Als Brähmer vor sieben Jahren wieder freikommt, holt er zunächst sportlich nach, was nachzuholen ist. Er boxt sich die Rangliste hoch, wird 2009 erst Europameister im Halbschwergewicht, kurz darauf Weltmeister. Diesen Titel verliert er am grünen Tisch, da er fast zwei Jahre keinen Kampf bestreiten wird. Offiziell wegen Krankheiten und Verletzungen, später deutet Brähmer auch vertragliche Gründe an, sein früherer Promoter habe sich nicht an finanzielle Absprachen gehalten. Im Sommer 2012 verlässt er Universum. "Das waren aus sportlicher Sicht drei verschenkte Jahre", sagt Brähmer.

Auch diese verlorenen Jahre wird er nicht wieder zurückholen können. Doch in dieser Zeit findet er etwas anderes, Wichtigeres. Brähmer gründet eine Familie, Frau und Kind verleihen ihm Verantwortungsgefühl und geben Halt. Was sind dagegen schon Zeit und Geld, die ihm entgangen sind? "Heute sind mir Sachen wichtig, die mir früher völlig egal waren", sagt Brähmer. Auch sportlich will er noch einmal angreifen. Im Spätsommer 2012 unterschreibt er beim größten deutschen Profiboxstall, Sauerland Event in Berlin, einen Dreijahresvertrag. "Endlich ein verlässlicher Partner", sagt Brähmer. "Ich hätte das viel früher machen sollen."

Auf diesem Weg landet er in den Händen von Karsten Röwer. Der 50-Jährige, wie Brähmer aus Mecklenburg-Vorpommern, ist ein alter Bekannter. Ein bisschen ist es für Brähmer wie eine Rückkehr in die eigene Vergangenheit, in die gute. Röwer trainierte ihn schon Mitte der neunziger Jahre, als Brähmers Stern aufging. Bei der Junioren-WM. "Damals war Jürgen 17, heute ist er 34 und ein anderer Kerl, ein richtiger Mann geworden", sagt Röwer. Er sei angenehm überrascht von Brähmers Belastungsbereitschaft. "Früher war er nur talentiert, jetzt ist er bewusst bei der Sache, mit Disziplin und Leidenschaft. Und das Boxen hat er auch nicht verlernt."

Hagen Doering, Matchmaker von Sauerland Event, erwartet einen spannenden und intensiven Kampf. Den Brähmer, so Doering, brauche man nicht mehr behutsam aufzubauen, der sei voll da: "Entweder er packt es, oder er packt es nicht." Jürgen Brähmer kann mit einer solchen Direktheit umgehen. "Recht hat er, die EM ist ein sehr guter Titel auf dem Weg zu einer WM", sagt er. Warum noch mehr Zeit verlieren.

Erschienen im Tagesspiegel