Als Bayer Leverkusen am 11.11. vorigen Jahres seine schlechteste Saisonleistung darbot, wurde in einem kleinen internen Zirkel die Jahreszeit als Ursache ausgemacht. "Es war Karnevalsbeginn, viele unserer Fans erschienen kostümiert und angeheitert, bei den Fans fehlte die Einstellung", sagt der Fan-Beauftragte, als redete ein Trainer von seiner Elf. Anschließend hielt er den Fan-Vertretern eine Standpauke. Beim nächsten Heimspiel stand die ganze Gegengerade. Endstand 2:0 gegen Schalke.

Der Fan-Beauftragte von Bayer Leverkusen heißt übrigens Rüdiger Vollborn. Er weiß aus Erfahrung viel über die Beziehung zwischen Mannschaft und Fans, er stand lange im Leverkusener Tor. Zwischen 1982 und 1999 bestritt der gebürtige Westberliner 401 Bundesligaspiele für Bayer, Vereinsrekord. Als der fünfzehnjährige René Adler im Jahr 2000 von Leipzig nach Leverkusen wechselte, nahm ihn der Ziehvater Vollborn zu Hause auf. Vollborn versteht Bayer als Familie.

Vollborn kennt und liebt seinen Klub und seine Geschichte. Seit 1979 ist Bayer in der Bundesliga, es gibt nur vier Vereine, die länger ununterbrochen dabei sind: HSV, Bayern, Dortmund und Stuttgart. Längst steht Bayer für gepflegten, fairen Offensivfußball und für Spielkultur. Seine stärkste sportliche Phase hatte der Klub vor gut einem Jahrzehnt. Im Jahr 2002 stürmte Bayer mit Michael Ballack ins Champions-League-Finale, auf eine Art, wie es noch keiner anderen deutschen Mannschaft gelungen war. Damals habe der Verein sein Einzugsgebiet erweitert, sagt Vollborn.

Mutter Bayer

Mit Bayer Leverkusen verbindet man zudem dramatisch gescheiterte Versuche, die unter den Stichworten "Vizekusen" und "Unterhaching" ihre Einträge ins Lexikon der deutschen Fußballmythen fanden. Fans aller Couleur erzählen sich auch heute noch von Reiner Calmunds Wildwestmethoden, mit denen er 1989 ostdeutsche Fußballer kaufte. Im Gedächtnis der Fußballnation bleibt auch der spektakuläre Uefa-Cup-Sieg Bayers 1988, bei dem ein gewisser Rüdiger Vollborn die Gegner beim Elfmeterschießen mit rudernden Armbewegungen aus dem Konzept brachte. "Wir haben Tradition", sagt Vollborn.

Das ist ein wichtiges Stichwort, denn es ist der Gegenspieler eines anderen Begriffs, der in der Fußballkultur eine bedeutende Rolle zukommt und der an Bayer Leverkusen als ewiger Makel haftet: der Werksklub.

Der Verein gehört zu hundert Prozent der Bayer AG. "Der Verein und das Werk sind eins", sagt Vollborn, "sowie die Stadt und das Werk eins sind." Zwar investiert Bayer nicht mehr so viel wie zu Calmunds Südamerika-Epoche, doch der Kader gehört zu den teuersten der Liga. Hinter Bayers Engagement steckt ein paternalistisches, aber verantwortungsvolles Konzept: das Unternehmen mit dem sozialen und kulturellen Auftrag. Vollborn spricht von der "Mutter Bayer". In den achtziger Jahren, schätzt Vollborn, seien sieben von zehn Heimzuschauern Mitarbeiter von Bayer gewesen. Heute sei die Quote etwas geringer, aber nur etwas.