Christoph Frank ist ein Experte für die finsteren Seiten der Breisgauer Sportmedizin. Im vergangenen Herbst beendete der Oberstaatsanwalt das vorerst letzte Dopingverfahren in Freiburg – ohne öffentlichen Prozess. Schon ein Jahr zuvor hatte Frank desillusioniert zu Protokoll gegeben: "Ich erlebe hier, dass die Dopingszene exzellent organisiert ist, dass es gelingt, das Schweigen perfekt zu organisieren."

Frank untersuchte damals nur die Vorwürfe gegen die Ärzte des einstigen Telekom-Radstalls Andreas Schmid und Lothar Heinrich. Aber es war dieser Fall, der schon im Jahr 2007 harte Indizien dafür lieferte, dass im Breisgau eine Doktorenschaft wirkte, die Doping systematisch praktizierte. Weil das mit Steuergeldern geschah, gilt Freiburg seither als westdeutsches Abziehbild des DDR-Dopingstaatsplans.

Die Telekom-Doktoren waren in Freiburg nur die letzten in einer Medizinerreihe, die sich ganz der "Leistungsmaximierung" zum Wohl deutscher Medaillen widmete. Vor ihnen gerieten auf den Prüfstand: Herbert Reindell, in den fünfziger Jahren Begründer der "Freiburger Schule", dazu die Doyens der Sportmedizin Armin Klümper und Joseph Keul. Keul war bis zu seinem Tod im Jahr 2000 an der Albert-Ludwigs-Universität Vorgesetzter der Telekom-Ärzte. Und alle drei waren eng vernetzt im organisierten Sport – als Verbandsärzte und Betreuer der Olympiateams. Immer mal wieder fielen von ihnen umsorgte Topathleten als Doper auf. Wirklich gekümmert hat das Verbandsfürsten oder Politiker nicht. Einzelfälle, hieß es zumeist.

Nun sieht es ganz danach aus, als ob es bei dieser wenig glaubhaften Sicht auf die Breisgauer Spritz- und Schluckhistorie bleibt. Denn die eigentlich mit Aufklärung betraute Kommission unter Vorsitz der Kriminologie-Professorin Letizia Paoli von der Universität Leuven (Belgien) erhebt schwerste Vorwürfe gegen die Spitze der Freiburger Uni.

"Manipulierter Arbeitsauftrag. Die Evaluierungskommission sieht sich getäuscht und hintergangen", so überschrieb Paoli ihre 87 Seiten starke Erklärung samt Dokumentation. Kern: Der langjährige Rektor Wolfgang Jäger habe der Kommission den Arbeitsauftrag vorenthalten und "unzulässig eingeengt".

Jäger gab an, allein die Arbeit der erst 1974 gegründeten "Abteilung Leistungs- und Sportmedizin" sei zu untersuchen – nicht aber, wie Rektorat, Klinikvorstand und Vorstand der Medizinischen Fakultät 2007 festgelegt hatten, die Freiburger Sportmedizin "in ihren gesamten Aktivitäten während der vergangenen 50 Jahre". Also beispielsweise auch Reindell und Klümper.

Letizia Paoli bezeichnet das als bewusste "Des- und Falschinformation" mit höchst nachteiligen Folgen für ihre Arbeit. Erst im März 2012 habe sie – nach mühseligen Recherchen – die Gremienbeschlüsse samt offiziellem Arbeitsauftrag erhalten. Ob es "überhaupt noch" möglich sei, den zu erfüllen, stellen die acht hochkarätigen Wissenschaftler infrage.

Schlimmer kann es für die Universität kaum kommen. Hat sie Aufklärungswillen bloß vorgetäuscht? Hat Alt-Magnifizenz Jäger, immerhin zwölf Jahre an der Spitze der Hochschule, das "organisierte Schweigen" (Staatsanwalt Frank) im Breisgau noch perfektioniert?

Die Kommission liefert dafür viele Belege. Mit internen Briefwechseln, mit Schreiben und protokollierten Äußerungen von Jäger illustriert sie, wie sich die Einengung des Arbeitsauftrags abgespielt hat. Jäger selbst mochte der Kommission keine Auskunft geben, er wies Fragen zu den Vorgängen als "inquisitorisch" zurück. Dennoch ist auch sein Kommentar dokumentiert. "Absurd" sei der Manipulationsvorwurf, schrieb er dem aktuellen Rektor Hans-Jochen Schiewer. Er wisse nicht, welche Unterlagen die Aufklärer erhalten hätten. An die ihm zugeschriebenen Äußerungen habe er "keinerlei Erinnerung". Jäger merkt an, er habe "immer noch die Hoffnung, dass die renommierte Freiburger Sportmedizin nicht nur Schatten-, sondern auch Lichtseiten aufweise".