Das Archivbild aus dem Jahr 1998 zeigt Jan Ullrich vom damaligen Team Deutsche Telekom bei einem Belastungstest in der Uniklinik Freiburg. © Gero Breloer, DPA

Christoph Frank ist ein Experte für die finsteren Seiten der Breisgauer Sportmedizin. Im vergangenen Herbst beendete der Oberstaatsanwalt das vorerst letzte Dopingverfahren in Freiburg – ohne öffentlichen Prozess. Schon ein Jahr zuvor hatte Frank desillusioniert zu Protokoll gegeben: "Ich erlebe hier, dass die Dopingszene exzellent organisiert ist, dass es gelingt, das Schweigen perfekt zu organisieren."

Frank untersuchte damals nur die Vorwürfe gegen die Ärzte des einstigen Telekom-Radstalls Andreas Schmid und Lothar Heinrich. Aber es war dieser Fall, der schon im Jahr 2007 harte Indizien dafür lieferte, dass im Breisgau eine Doktorenschaft wirkte, die Doping systematisch praktizierte. Weil das mit Steuergeldern geschah, gilt Freiburg seither als westdeutsches Abziehbild des DDR-Dopingstaatsplans.

Die Telekom-Doktoren waren in Freiburg nur die letzten in einer Medizinerreihe, die sich ganz der "Leistungsmaximierung" zum Wohl deutscher Medaillen widmete. Vor ihnen gerieten auf den Prüfstand: Herbert Reindell, in den fünfziger Jahren Begründer der "Freiburger Schule", dazu die Doyens der Sportmedizin Armin Klümper und Joseph Keul. Keul war bis zu seinem Tod im Jahr 2000 an der Albert-Ludwigs-Universität Vorgesetzter der Telekom-Ärzte. Und alle drei waren eng vernetzt im organisierten Sport – als Verbandsärzte und Betreuer der Olympiateams. Immer mal wieder fielen von ihnen umsorgte Topathleten als Doper auf. Wirklich gekümmert hat das Verbandsfürsten oder Politiker nicht. Einzelfälle, hieß es zumeist.

Nun sieht es ganz danach aus, als ob es bei dieser wenig glaubhaften Sicht auf die Breisgauer Spritz- und Schluckhistorie bleibt. Denn die eigentlich mit Aufklärung betraute Kommission unter Vorsitz der Kriminologie-Professorin Letizia Paoli von der Universität Leuven (Belgien) erhebt schwerste Vorwürfe gegen die Spitze der Freiburger Uni.

"Manipulierter Arbeitsauftrag. Die Evaluierungskommission sieht sich getäuscht und hintergangen", so überschrieb Paoli ihre 87 Seiten starke Erklärung samt Dokumentation. Kern: Der langjährige Rektor Wolfgang Jäger habe der Kommission den Arbeitsauftrag vorenthalten und "unzulässig eingeengt".

Jäger gab an, allein die Arbeit der erst 1974 gegründeten "Abteilung Leistungs- und Sportmedizin" sei zu untersuchen – nicht aber, wie Rektorat, Klinikvorstand und Vorstand der Medizinischen Fakultät 2007 festgelegt hatten, die Freiburger Sportmedizin "in ihren gesamten Aktivitäten während der vergangenen 50 Jahre". Also beispielsweise auch Reindell und Klümper.

Letizia Paoli bezeichnet das als bewusste "Des- und Falschinformation" mit höchst nachteiligen Folgen für ihre Arbeit. Erst im März 2012 habe sie – nach mühseligen Recherchen – die Gremienbeschlüsse samt offiziellem Arbeitsauftrag erhalten. Ob es "überhaupt noch" möglich sei, den zu erfüllen, stellen die acht hochkarätigen Wissenschaftler infrage.

Schlimmer kann es für die Universität kaum kommen. Hat sie Aufklärungswillen bloß vorgetäuscht? Hat Alt-Magnifizenz Jäger, immerhin zwölf Jahre an der Spitze der Hochschule, das "organisierte Schweigen" (Staatsanwalt Frank) im Breisgau noch perfektioniert?

Die Kommission liefert dafür viele Belege. Mit internen Briefwechseln, mit Schreiben und protokollierten Äußerungen von Jäger illustriert sie, wie sich die Einengung des Arbeitsauftrags abgespielt hat. Jäger selbst mochte der Kommission keine Auskunft geben, er wies Fragen zu den Vorgängen als "inquisitorisch" zurück. Dennoch ist auch sein Kommentar dokumentiert. "Absurd" sei der Manipulationsvorwurf, schrieb er dem aktuellen Rektor Hans-Jochen Schiewer. Er wisse nicht, welche Unterlagen die Aufklärer erhalten hätten. An die ihm zugeschriebenen Äußerungen habe er "keinerlei Erinnerung". Jäger merkt an, er habe "immer noch die Hoffnung, dass die renommierte Freiburger Sportmedizin nicht nur Schatten-, sondern auch Lichtseiten aufweise". 

Die Landesregierung hat dem Treiben bisher zugesehen

All das wirkt befremdlich. Erst recht, da der Altrektor der Kommission auch ein Zeitzeugengespräch verweigerte. "Nicht zielführend", beschied Jäger knapp.

Die Wissenschaftler hatten ihr Begehr mit dem "hochpolitischen Umfeld" begründet, in dem die Freiburger Sportmedizin agierte. Mit dem hat auch Oberstaatsanwalt Frank Erfahrung. Schon in den achtziger Jahren ermittelte er gegen Armin Klümper. Zwar nur wegen Abrechnungsbetrugs. Aber damals erlebte er, wie sich mit "dem Doc" solidarisierte, was Rang und Namen hatte im Spitzensport: Fußballer wie die Hoeneß-Brüder, Turn-Weltmeister Eberhard Gienger oder Fecht-Olympiasiegerin Anja Fichtel. Kurz nach dem Urteil gegen ihn wurde Klümper bei einem Empfang von Prominenz aus Landes- und Sportpolitik hofiert. Das habe ihn, sagte Frank, "erstmals für ein bestimmtes Klima sensibilisiert".

Vielleicht ist dem Breisgauer Klima auch die jüngste Reaktion auf die Vorwürfe der Paoli-Kommission zuzurechnen. "Sachlage eindeutig: Keine Hinweise auf ‚Manipulation’ des Arbeitsauftrags durch Altrektor Jäger". So konterte die Universität am Mittwochabend. Pikanterweise wird als Beleg ein Schreiben von Jäger zitiert, dessen angebliches Gewicht die Kommission bereits entkräftet hat. Dass die Universität dergleichen beiseite wischt, macht das Zerwürfnis perfekt.

Der aktuelle Rektor Schiewer übrigens hatte Paoli vorab gewarnt, in Sachen Arbeitsauftrag die Öffentlichkeit zu informieren: "Eventuelle Kritik muss im Rahmen des Abschlussberichts geäußert werden." An ihn ist in der Dokumentation die Frage adressiert, warum er Recherche-Ergebnisse zur Auftragsmanipulation seit Monaten ignoriere. Das dürfte nun auch – falls es dafür nicht zu spät ist – Theresia Bauer interessieren, die Wissenschaftsministerin von Baden-Württemberg.

Ihr Haus erklärte am Donnerstag lapidar, es wünsche eine "konstruktive Einigung". Obgleich die Grünen-Politikerin von der Kommission informiert wurde, hat die Landesregierung dem Treiben an der Freiburger Universität bisher ohne öffentlich wahrnehmbares Interesse zugesehen. Wohl kaum, weil die Aufklärung im Breisgau so toll läuft.