Doping-Duell : Doping jetzt freigeben? Nein, nie!

Der Sport ist tot, es lebe der Sport!, sagt Gunter Gebauer. Im Auftakt-Text zum Doping-Duell von ZEIT ONLINE verteidigt der Philosoph die Grundidee des Sports.
Ein Sportler © simonthon / photocase.com

Dieser Text ist Ausgangspunkt für das erste Philosophische Armdrücken mit Gunter Gebauer. Der Autor wird am Donnerstag im Berliner Veranstaltungsraum von ZEIT ONLINE die Reaktionen auf seinen Text diskutieren und gegen Gert G. Wagner antreten. Wagner ist Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und fordert eine kontrollierte Dopingfreigabe. Seinen Text zur Debatte lesen Sie am Dienstag auf ZEIT ONLINE.

Nach dem Fall Armstrong bringt eine Studie im Auftrag der Deutschen Sporthilfe wenigstens eine gute Botschaft: Deutsche Spitzensportler und die deutsche Bevölkerung halten nahezu einmütig die Einnahme von Dopingmitteln für einen klaren Verstoß gegen die Werte des Sports. Das ethische Fundament steht – was aber steht darauf? Deutsche sehen unverdrossen im Fernsehen dopingverseuchten Sport, auch deutsche Sportler dopen, deutsche Politiker fordern als Lohn ihrer Sportförderung eine Mindestausbeute an Olympiamedaillen ein, egal um welchen Preis. Kein Zweifel, wir leben in Zeiten eines fundamentalen Widerspruchs: Wir fordern das Wahre – die wahre Leistung, die wahren Dinge – und geben uns mit dem Falschen zufrieden.

Dieser Widerspruch ist überall; oft wird er lustvoll erlebt. Es gibt in unserer Gesellschaft viele Strategien und Tricks, die Liebe zum Wahren mit einer Vorliebe zum Falschen zu hintergehen. Wie viel Freude rufen die falschen Dinge hervor, wenn sie für die wahren gehalten werden – die Rolex und die Vuitton-Tasche aus Fernost, die berückenden Formen vom plastischen Chirurgen, der fulminante Schlussspurt aus dem Blutbeutel. Drogendealer brüsten sich ihrer Insiderkenntnisse in Büchern, mit denen sie aus der Gefängnishaft die Nachwuchssportler "draußen" anleiten.

Gunter Gebauer

In seinen Büchern und Essays befasst sich der Sportphilosoph Gunter Gebauer mit dem Mythos der Olympischen Spiele sowie anthropologischen und soziologischen Fragen des Sports. Er ist Dauergast beim Philosophischen Armdrücken von ZEIT ONLINE.

In seiner Frühzeit stand der Sport ausdrücklich gegen das Falsche, gegen das Geld, das alle Werte der Gesellschaft verflüssigte; es machte alles käuflich, was gesellschaftlichen Wert hatte: Macht, Ansehen, Schönheit, Liebe. Dagegen brachte Pierre de Coubertin Ende des 19. Jahrhunderts den Sport in Stellung. Der Lust am Falschen und am Regelbruch wollte er eine "Aristokratie der Körper" entgegensetzen.

Heute sind die Aristokraten des Sports in höhere Ränge aufgestiegen, als der verarmte Kleinadlige Coubertin je geträumt hat. Vom Fernsehen und der Werbung in den Schein von Helden und Heiligen gehüllt, wird den Athleten eine öffentliche Bedeutsamkeit zugesprochen, der sie kaum noch gerecht werden können. In einer Welt der Unaufrichtigkeit schweben die Athleten in ihrer Sphäre als Garanten des Wahren. Durch Armstrongs Fall ist dieser Glauben erschüttert worden. Kein Sieg von Dopingfahndern ist jemals mit so leisem Triumphgeheul und so großer Beklommenheit aufgenommen worden: Der Heilige wird als Widersacher des Wahren entlarvt.

