Fett wie ein Turnschuh"Meine Verwandlung in einen Deutschen"

Unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom hat keine Ahnung, wo seine Muskeln sind. Aber er braucht sie. Er sucht sie. Und wird dabei immer mehr zu einem echten Deutschen. von Tuvia Tenenbom

Tuvia Tenenbom und das Ampelmännchen

Tuvia Tenenbom und das Ampelmännchen  |  © Isi Tenenbom

Ich stehe heute hier vor Ihnen und sage ganz offen, direkt und gerade heraus: Es ist beängstigend.

Ja, das ist es.

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Beängstigend ist, wie ich betonen möchte, eigentlich noch der mildeste Ausdruck, den man in diesem Augenblick verwenden könnte. Die wahre, noch direktere Beschreibung wäre "welterschütternd".

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh".

Möchten Sie wissen, weshalb ich so geschockt bin?

Gut, ich verrate es Ihnen.

Ich bin jetzt seit einigen Wochen in Deutschland und stelle plötzlich fest, dass ich mich komplett verändert habe. Ja, wirklich.

Zum Beispiel gehe ich inzwischen nicht mehr bei Rot über die Straße. Wenn ich auf einer dieser verlassenen Straßen irgendwo in einem abgelegenen Schwarzwalddorf, wo bis Norwegen kein Auto auszumachen ist, eine rote Ampel vor mir sehe, dann mache ich keinen Schritt auf die Straße, bevor nicht der Berliner Ampelmann grün aufleuchtet.

Wäre das alles und hätte sich ansonsten nichts bei mir verändert, wäre das in Ordnung. Doch leider ist das nur der Anfang meiner Persönlichkeitsveränderung.

Während ich so an der Ampel stehe und warte, wie ein frommer Katholik auf eine Marienerscheinung, überkommen mich tiefgreifende intellektuelle Ängste.

Soll ich sie mit Ihnen teilen?

Gut, warum nicht.

Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber an genau dieser Kreuzung ohne jede Spur eines Autos, kann ich nicht umhin, an die Schönheit der deutschen Flagge zu denken. Ja. Ganz genau. Und dann erwarte ich, wie die meisten Deutschen, sehnlich den Beginn der nächsten Weltmeisterschaft, wenn meine Brüder und ich unsere Flagge immer und überall mit uns tragen dürfen.

Nein, es geht nicht nur darum, die Flagge zu tragen; es geht um viel mehr.

"Fett wie ein Turnschuh"

Hantelschwingen und Bodypumpkurse boomen: Allein in Deutschland gibt es knapp 6.000 Fitnessstudios. Dort trainieren mehr als sieben Millionen Menschen – mehr als der größte deutsche Sportverband, der DFB, Mitglieder zählt. Fast jeder zehnte Deutsche packt demnach seine Sporttasche und schwitzt an schwerem Gerät oder in Gymnastikkursen. Wieso ist der Fitnesssport so erfolgreich? Was fasziniert die Menschen daran? Und wieso?

Für unsere Kolumne Fett wie ein Turnschuh schicken wir den (noch) etwas korpulenten New Yorker Autoren Tuvia Tenenbom in die Welt der Fitten und Starken. Er lernt die Fitnessjünger kennen und nimmt ab. Alle zwei Wochen berichtet er auf ZEIT ONLINE von seinen Erlebnissen. Ausgewählte Kolumnen erschienen im illustrierten Buch Fett wie ein Turnschuh.

Weil ich immer noch darauf warte, dass die Ampel grün wird, sehe ich auf meine Schuhe hinab und beschließe sofort, mir ein Paar dieser Turnschuhe in Deutschlandfarben zu besorgen. Das wäre schön, oder?

Die Ampel ist immer noch nicht umgesprungen und ich denke weiter nach. Ich sollte außerdem, sage ich zu mir selbst, diese tollen, mit Flaggen bedruckten Sportsachen haben, die ich vor ein paar Tagen im Internet entdeckt habe.

Wenn ich in New York so lange an einer nicht befahrenen Straße stünde, würde mich der Polizeipräsident persönlich festnehmen, weil er mich für einen behinderten Terrorist halten würde.

Hier nicht.

Gott sei Dank bin ich in Deutschland: ein freier Mann.

Interessanterweise werde ich immer deutscher, je länger ich an der Ampel warte – und schon bald, wer weiß, werde ich wütend werden, wenn irgendein ignoranter Ausländer versucht, etwas Deutsches zu "verallgemeinern".

Doch heute Morgen, ich verrate es Ihnen, habe ich ein Exemplar der Bild-Zeitung gekauft.

