Fett wie ein Turnschuh / Fett wie ein Turnschuh : "Meine Verwandlung in einen Deutschen"
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Wenn das iPhone es sagt, wird es schon stimmen

Wo war ich stehen geblieben?

Genau, meine Verwandlung in einen Deutschen.

Unter uns, ich habe keine Ahnung, wo diese Sache mit dem neuen Ich hinführen wird. Höchstwahrscheinlich werde ich, wenn alles wie geplant läuft, bald perfekt Deutsch sprechen, vielleicht sogar Plattdeutsch, und sehr schnell werde ich mich noch typischer deutsch verhalten: Ich werde an jedem Sonntag an Demonstrationen für die Freiheit Palästinas teilnehmen, jeden Montag bis spät in die Nacht unermüdlich obskure Fragen im Zusammenhang mit dem Ursprung der Windmühlen diskutieren, jeden Dienstag, Mittwoch und Donnerstag leidenschaftlich einen gewissen Jakob Augstein verteidigen, jeden Freitag Biobier trinken und jeden Samstag Nachmittag meine Empörung über die Ermordung der unschuldigen Indianer durch die rücksichtslosen Amerikaner zum Ausdruck bringen.

Das ist wirklich perfekt, denn all das wird sehr gut zu meiner neuen Traumunterwäsche passen.

Habe ich Ihnen schon von meiner Traumunterwäsche erzählt?

Naja, vielleicht ist das ein zu intimes Thema, um in aller Öffentlichkeit darüber zu sprechen.

Aber ganz egal, welche Unterwäsche ich trage, ich sollte natürlich gut darin aussehen.
Doch um das zu erreichen, brauche ich erstklassige Muskeln, solche, die zu den hinreißenden Farben meiner stolzen Flagge passen.

Dieses wunderschöne Bild von mir und der Flagge stellt mich vor ein enormes Problem, nämlich: Wie kann ich es schaffen, meine Muskeln in Form zu bringen?

Ich habe keine Ahnung.

Ich meine, ich weiß, dass ich Muskeln habe, irgendwo in meinem Körper versteckt, aber ich bin mir nicht sicher wo und welche.

Ich brauche Hilfe. Dringend.

Doch niemand rettet mich.

Und plötzlich dämmert es mir: Ich bin noch nicht vollständig typisch deutsch, weil ich noch zu keinem Verein gehöre.

Jeder lebende Deutsche ist Mitglied in einem Verein: einer evangelischen Stiftung, einer katholischen Organisation, einer anarchistischen Gesellschaft, einem Klub für kleine Schnurrbärte, einer antikapitalistischen Investmentfirma, einem ultra-atheistischen Gebetskreis... was auch immer. Und ich? Ich bin bloß ich. Mitglied keines Vereins.

Das muss sich ändern.

Und zwar sofort!

Die Ampel ist immer noch rot und mich plagen zwei schreckliche Probleme: Ich habe keine Ahnung, wo meine Muskeln sind, und kein eingetragener Verein weiß, dass ich existiere.

Könnte es sein, schießt plötzlich und wie durch ein Wunder der Ansatz einer Lösung direkt vom Mars in mein krankhaft individualistisches Hirn, dass es irgendwo einen Muskelverein gibt? Wenn ja, würde das meine beiden dringendsten Probleme lösen: Ich würde endlich herausfinden, wo meine Muskeln sind und würde gleichzeitig zu einem eingetragenen Mitglied eines Vereins.

Wäre das nicht toll?

Es wird Tag und dann wieder Nacht, und mein iPhone erinnert mich, dass ich einer Einrichtung namens Kieser Training einen Besuch abstatten sollte.

Wenn das iPhone es sagt, wird es schon stimmen.

Ich rufe bei Kieser an.

Um exakt 14:02 Uhr am nächsten Montag wird meine Wenigkeit seine Muskelvereinsreise beginnen und endlich vollständig typisch deutsch sein.

Hoffentlich springt die Ampel bald um. Wenn nicht, rühr ich mich nicht vom Fleck.

Aus dem amerikanischen Englisch von Tobias Schnettler

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Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Ampeln und mehr

Es stimmt, der Text ist nicht ganz so lustig, wie manch anderer von Tenenbom.

Aber wie ich so las, wie er an der roten Ampel steht und über Dinge nachdenkt, musste ich die ganze Zeit an eine andere Geschichte denken, die ebenfalls an einer roten Ampel spielt. (Ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich von dieser Geschichte und jedweder Moral derselben distanzieren, um die Löschung meines Kommentars zu verhindern. :)

Also, es soll sich begeben haben, dass zwei russischstämmige Herren zusammen mit anderen Menschen an einer roten Ampel warteten. Sei es, dass die Ampel besonders lange auf rot blieb, während kein Auto weit und breit zu sehen war, oder dass sie einfach nicht richtig funktionierte. Auf jeden Fall wurde es diesen beiden Herren zu öde, sie taten einen Schritt auf den Straßenasphalt und begaben sich auf die andere Straßenseite. Nach einer zögerlichen Sekunde folgte der Rest der Wartenden ihnen nach. Da schaute einer der beiden sich um, und sagte zum anderen: "Ja, die haben es echt schwer, ohne einen Führer..."