Nun scheint alles zu fallen. Sollen wir jetzt sagen: Der Sport ist hinüber, lasst uns mit dem Doping arrangieren, es akzeptieren, dafür aber kontrollieren und eingrenzen? Oder sollen wir den Kampf fortsetzen, selbst wenn er an vielen Fronten nicht zu gewinnen ist?

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Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Körper und Technologie....

... ein gegenvorschlag: Man verdopple alle Wettbewerbe. Der eine läuft über die Optimierung des Körpers durch Training und individuelle Fähigkeit, der andere über technologische-pharmakologische Hilfsmittel. Die Medaille für den Gewinn des 100m Laufes K bekommt der/die LäuferIn, die Medaille für die 100m T bekommt das Pharma-unternehmen. Dabei kann man sich dann doppelt über die Leistungsfähigkeit des Menschen freuen. im einen Wettbewerb über die Möglichkeiten des Körpers, im anderen über die Möglichkeiten der techno-wissenschaftlichen Beherrschung der Natur. Und die Unternehmen haben noch eine wettbewerbsorientierte Werbung.

Sozusagen eine Konstuktuersmeisterschaft

Ihren Vorschlag zu diskutieren steht auf einem anderen Blatt, als welches der Autor beschreibt. Dieser behauptet treffend, dass immer Mittel und Wege zum Betrug gefunden werden, egal wo man die Grenzen setzt. Dies ist menschlich und es ist genauso menschlich, es einzudämmen zu versuchen.

Es bleibt nichts übrig, als sich zunächst daraufhin zu einigen, was Sport überhaupt soll, dann zu entscheiden, welches Reglement mit dieser Definition vereinbar ist und dessen Einhaltung dann mit allen Mitteln zu überwachen.

Was man als unerlaubt definiert, ist hierbei zunächst mal irrelevant. Man kann Doping nicht bekämpfen, indem man es erlaubt.

Ein Unterschied

ist dann vielleicht doch vorhanden.

Angenommen, es gibt offene und doping-freie Wettbewerbe, und es gibt genuegend Leute, die an den offenen Wettbewerben teilnehmen.
Auch ich vermute, dass die doping-freien Wettbewerbe monetaer und gesellschaftlich hoeher geachtet sein werden, also wird es Betrueger geben, die mit Hilfe von Mitteln, die in den doping-freien Wettbewerben verboten sind, dort Sieger werden wollen.

Der Unterschied zur jetzigen Welt ist der, dass es moeglicherweise weniger sind, die versuchen, dort erfolgreich zu sein - und dass sich die doping-freien Sportler selbst staerker fuer Anti-Doping-Strukturen einsetzen, da sie nun den Betrug der Betrueger staerker erleben. Das setzt allerdings voraus, dass in der doping-freien Zone die doping-freien Sportler deutlich in der Ueberzahl sind, und dass Doping-Strukturen in der doping-freien Szene nciht so fest verankert sind, wie dies in der heutigen Sportwelt der Fall ist.

Ich beziehe mich damit ausdruecklich auf die Dinge, die wir zum Beispiel in der Tour de France erlebt haben - als zum Beispiel das ganze Peloton aus Protest gegen den "Doping-Generalverdacht" protestiert hat. Und das, obwohl heute relativ klar ist, dass die Vorwuerfe vermutlich absolut wahr waren.

Bei Einrichtung von zwei Wettbewerben halte ich es fuer moeglich, dass die Sportler ihre Energie zur Verfolgung der Regelbrecher, und nicht zu pathetischen "Hört auf, uns zu beschuldigen!" Protesten verwenden koennten.

Doping? Meinetwegen. Aber bitte erst ab zwölf.

Letztlich ist es egal, ob man die Kinderseelen in der Leistungsmühle zermahlt oder dem Sportungeheuer zum Fraß vorwerfen.

Wir sollten beim Sport in der Anfangszeit, bis sich das Publikum an 10-jährige Weitspringer gewöhnt hat, Grenzen setzen, die fallen können, sobald aussichtsreicher Nachwuchs beim nächsten internationalen Sportfest Medaillenträume ermöglicht.

Der internationale Wettbewerb ist hart und wird immer noch härter. Wir müssen uns der Realität stellen!