Ja.

Wie fast alle der derzeit mehr als 80 Millionen Deutschen schwöre ich bei allem, was mir heilig ist, dass ich die Bild noch nie gelesen habe und es niemals tun werde. Und genau wie sie, zumindest wie täglich 14 Millionen von ihnen, finde ich dann aus irgendeinem Grund ein Exemplar der Bild in meiner Tasche.

Wie Sie bestimmt schon bemerkt haben, bin ich inzwischen fast vollständig konvertiert.

Die Ampel ist noch nicht umgesprungen, also hole ich die erfrischend neue Bild-Zeitung aus meiner Tasche.

Niemand ist in der Nähe und ich bin schon ganz aufgeregt. Ich kann es kaum erwarten, das 18,4-jährige nackte Mädchen auf der Titelseite der Bild anzusehen.

Doch zu meiner großen Enttäuschung ist auf der Titelseite nur ein Foto des 184-jährigen Papstes abgedruckt.

Ja. Ausgerechnet in dem Moment, in dem ich deutsch werde, verwandelt sich Kai Diekmann in einen puritanischen Amerikaner.

Was für eine schreckliche Welt.

Aber lassen wir Kai beiseite und reden wir weiter über mich.

Leserkommentare
  1. ich bin Deutsche und in KEINEM einzigen Verein Mitglied - also das gibts auch.
    Im Übrigen wirklich am besten das Knöppchen drücken, damit die Ampel umspringt - oder die Straße in der Mitte überqueren, das mach ich auch öfters. ;-)

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    Sie sind deutscher Urarier und nicht in einem Verein? Ich bin so urdeutsch ich bin im Trachten-, Schützen-, Dachs- und Kleingärtnerverein....

  2. Mein Vater kauft sie sich der Leserbriefe wegen...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Bild-Zeitung"
  3. Was soll die Figur des Tenenbom darstellen? Ein Jude, der übergewichtig ist und Klischees über Deutsche kennt.

    Ich werde daraus nicht schlau.
    Soll es mich unterhalten? Soll es witzig sein? Soll mich das aufklären? Muss ich zwischen den Zeilen lesen um die wahre Bedeutung und den journalistischen Wert dieses Artikels zu begreifen?

    Die BILD kann sowas gut gebrauchen denke ich mal. Man kennt nicht viele Juden und Artikel a la "89% der Menschen auf Mallorca hassen Deutsche" oder "Deutsche sind unbeliebte Touristen" passen auch zu gängigen Klischees. Als Jude kann er auch noch ergänzen "Ich bin Jude und ich bin deutsch" und "Was Juden über Deutsche denken".

    Naja...klärt mich auf. Und wenn ihr Jobs zu vergeben habt - Katholischer Priester mit magersucht und Klischees über Araber in petto. Schreibt mich an ;)

    Eine Leserempfehlung
  4. Schäme mich für die Zeit, die ich investiert habe um diesen bescheuerten Artikel zu lesen.

    Eine Leserempfehlung
  5. 21. Witzig,

    neulich sagte mein Sohn an unserer Stammkreuzung, dass man 'Fremde' z.B. Touristen daran erkenne, dass sie zwingend an einer roten Ampel stehen blieben, selbst wenn in der Straße der Verkehr aufgrund einer Baustelle ausgeschlossen ist.
    Er hatte so ein Pärchen beobachtet, dass ganz entzückt an der deutschen Ampel wartete, während die 'Einheimischen' munter ihres Weges gingen.

    Und, zweite Beobachtung, an mir und anderen - sobald Kinder einer bestimmten Altersspanne an einer Ampel stehen, bleiben die meisten auch bei roter Ampel und autofreier Straße stehen. Wir sind also nur heimlich undeutsch. Vor Kindern sind wir immer ganz deutsch ;D.

  6. Sie sind deutscher Urarier und nicht in einem Verein? Ich bin so urdeutsch ich bin im Trachten-, Schützen-, Dachs- und Kleingärtnerverein....

    Antwort auf "Herr Tenenbom,"
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    • gooder
    • 06. Februar 2013 22:39 Uhr

    Haben sie denn auch Gartenzwerge in ihrem Garten zu stehen und füttern sie die Vögel, für die sie sogar ein Vogelhäuschen gebaut haben, im Winter?

    • gooder
    • 06. Februar 2013 22:39 Uhr

    Haben sie denn auch Gartenzwerge in ihrem Garten zu stehen und füttern sie die Vögel, für die sie sogar ein Vogelhäuschen gebaut haben, im Winter?

    Antwort auf "Wie jetzt?"
  7. 24. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/au

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