. "Der DFB ist phlegmatisch", sagt er. "So schwer hat man es als Trainer nur in Deutschland und nur im Fußball", sagt Kohfahl. "Als Amateur Profi zu werden, ist für Trainer noch schwerer als für Spieler", sagt Mitteregger.

Zudem dauert der Erwerb einer Profilizenz, die Bedingung für einen Job ab der 3. Liga ist, ein Dreivierteljahr. Das können sich viele Berufstätige nicht leisten. Selbst formal genießen ehemalige Profis Vorteile durch den DFB: Wer mindestens sieben Jahre Vertragsspieler war, bekommt die Einstiegslizenz geschenkt. Dagegen zählt ein Sportstudium, wie es Mitteregger und Kohfahl abgeschlossen haben, nichts, obwohl es viele Elemente der DFB-Lizenz überbietet, etwa in der Trainingslehre, Anatomie oder Pädagogik.

Stipendium für Trainer

Der DFB merkt jedenfalls, dass er auf einen großen Talentpool verzichtet. Die Trainertalentsichtung auszuweiten, zählt der neue Sportdirektor Robin Dutt zu den Schwerpunkten seiner Arbeit, sagt der DFB-Ausbilder Markus Weidner: "Es gibt viele gute Trainer, die müssen wir finden." Der DFB hat zudem ein Stipendium in Höhe von 9.000 Euro für finanziell weniger privilegierte Fußballehrer-Absolventen eingeführt. Ein Anfang.

Natürlich ist es schwer zu sagen, ob ein guter Amateurtrainer auch ein guter Bundesligatrainer wird. Im Profifußball geht es auch viel ums Geschäft und um Politik, ein Trainer steht im Fokus von Fans und Medien. Aber das kann man lernen.

Viele Fußballer der aktuellen "Generation Kompetenz", die in Internaten und Förderstützpunkten groß wurden und viel früher mit moderner Methodik und Taktik konfrontiert werden, denken ohnehin in anderen Kategorien. Sie spüren: Denjenigen, die schnell vom Feld auf die Bank wechseln, fehlen oft wichtige Erfahrungen. Es braucht Übung, einer Gruppe von zwanzig Fußballern zwei Stunden Konzentration und Motivation abzufordern und dabei die eigene Autorität zu wahren. Manch Trainer aus den zwei Bundesligen wäre mit dieser Aufgabe ohne Assistenten wohl überfordert.

Dass man nicht selbst 300 Bundesligaspiele absolviert haben muss, um zu den Besten der Gilde zu zählen, belegen Christian Streich, Thomas Tuchel und Sascha Lewandowski. Auch sie hatten bis vor Kurzem keinen Namen, ihre Meriten haben sie in der Nachwuchsarbeit gesammelt. Das ist ein großer Fortschritt. Doch sind die drei intern rekrutiert, der Blick der Bundesliga bleibt also auf Freiburg, Mainz und Leverkusen beschränkt. Nicht auf dem Radar sind Standorte wie Oststeinbek und Eimsbüttel.