Fußball in BerlinHelden für einen Tag

Berlin platzt vor Coolness, doch über den Hauptstadtfußball lachen alle. Nur beim Derby können sich Berlins Fußballer einmal wie die ganz Großen fühlen. von 

Herthas Ronny freut sich über sein Tor

Herthas Ronny freut sich über sein Tor  |  © Rainer Jensen/picture alliance/dpa

Der große David Bowie hat wieder ein Lied gesungen. Where are we now, seine erste Single seit fast einem Jahrzehnt, ist eine Liebeserklärung an Berlin. Dessen Ureinwohnern und Zugezogenen schwillt die Brust, wenn der Meister "Sitting in the Jungle, on Nürnberger Straße, a man lost in time, near KaDeWe" ins Mikrofon haucht.

Bowie ist nicht der Einzige.

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Wer etwas auf sich hält, macht Berlin den Hof. Kaum ein Sänger, Schauspieler oder Künstler von Weltrang, der in den vergangenen Jahren nicht eine Altbauwohnung in der Torstraße beziehen wollte. Kaum ein Tourist, der mit seinem Rollkoffer nicht über die schiefgetretenen Gehwegplatten der Gegend rumpelte, um in den Hostels zwischen den Star-Altbauten abzusteigen. Berlin ist die Hauptstadt des Cool. Nur mit dem Fußball, dem mittlerweile coolsten Sport der Welt, tut die Stadt sich schwer.

Berlin ist die einzige europäische Hauptstadt ohne einen Klub in der höchsten nationalen Spielklasse. London hat sechs Vereine in der Premier League, Madrid hat Ronaldo, Mourinho und Falcao, Paris hat Ibrahimovic und Beckham, Rom immerhin noch Miro Klose. Und Berlin? Hat Ronny und Torsten Mattuschka.

Vielen völlig schnuppe

Ordentlichen Fußball gibt es in Berlin nur zu sehen, wenn die Nationalmannschaft vorbeischaut, und beim jährlichen Pokalfinale. Berliner Fußballer dürfen bei beiden Gelegenheiten nur zusehen. Fußball wäre in Berlin eine Randsportart, gäbe es da nicht seit Kurzem diese zwei Spiele pro Jahr, an denen sich Berliner Fans und Fußballe endlich einmal ernst genommen fühlen dürfen: die neuen Derbies.

Wenn die Hertha gegen Union spielt, ist fast alles wie bei den Großen. 74.244 Zuschauer kamen an einem eisigen Montagabend ins Berliner Olympiastadion – es gibt wohl kaum einen Zweitligakick auf der Welt, der besser besucht ist. Die großen Berliner Tageszeitungen schrieben ihre Papierseiten und das Internet voll. Das Spiel wurde live im Free-TV übertragen. "Es war eine fantastisse Panorama", sagte Herthas Coach Jos Luhukay nach dem Spiel. Kein Schreibfehler, der Mann ist Holländer.

Doch schon ein Blick auf die Helden dieses Abends zeigt, dass die fußballerische Qualität einer Partie nicht im Zusammenhang mit dem Brimborium stehen muss. Zum einen wäre da Torsten Mattuschka, der Kapitän der Unioner, schon seit 2005 im Verein, als der noch in der 4. Liga rumgurkte. Schon damals wirkte der Mittelfeldspieler, als ob er immer ein paar Kilo zu viel über den Platz bewegen müsste. Auch heute würde er mit seinem Bewegungsablauf in keiner Thekenmannschaft auffallen. "Ich bin sicher nicht die Elfe, die über den Platz schwebt", sagte er kürzlich. Dafür könne er aber auch mal ordentlich dazwischenschroten und hat, welch seltsame Kombination, auch ein erstaunlich feines Füßchen. Beim 2010er Derby im Olympiastadion zirkelte er den entscheidenden Freistoß ins Hertha-Tor. In diesem Jahr bereitete er beide Treffer vor, bevor er von Krämpfen geknechtet ausgewechselt wurde.

Der andere Held, Herthas Held, heißt Ronny. Ronny kommt nicht aus Marzahn, Cottbus oder Suhl, wie es der Name vermuten lässt, sondern aus Fortaleza im Norden Brasiliens. Ronny wurde vor ein paar Jahren nach Berlin geholt, weil sein größerer Bruder Raffael schon bei der Hertha spielte. Mittlerweile musste die Hertha Raffael verkaufen. Sie brauchte das Geld. Ronny kompensiert den Verlust seither mit Toren, keiner traf in der Liga häufiger als er. Gegen Union schoss er die Hertha mit seinem zwölften Saisontor kurz vor Schluss immerhin zum 2:2. Anschließend fiel er beim Jubeln über einen Schneehaufen auf der Laufbahn, konnte aber nach kurzer brasilianischer Irritation weiterspielen.

