Bayer LeverkusenDer sympathische Plastikklub

Pillendreher, Vizekusen, Werkself – es ist leicht, über Leverkusen zu lachen. Doch der Verein ist die deutsche Nationalelf 1b und nicht nur deswegen beliebt. von 

Das Team von Bayer Leverkusen nach einem Tor gegen Frankfurt im Januar

Das Team von Bayer Leverkusen nach einem Tor gegen Frankfurt im Januar  |  © Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Als Bayer Leverkusen am 11.11. vorigen Jahres seine schlechteste Saisonleistung darbot, wurde in einem kleinen internen Zirkel die Jahreszeit als Ursache ausgemacht. "Es war Karnevalsbeginn, viele unserer Fans erschienen kostümiert und angeheitert, bei den Fans fehlte die Einstellung", sagt der Fan-Beauftragte, als redete ein Trainer von seiner Elf. Anschließend hielt er den Fan-Vertretern eine Standpauke. Beim nächsten Heimspiel stand die ganze Gegengerade. Endstand 2:0 gegen Schalke.

Der Fan-Beauftragte von Bayer Leverkusen heißt übrigens Rüdiger Vollborn. Er weiß aus Erfahrung viel über die Beziehung zwischen Mannschaft und Fans, er stand lange im Leverkusener Tor. Zwischen 1982 und 1999 bestritt der gebürtige Westberliner 401 Bundesligaspiele für Bayer, Vereinsrekord. Als der fünfzehnjährige René Adler im Jahr 2000 von Leipzig nach Leverkusen wechselte, nahm ihn der Ziehvater Vollborn zu Hause auf. Vollborn versteht Bayer als Familie.

Anzeige

Vollborn kennt und liebt seinen Klub und seine Geschichte. Seit 1979 ist Bayer in der Bundesliga, es gibt nur vier Vereine, die länger ununterbrochen dabei sind: HSV, Bayern, Dortmund und Stuttgart. Längst steht Bayer für gepflegten, fairen Offensivfußball und für Spielkultur. Seine stärkste sportliche Phase hatte der Klub vor gut einem Jahrzehnt. Im Jahr 2002 stürmte Bayer mit Michael Ballack ins Champions-League-Finale, auf eine Art, wie es noch keiner anderen deutschen Mannschaft gelungen war. Damals habe der Verein sein Einzugsgebiet erweitert, sagt Vollborn.

Mutter Bayer

Mit Bayer Leverkusen verbindet man zudem dramatisch gescheiterte Versuche, die unter den Stichworten "Vizekusen" und "Unterhaching" ihre Einträge ins Lexikon der deutschen Fußballmythen fanden. Fans aller Couleur erzählen sich auch heute noch von Reiner Calmunds Wildwestmethoden, mit denen er 1989 ostdeutsche Fußballer kaufte. Im Gedächtnis der Fußballnation bleibt auch der spektakuläre Uefa-Cup-Sieg Bayers 1988, bei dem ein gewisser Rüdiger Vollborn die Gegner beim Elfmeterschießen mit rudernden Armbewegungen aus dem Konzept brachte. "Wir haben Tradition", sagt Vollborn.

Das ist ein wichtiges Stichwort, denn es ist der Gegenspieler eines anderen Begriffs, der in der Fußballkultur eine bedeutende Rolle zukommt und der an Bayer Leverkusen als ewiger Makel haftet: der Werksklub.

Der Verein gehört zu hundert Prozent der Bayer AG. "Der Verein und das Werk sind eins", sagt Vollborn, "sowie die Stadt und das Werk eins sind." Zwar investiert Bayer nicht mehr so viel wie zu Calmunds Südamerika-Epoche, doch der Kader gehört zu den teuersten der Liga. Hinter Bayers Engagement steckt ein paternalistisches, aber verantwortungsvolles Konzept: das Unternehmen mit dem sozialen und kulturellen Auftrag. Vollborn spricht von der "Mutter Bayer". In den achtziger Jahren, schätzt Vollborn, seien sieben von zehn Heimzuschauern Mitarbeiter von Bayer gewesen. Heute sei die Quote etwas geringer, aber nur etwas.

Leserkommentare
  1. Ihre Geschichte passt sehr schön zum positiven Image, das ich von diesem insgesamt sehr syphatischen Verein habe, und das er inzwischen auch unter Fußballfans, die eine schöne und abwechslungsreiche Spielanlage lieben, meistens genießt.

    Und Fans, die ihr Hauptaugenmerk auf Tradition anstatt auf Spielkultur Wert legen, werden auch irgendwann bemerken, dass diese Tradition dort inzwischen längst besteht.

