Jürgen Brähmer © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Jürgen Brähmer will keine Zeit verlieren. "Warum ich den Kampf gewinnen werde?", fragt er: "Na, weil ich der Bessere bin." Seine mitunter entwaffnende Direktheit hat Brähmer nicht eingebüßt. Da er die auch in seinen Fäusten hat, eilte dem Boxer einst der Ruf eines Jahrhunderttalents voraus. Einen gewissen Teil davon hat er eingelöst. Als Profi hat Jürgen Brähmer 38 seiner 40 Kämpfe gewonnen, davon 30 durch Knock-out. Und doch verirrte er sich zwischendrin. Brähmer setzte sein Talent auf der Straße ein. Endstation.

Wenn Jürgen Brähmer am Samstag in der Max-Schmeling-Halle Europameister Eduard Gutknecht herausfordert, geht es nicht nur um diesen ehrenwerten Titel und damit darum, noch einmal dahinzukommen, wo er schon einmal war. Sondern für Brähmer geht es auch darum, sich selbst zu beweisen, dass es sich gelohnt hat, sein Leben in die Hand genommen und grundlegend umgekrempelt zu haben.

Die Geschichte von Jürgen Brähmer beginnt vor 34 Jahren in Stralsund, wo er als eines von sieben Kindern aufwächst. Als er elf ist, fällt die Mauer. 1992 wechselt er von der Leichtathletik zum Boxen. Dort wird er richtig Karriere machen. Von 100 Kämpfen als Amateur gewinnt er 95. Höhepunkt wird der Gewinn des Junioren-WM-Titels in Havanna – die Eintrittskarte zum Berufsboxen.

Die verheißungsvolle Zukunft kam nicht

Aus dem Natur- ist ein Jahrhunderttalent geworden. Als er 1999 beim Hamburger Universum-Stall einen Profivertrag unterzeichnet, scheint sein Weg geebnet. Das Gros der Fachleute sieht den kommenden Champion in ihm. Tatsächlich kann Brähmer fürchterlich gut boxen; er kann pendeln, er kann treffen, er verfügt über den nötigen Punch, und, noch wichtiger in der Welt der Gagen, Brähmer hat den gewissen Instinkt: Wenn sein Gegner wackelt, setzt er nach.

"Ja, ja, Jahrhunderttalent", sagt Uli Wegner, der Samstagabend in der Ecke des Titelverteidigers Gutknecht steht: "Was heißt das schon? Meistens ist gerade aus denen nie etwas geworden." Der 70-Jährige wird an Thomas Ulrich gedacht haben. Dem Spandauer wurde dereinst eine verheißungsvolle Zukunft vorhergesagt, daran aber ist er fast zerbrochen. Bei Brähmer liegen die Dinge anders, obgleich auch seine Karriere zwischenzeitlich in den Seilen hängt. Ab 2002 verbringt er drei Jahre in Haft. "Dass ich zweimal im Gefängnis saß, gehört zu meinem Leben", sagt Brähmer. Das sei alles lange her und nicht nur verdrängt, sondern auch verarbeitet.

Früher nur talentiert, heute diszipliniert

Als Brähmer vor sieben Jahren wieder freikommt, holt er zunächst sportlich nach, was nachzuholen ist. Er boxt sich die Rangliste hoch, wird 2009 erst Europameister im Halbschwergewicht, kurz darauf Weltmeister. Diesen Titel verliert er am grünen Tisch, da er fast zwei Jahre keinen Kampf bestreiten wird. Offiziell wegen Krankheiten und Verletzungen, später deutet Brähmer auch vertragliche Gründe an, sein früherer Promoter habe sich nicht an finanzielle Absprachen gehalten. Im Sommer 2012 verlässt er Universum. "Das waren aus sportlicher Sicht drei verschenkte Jahre", sagt Brähmer.

Auch diese verlorenen Jahre wird er nicht wieder zurückholen können. Doch in dieser Zeit findet er etwas anderes, Wichtigeres. Brähmer gründet eine Familie, Frau und Kind verleihen ihm Verantwortungsgefühl und geben Halt. Was sind dagegen schon Zeit und Geld, die ihm entgangen sind? "Heute sind mir Sachen wichtig, die mir früher völlig egal waren", sagt Brähmer. Auch sportlich will er noch einmal angreifen. Im Spätsommer 2012 unterschreibt er beim größten deutschen Profiboxstall, Sauerland Event in Berlin, einen Dreijahresvertrag. "Endlich ein verlässlicher Partner", sagt Brähmer. "Ich hätte das viel früher machen sollen."

Auf diesem Weg landet er in den Händen von Karsten Röwer. Der 50-Jährige, wie Brähmer aus Mecklenburg-Vorpommern, ist ein alter Bekannter. Ein bisschen ist es für Brähmer wie eine Rückkehr in die eigene Vergangenheit, in die gute. Röwer trainierte ihn schon Mitte der neunziger Jahre, als Brähmers Stern aufging. Bei der Junioren-WM. "Damals war Jürgen 17, heute ist er 34 und ein anderer Kerl, ein richtiger Mann geworden", sagt Röwer. Er sei angenehm überrascht von Brähmers Belastungsbereitschaft. "Früher war er nur talentiert, jetzt ist er bewusst bei der Sache, mit Disziplin und Leidenschaft. Und das Boxen hat er auch nicht verlernt."

Hagen Doering, Matchmaker von Sauerland Event, erwartet einen spannenden und intensiven Kampf. Den Brähmer, so Doering, brauche man nicht mehr behutsam aufzubauen, der sei voll da: "Entweder er packt es, oder er packt es nicht." Jürgen Brähmer kann mit einer solchen Direktheit umgehen. "Recht hat er, die EM ist ein sehr guter Titel auf dem Weg zu einer WM", sagt er. Warum noch mehr Zeit verlieren.

Erschienen im Tagesspiegel