Mattuschka? Ronny? Obwohl das Spiel zumindest zum Ende hin kurzweilig und die Stimmung gut war, fand diese Partie in einer sportlichen Parallelwelt statt. Niemand wird auf die Idee kommen, dieses Derby könne ins deutsche Fußballgedächtnis eingehen. Es wäre nicht einmal übertrieben zu sagen, dass diese Partie außerhalb des Berliner Autobahn-Ringes jedermann völlig schnuppe war, wie der Berliner sagt. Aber warum eigentlich?

Leserkommentare
  1. Im Selbstverständnis der Berliner muss die Hertha eh jedes Jahr für's Champions-League-Finale gesetzt sein. Was denn sonst? Ohne Wildcard wird das aber eher schlecht funktionieren. Klar sollte Hertha Bundesliga spielen, wenigstens das. Hertha BSC ist jedoch ein Trauerspiel, noch schlimmer als der 1. FC Köln und das will was heißen. Irgendwie aber symbolisch für Berlin, wo man sich gern darauf herausredet, dass das Nicht-Funktionieren unheimlich cool ist. Ist Berlin vielleicht doch nicht so cool? Ein vermessener Gedanke.

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  2. mag zwar der beliebteste Sport weltweit sein, zumindest aus eurozentristischer Sicht,aber er ist ganz bestimmt nicht der coolste Sport. Wenn es um Athletik und Show geht liegen Basketball und American Football ganz weit vorne.

    Fußball ist zwar hin und wieder spannend und liebe meinen Verein,aber er ist auch rückständig und manchmal zu proletenhaft

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    ...muß man dort doch mindestens 2 m groß sein und unter dem Korb stehen 2,20 m große Center rum und stopfen den Ball in den Korb.
    Fußball kann jeder spielen, ob lang oder kurz, der Beste, Messi, ist auch einer der kürzesten. Das ist cool!

    es geht aber nicht um Athletik und Show, sondern genau um den unbedingten Siegeswillen, Zusammengehörigkeitsgefühl, Geschlossenheit, Emotion, Leidenschaft - und das schließt auch die Proleten (ihr Ausdruck) mit ein. So ist es zumindest derzeit noch partiell, bis wohlhabende Unterhaltungswütige wie Sie den Fußball vollkommen in ihren Bann ziehen und sich der Prolet zwecks Finanzierungslücke anderweitig beschäftigen muss....obwohl er schon viel länger da war, während Sie den Fußball wahrscheinlich seit 2006 verfolgen.

  3. ...muß man dort doch mindestens 2 m groß sein und unter dem Korb stehen 2,20 m große Center rum und stopfen den Ball in den Korb.
    Fußball kann jeder spielen, ob lang oder kurz, der Beste, Messi, ist auch einer der kürzesten. Das ist cool!

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    Antwort auf "Fußball"
  4. es geht aber nicht um Athletik und Show, sondern genau um den unbedingten Siegeswillen, Zusammengehörigkeitsgefühl, Geschlossenheit, Emotion, Leidenschaft - und das schließt auch die Proleten (ihr Ausdruck) mit ein. So ist es zumindest derzeit noch partiell, bis wohlhabende Unterhaltungswütige wie Sie den Fußball vollkommen in ihren Bann ziehen und sich der Prolet zwecks Finanzierungslücke anderweitig beschäftigen muss....obwohl er schon viel länger da war, während Sie den Fußball wahrscheinlich seit 2006 verfolgen.

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  5. ....und da hat der Mann einfach recht. Was mich halt stört, ist der Punkt, es wurde mit keinem Wort erwähnt, das wir seit '99 bei guten wie durchschnittlichen Seasons die Qualis für CL & UEFA-Cup erreicht haben, die Fast-Meister-Saison 2008/2009 blieb genauso unerwähnt. Ebenso die Entwicklung bei Union, total ignoriert das da was tolles entsteht. Wie oft wurde St.Pauli ob des Kultstatus in der Presse verwöhnt und gebauchpinselt. Nun ist Union DER Kultclub, zum. noch in Liga 2. Der letzte Satz allerdings war gut überlegt und damit hat er sein provinzielles Fussball-Denken ad absurdum geführt...

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    ... braucht es ungefähr so dringend, wie die tägliche Marienhof-Folge. Sie zeichnen sich, wie z. B. St. Pauli, mittlerweile in erster Linie dadurch aus, dass sie sich eine gerissene Marketingmasche zulegen. Einen St. Pauli-Totenkopf findet man längst auch auf Berghütten im Allgäu. Sie vermarkten (!) sich als antikapitalistisch (!), wodurch man schon sieht, was davon zu halten ist. Kultclubs leiden auch unter zu vielen Pseudofans, die mit der Welle mitschwimmen und auf einer Party keinen Fehler machen wollen, wenn man sie nach ihrem Lieblingsclub fragt.

