Ein Sportler © simonthon / photocase.com

Dieser Text ist Ausgangspunkt für das erste Philosophische Armdrücken mit Gunter Gebauer. Der Autor wird am Donnerstag im Berliner Veranstaltungsraum von ZEIT ONLINE die Reaktionen auf seinen Text diskutieren und gegen Gert G. Wagner antreten. Wagner ist Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und fordert eine kontrollierte Dopingfreigabe. Seinen Text zur Debatte lesen Sie am Dienstag auf ZEIT ONLINE.

Nach dem Fall Armstrong bringt eine Studie im Auftrag der Deutschen Sporthilfe wenigstens eine gute Botschaft: Deutsche Spitzensportler und die deutsche Bevölkerung halten nahezu einmütig die Einnahme von Dopingmitteln für einen klaren Verstoß gegen die Werte des Sports. Das ethische Fundament steht – was aber steht darauf? Deutsche sehen unverdrossen im Fernsehen dopingverseuchten Sport, auch deutsche Sportler dopen, deutsche Politiker fordern als Lohn ihrer Sportförderung eine Mindestausbeute an Olympiamedaillen ein, egal um welchen Preis. Kein Zweifel, wir leben in Zeiten eines fundamentalen Widerspruchs: Wir fordern das Wahre – die wahre Leistung, die wahren Dinge – und geben uns mit dem Falschen zufrieden.

Dieser Widerspruch ist überall; oft wird er lustvoll erlebt. Es gibt in unserer Gesellschaft viele Strategien und Tricks, die Liebe zum Wahren mit einer Vorliebe zum Falschen zu hintergehen. Wie viel Freude rufen die falschen Dinge hervor, wenn sie für die wahren gehalten werden – die Rolex und die Vuitton-Tasche aus Fernost, die berückenden Formen vom plastischen Chirurgen, der fulminante Schlussspurt aus dem Blutbeutel. Drogendealer brüsten sich ihrer Insiderkenntnisse in Büchern, mit denen sie aus der Gefängnishaft die Nachwuchssportler "draußen" anleiten.

In seiner Frühzeit stand der Sport ausdrücklich gegen das Falsche, gegen das Geld, das alle Werte der Gesellschaft verflüssigte; es machte alles käuflich, was gesellschaftlichen Wert hatte: Macht, Ansehen, Schönheit, Liebe. Dagegen brachte Pierre de Coubertin Ende des 19. Jahrhunderts den Sport in Stellung. Der Lust am Falschen und am Regelbruch wollte er eine "Aristokratie der Körper" entgegensetzen.

Heute sind die Aristokraten des Sports in höhere Ränge aufgestiegen, als der verarmte Kleinadlige Coubertin je geträumt hat. Vom Fernsehen und der Werbung in den Schein von Helden und Heiligen gehüllt, wird den Athleten eine öffentliche Bedeutsamkeit zugesprochen, der sie kaum noch gerecht werden können. In einer Welt der Unaufrichtigkeit schweben die Athleten in ihrer Sphäre als Garanten des Wahren. Durch Armstrongs Fall ist dieser Glauben erschüttert worden. Kein Sieg von Dopingfahndern ist jemals mit so leisem Triumphgeheul und so großer Beklommenheit aufgenommen worden: Der Heilige wird als Widersacher des Wahren entlarvt.

Nun scheint alles zu fallen. Sollen wir jetzt sagen: Der Sport ist hinüber, lasst uns mit dem Doping arrangieren, es akzeptieren, dafür aber kontrollieren und eingrenzen? Oder sollen wir den Kampf fortsetzen, selbst wenn er an vielen Fronten nicht zu gewinnen ist?