    Ach ja. Und wenn die Bayern International unter die Räder kommen, empfinde ich immer auch eine kleine Portion Schadenfreude für die Übergroßkopferten, auch wenn ich es für einzelne Spieler wie z.B. Müller schade fand, dass sie den Cup nicht geholt haben.

    Wie Bayer ähnliches 2002 passierte, musste ich zwar lachen, aber nicht aus Schadenfreude, sondern aus Mitgefühl aufgrund der Tragik.

    Überhaupt finde ich diese Traditionsdebatte mehr als Asbach, weil ich im Fußball möglichst viele schöne und abwechslungsreiche Spiele sehen will. Und da ist mir der Name des Vereins, der mein Fußballerherz höher schlagen lässt völlig egal.

    • lxththf
    • 04. Februar 2013 20:41 Uhr

    Herr Fritsch, auch wenn er einigen früheren Aussagen von Ihnen entgegensteht. Haben nicht Sie geschrieben, dass Kiesling trotz Torquote nicht in die Nationalelf gehört? (Entschuldigung, aber das hat sich irgendwie eingebrannt ins Gedächtnis).
    Auch der Singsang der Fans über 90 Min. wurde gerügt ;)
    Immer wieder spannend, wie unterschiedlich zu verschiedenen Zeitpunkten die Wahrnehmung ist.
    An Bayer gefällt mir persönlich, dass sie ein unfassbar gutes Auge für junge Talente haben und diese veredeln. Darum sehe ich sie auch nicht in einer großen Abhängigkeit von Bayer.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    In Leverkusen war am Sonntag ja gerade kein Dauersingsang, keine üblichen Ultra-Charts. Die Leute reagierten aufs Spiel. Daher die tolle Stimmung.

    Es gibt nach wie vor größere Kießling-Fans als mich. Was hab ich denn eigentlich Revidierendes geschrieben? Aber ich muss auch gestehen, dass mir Kießling am Sonntag gefallen hat.

    • Tornio
    • 04. Februar 2013 22:29 Uhr

    Neureich könnte zum Beispiel heißen, dass Leverkusen von jeher Tochter des Unternehmens ist. Hier hat sich keiner eingekauft, sondern der Verein ist eine Gründung von Werksmitarbeitern als Werkssportgruppe. Neureich könnte auch heißen, dass das Unternehmen im Normalfall (unrühmlihe Ausnahme Michael Ballack)außerplanmäßige Millionen bereitstellt um Wunschspieler zur verpflichten, sondern kontinuierlich einen seriösen Grundbetrag zahlt.

    Und was die Schmähung als "Nicht-Traditionsverein" angeht, so ist im Artikel schon viel dazu gesagt worden. Ergänzen könnte man vielleicht noch den Hinweis (Achtung, Ironie!), dass die ach so großen und tollen Traditionsvereine natürlich nur von ihrer Tradition und großen Fanbasis leben. Sachen wie Börsengang (BVB), Mäzene (HSV, Kühne) oder horrende Schulden (Schalke) vergisst man da schonmal gerne und macht sich stattdessen gerne über den Plastikklub lustig.

  2. Redaktion

    In Leverkusen war am Sonntag ja gerade kein Dauersingsang, keine üblichen Ultra-Charts. Die Leute reagierten aufs Spiel. Daher die tolle Stimmung.

    Es gibt nach wie vor größere Kießling-Fans als mich. Was hab ich denn eigentlich Revidierendes geschrieben? Aber ich muss auch gestehen, dass mir Kießling am Sonntag gefallen hat.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Ein klasse Artikel "
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • lxththf
    • 05. Februar 2013 12:38 Uhr

    ist vielleicht wirklich auch abhängig vom Spiel und die ewig gleichen Sprechchöre können in der Tat nerven. Wenn man ein solches Feuerwerk abbrennt, wie diese beiden, dann elektrisiert das ja beide Fangruppen und von daher haben Sie da sicherlich recht. Auf der anderen Seite glaube ich, dass gerade wenn die Fans merken, dass da noch was geht (vor allem gegen den Meister) sie ihr Team nochmal nach vorne pushen. *BVB-Brille-aufsetz* Vielleicht bin ich auch einfach nur verwöhnt, weil beim BVB fast immer ein tolles Spiel stattfindet und man was zum Jubeln hat, so dass der Dauersingsang nicht auffällt *BVB-Brille-absetz*