    Deshalb sollte Union nicht nach dem überflüssigen "Kultclub"-Status streben, sondern einfach seinen Weg gehen. Aus der Entfernung betrachtet wirken sie sympathisch (z. B. die Haltung des Vereins zum Sichheitskonzept der DFL). Ein Potsdamer hat mich aber aufgeklärt, dass sowohl Hertha als auch Union von eher zweifelhaften Fans durchsetzt seien. Wenn schon Kultclub, dann hat er mir Babelsberg ans Herz gelegt. Die bilden sich was auf ihr linkes Anarchotum ein, ähnlich wie St. Pauli, seien aber angeblich authentisch.

    • kuhnepz
    • 13. Februar 2013 10:25 Uhr

    "Es wäre nicht einmal übertrieben zu sagen, dass diese Partie außerhalb des Berliner Autobahn-Ringes jedermann völlig schnuppe war, wie der Berliner sagt."

    Autobahnring ist etwas übertrieben; sagen wir mal: in Westdeutschland. Auch als Hertha in der Bundesliga ziemlich weit oben war und international mitspielte, ist das an den westdeutschen Kommentatoren ziemlich vorbeigegangen. Sie haben nicht einmal gemerkt, daß es Hertha und nicht "die" Hertha heißt. Wie soll man das auch mitbekommen, wenn man den Geruch der Schultheiss-Kneipen nicht mag?

  6. ... braucht es ungefähr so dringend, wie die tägliche Marienhof-Folge. Sie zeichnen sich, wie z. B. St. Pauli, mittlerweile in erster Linie dadurch aus, dass sie sich eine gerissene Marketingmasche zulegen. Einen St. Pauli-Totenkopf findet man längst auch auf Berghütten im Allgäu. Sie vermarkten (!) sich als antikapitalistisch (!), wodurch man schon sieht, was davon zu halten ist. Kultclubs leiden auch unter zu vielen Pseudofans, die mit der Welle mitschwimmen und auf einer Party keinen Fehler machen wollen, wenn man sie nach ihrem Lieblingsclub fragt.

    Deshalb sollte Union nicht nach dem überflüssigen "Kultclub"-Status streben, sondern einfach seinen Weg gehen. Aus der Entfernung betrachtet wirken sie sympathisch (z. B. die Haltung des Vereins zum Sichheitskonzept der DFL). Ein Potsdamer hat mich aber aufgeklärt, dass sowohl Hertha als auch Union von eher zweifelhaften Fans durchsetzt seien. Wenn schon Kultclub, dann hat er mir Babelsberg ans Herz gelegt. Die bilden sich was auf ihr linkes Anarchotum ein, ähnlich wie St. Pauli, seien aber angeblich authentisch.

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    • fbrunne
    • 13. Februar 2013 14:06 Uhr

    Zwei kleine Anmerkungen.
    1. Der 1. FC Union Berlin ist , war und will kein Kultklub sein. Wir sind wir. Wem es gefällt der soll kommen und MITMACHEN. Lauter, bunter, geiler: Union.

    2. Wenn Du Dir ein Bild von Union machen willst, dann komm vorbei und Du wirst sehen wie unsinnig die Worte Deines Potsdamer Freundes sind.

    Mit eigenen Augen sehen und Wissen erlangen, nicht hören und nachplappern!

    • blnhz
    • 13. Februar 2013 12:48 Uhr

    In welcher Parallelwelt lebt der Autor eigentlich? War er mal in der "Alten Försterei" und hat sich angesehen, was hier in den letzten Jahren entstanden ist? Und warten wir mal noch ein paar Jahre ab, bis die hochgelobten Sponsoren von Parallelweltenklubs wie Wolfsburg und Hoffendem ihre Lust verloren haben, ihr Mütchen zu kühlen. (So wie vormals bei LR Ahlen, Bayer Uerdingen oder dem FC Gütersloh.) Übrigens spielten vor Weihnachten im DFB Pokal Wolfsburg - Leverkusen (beides Erstligisten) vor nicht mal 15000 Zuschauern, am Tag zuvor in der 2. Liga Eintracht BS gegen Union Berlin vor über 20000. Sagt eigentlich alles aus, wo hier die Parallelwelten sind.

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  • Schlagworte David Bowie | Jos Luhukay | Markus Babbel | Free-TV | Fußball | Olympiastadion
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