Tuvia Tenenbom und das Ampelmännchen © Isi Tenenbom

Ich stehe heute hier vor Ihnen und sage ganz offen, direkt und gerade heraus: Es ist beängstigend.

Ja, das ist es.

Beängstigend ist, wie ich betonen möchte, eigentlich noch der mildeste Ausdruck, den man in diesem Augenblick verwenden könnte. Die wahre, noch direktere Beschreibung wäre "welterschütternd".

Möchten Sie wissen, weshalb ich so geschockt bin?

Gut, ich verrate es Ihnen.

Ich bin jetzt seit einigen Wochen in Deutschland und stelle plötzlich fest, dass ich mich komplett verändert habe. Ja, wirklich.

Zum Beispiel gehe ich inzwischen nicht mehr bei Rot über die Straße. Wenn ich auf einer dieser verlassenen Straßen irgendwo in einem abgelegenen Schwarzwalddorf, wo bis Norwegen kein Auto auszumachen ist, eine rote Ampel vor mir sehe, dann mache ich keinen Schritt auf die Straße, bevor nicht der Berliner Ampelmann grün aufleuchtet.

Wäre das alles und hätte sich ansonsten nichts bei mir verändert, wäre das in Ordnung. Doch leider ist das nur der Anfang meiner Persönlichkeitsveränderung.

Während ich so an der Ampel stehe und warte, wie ein frommer Katholik auf eine Marienerscheinung, überkommen mich tiefgreifende intellektuelle Ängste.

Soll ich sie mit Ihnen teilen?

Gut, warum nicht.

Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber an genau dieser Kreuzung ohne jede Spur eines Autos, kann ich nicht umhin, an die Schönheit der deutschen Flagge zu denken. Ja. Ganz genau. Und dann erwarte ich, wie die meisten Deutschen, sehnlich den Beginn der nächsten Weltmeisterschaft, wenn meine Brüder und ich unsere Flagge immer und überall mit uns tragen dürfen.

Nein, es geht nicht nur darum, die Flagge zu tragen; es geht um viel mehr.

Weil ich immer noch darauf warte, dass die Ampel grün wird, sehe ich auf meine Schuhe hinab und beschließe sofort, mir ein Paar dieser Turnschuhe in Deutschlandfarben zu besorgen. Das wäre schön, oder?

Die Ampel ist immer noch nicht umgesprungen und ich denke weiter nach. Ich sollte außerdem, sage ich zu mir selbst, diese tollen, mit Flaggen bedruckten Sportsachen haben, die ich vor ein paar Tagen im Internet entdeckt habe.

Wenn ich in New York so lange an einer nicht befahrenen Straße stünde, würde mich der Polizeipräsident persönlich festnehmen, weil er mich für einen behinderten Terrorist halten würde.

Hier nicht.

Gott sei Dank bin ich in Deutschland: ein freier Mann.

Interessanterweise werde ich immer deutscher, je länger ich an der Ampel warte – und schon bald, wer weiß, werde ich wütend werden, wenn irgendein ignoranter Ausländer versucht, etwas Deutsches zu "verallgemeinern".

Doch heute Morgen, ich verrate es Ihnen, habe ich ein Exemplar der Bild-Zeitung gekauft.

Ja.

Wie fast alle der derzeit mehr als 80 Millionen Deutschen schwöre ich bei allem, was mir heilig ist, dass ich die Bild noch nie gelesen habe und es niemals tun werde. Und genau wie sie, zumindest wie täglich 14 Millionen von ihnen, finde ich dann aus irgendeinem Grund ein Exemplar der Bild in meiner Tasche.

Wie Sie bestimmt schon bemerkt haben, bin ich inzwischen fast vollständig konvertiert.

Die Ampel ist noch nicht umgesprungen, also hole ich die erfrischend neue Bild-Zeitung aus meiner Tasche.

Niemand ist in der Nähe und ich bin schon ganz aufgeregt. Ich kann es kaum erwarten, das 18,4-jährige nackte Mädchen auf der Titelseite der Bild anzusehen.

Doch zu meiner großen Enttäuschung ist auf der Titelseite nur ein Foto des 184-jährigen Papstes abgedruckt.

Ja. Ausgerechnet in dem Moment, in dem ich deutsch werde, verwandelt sich Kai Diekmann in einen puritanischen Amerikaner.

Was für eine schreckliche Welt.

Aber lassen wir Kai beiseite und reden wir weiter über mich.