    Zu Kießling hatten Sie geschrieben: http://www.zeit.de/sport/...
    Es ist doch umso besser, wenn er mit konstanten Leistungen seine Kritiker (wie z.B. auch Sie) überzeugt, ohne sich großmäulig vor die Kamera zu stellen. Die Wahrheit liegt bekanntermaßen auf dem Platz und da ist Kießling für Leverkusen Gold wert und sollte Lewandowski tatsächlich im Sommer gehen, wäre Kießling der perfekte Nachfolger beim BVB. Extrem unterschätzt (wurden Lewandowski und Gomez auch), mit einem tollen Instinkt und dem prakmatischen Sinn fürs Spiel. Das wichtigste sagte jedoch Rudi Völler: "Es ist leicht Tore zu erzielen, wenn ein Team 2:0 oder 3:0 führt, aber Stefan schießt vor allem oft das 1:0 und das macht ihn für uns so wertvoll" (sinngemäß beim Doppelpass).

    • lxththf
    • 05. Februar 2013 12:38 Uhr

    ist vielleicht wirklich auch abhängig vom Spiel und die ewig gleichen Sprechchöre können in der Tat nerven. Wenn man ein solches Feuerwerk abbrennt, wie diese beiden, dann elektrisiert das ja beide Fangruppen und von daher haben Sie da sicherlich recht. Auf der anderen Seite glaube ich, dass gerade wenn die Fans merken, dass da noch was geht (vor allem gegen den Meister) sie ihr Team nochmal nach vorne pushen. *BVB-Brille-aufsetz* Vielleicht bin ich auch einfach nur verwöhnt, weil beim BVB fast immer ein tolles Spiel stattfindet und man was zum Jubeln hat, so dass der Dauersingsang nicht auffällt *BVB-Brille-absetz*

    Zu Kießling hatten Sie geschrieben: http://www.zeit.de/sport/...
    Es ist doch umso besser, wenn er mit konstanten Leistungen seine Kritiker (wie z.B. auch Sie) überzeugt, ohne sich großmäulig vor die Kamera zu stellen. Die Wahrheit liegt bekanntermaßen auf dem Platz und da ist Kießling für Leverkusen Gold wert und sollte Lewandowski tatsächlich im Sommer gehen, wäre Kießling der perfekte Nachfolger beim BVB. Extrem unterschätzt (wurden Lewandowski und Gomez auch), mit einem tollen Instinkt und dem prakmatischen Sinn fürs Spiel. Das wichtigste sagte jedoch Rudi Völler: "Es ist leicht Tore zu erzielen, wenn ein Team 2:0 oder 3:0 führt, aber Stefan schießt vor allem oft das 1:0 und das macht ihn für uns so wertvoll" (sinngemäß beim Doppelpass).

    • Perelly
    • 05. Februar 2013 16:06 Uhr

    Bayern kümmert sich nicht um die kleinen Vereine? So wie Aachen oder St. Pauli? Oder auch der BVB in klammen Zeiten? Leider fallen mir nicht mehr Vereine ein, das liegt aber auch daran, dass man in München kein großes Gewese darum macht, wenn man anderen hilft.

    Kleiner Tipp für Sie: Wenn man keine Ahnung hat, warum nicht einfach mal schweigen und sich Blamagen ersparen.

    Ihre Vorurteile gegenüber den Bayern sind mindest ebenso dumm wie die gegenüber den Leverkusenern, die - nebenbei bemerkt - selbst G14-Mitglied sind. Schade, dass es 2002 nichts wurde und stattdessen die Dusel-Dortmunder den Titel absahnten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ohne Leverkusen undandere, hätte Bayern längt die Eigenvermarktung der Vereine durch, was TV-Rechte etc. angeht.

    Auch die Story mit dem BVB, wenn Uli das aus reiner Nettigkeit getan hätte, dann hätte er diese Sache nicht einmal kommentiert.
    So ist das reine "Show".

    Wenn es bestimme Clubs nicht mehr dauerhaft in der Liga gäbe, dann sähe die DFL anders aus.
    Sorge mich im Moment mehr um Bremen.

  3. Ohne Leverkusen undandere, hätte Bayern längt die Eigenvermarktung der Vereine durch, was TV-Rechte etc. angeht.

    Auch die Story mit dem BVB, wenn Uli das aus reiner Nettigkeit getan hätte, dann hätte er diese Sache nicht einmal kommentiert.
    So ist das reine "Show".

    Wenn es bestimme Clubs nicht mehr dauerhaft in der Liga gäbe, dann sähe die DFL anders aus.
    Sorge mich im Moment mehr um Bremen.

    Antwort auf "Wie bitte?"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bayer AG | Bayer AG | Bundesliga | Fußball | Leverkusen | Bayer 04 Leverkusen
Service