Doping im Fußball : Die Dopinggeschichte des Fußballs

Fußball hat sich lange als sauberer Sport inszeniert, Doping wurde ignoriert oder kleingeredet. Das soll sich jetzt ändern, der Blutpass könnte kommen.
Rainer Koch (Mitte), Vize-Präsident des DFB und zwei Dopingkontrolleure © Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images

In dem einen Säckchen befinden sich Kärtchen mit roten Rückennummern, in dem anderen Sack schwarzen Nummern. Alles läuft unter Augenzeugen ab, aber trotzdem geheim. Der Dopingbeauftragte zieht in der Halbzeitpause jeweils zwei rote und zwei schwarzen Nummern, sie landen diskret in einem großen Briefumschlag, der anschließend verschlossen wird. Jeder der vier anwesenden Herren bestätigt auf dem Umschlag ein sachgemäßes Auswahlverfahren. In der 75. Spielminute treffen sich der Kontrolleur, sein Assistent sowie die Dopingbeauftragten der beiden Mannschaft am Spielfeldrand wieder. Auf Höhe der Mittellinie wird der Umschlag geöffnet. Jetzt steht namentlich fest, welche vier Bundesligaspieler zur Dopingprobe müssen. Zwei „Chaperon“ genannte Aufpasser lassen die betreffenden Profis ab jetzt nicht mehr aus den Augen und geleiten sie nach Abpfiff auf direkten Weg in den Dopingkontrollraum.

So zügig und professionell laufen Dopingkontrollen im deutschen Profifußball ab. Insgesamt aber hat sich der Fußball im Kampf gegen unerlaubte leistungssteigernde Mittel in der Vergangenheit nicht hervorgetan. Zuletzt provozierten Enthüllungen in Spanien Aufsehen. Im Prozess gegen Dopingarzt Eufemiano Fuentes wurde bekannt, dass Erstligist Real Sociedad San Sebastian von 2001 bis 2005 Fuentes mehr als 350 000 Euro für Doping-Behandlungen überwiesen hatte. Längst gilt: Wo der Ball auch rollt, der Verdacht kickt mit. Das soll sich nun ändern. Unter dem Druck der Welt-Anti-Doping-Behörde Wada will die Fifa in diesem Sommer beim Confed-Cup einen Blutpass einführen. Nach Jahrzehnten, in denen viele Funktionäre die Augen vor Doping verschlossen haben, sollen kontinuierliche Test Einzug halten und Blutprofile der Spitzenspieler angelegt werden. Fifa-Präsident Joseph Blatter kündigte an, „weiter gegen diese ernsthafte Bedrohung zu kämpfen“ und 2014 im WM-Jahr 2,5 Millionen Dollar in den Kampf gegen Doping zu investieren. Der Fußball will den Beweis antreten, dass er ein sauberer Sport ist.

Das wird nicht leicht. Schon die deutschen Helden von Bern müssen mit dem Vorwurf leben, sie hätten ihrem wundersamen Sieg im WM-Finale 1954 über Ungarn mit wundersamen Mittelchen nachgeholfen. Albert Sing, damals Quartiermacher der Deutschen, hatte in einem unbedachten Augenblick von Vitaminspritzen erzählt. Das war ziemlich nahe dran am Vorwurf von Ungarns Kapitän Ferenc Puskas, der 1957 in einem Interview einen ersten Verdacht erhoben hatte. Da war auch diese seltsame Gelbsucht-Epidemie, die so vielen Berner Helden zu schaffen machte und in deren Folge der Frankfurter Nationalspieler Richard Herrmann an einer Leberzirrhose starb, mit gerade 39 Jahren. Neuere Untersuchungen legen die Vermutung nahe, den Deutschen seien damals Amphetamine verabreicht worden. „Alles andere macht wenig Sinn“, sagt der Publizist Erik Eggers. „Vitamin C konnte man damals auch schon oral verabreichen, dazu brauchte man keine Spritzen.“

Beim Argentinier Diego Maradona war die Indizienlast erdrückend, als er 1994 nach dem WM-Spiel gegen Nigeria zur Dopingprobe musste. Maradona, damals schon 33 Jahre alt und für die WM in den USA aus dem Ruhestand geholt, war wie aufgedreht über den Platz gerannt, im ersten Spiel gegen Griechenland hatte er sogar ein Tor geschossen und daraufhin wie ein Verrückter in eine Kamera gebrüllt. In seinem Urin fanden sich allerlei verbotene Substanzen, unter anderem Ephedrin. Maradona wurde gesperrt, stritt zunächst alles ab und bezeichnete sich als Opfer einer Kampagne der Fifa. Sehr viel später erzählte er, die komplette Nationalmannschaft sei schon im Qualifikationsspiel gegen Australien gedopt gewesen – „sie haben uns etwas in den Kaffee gemischt, damit wir mehr rennen“.

Auch der Klubfußball hat seine Dopingvergangenheit. Bei Juventus Turin erhielt Mannschaftsarzt Riccardo Agricola 2004 wegen der Verabreichung von Epo eine Haftstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, in zweiter Instanz wurde Agricola freigesprochen. Wie übrigens auch ein Fußballheiliger der Gegenwart. Josep Guardiola kickte im Spätherbst seiner aktiven Karriere für Brescia Calcio und wurde Ende 2001 zweimal positiv auf Nandrolon getestet. Das Verfahren zog sich ein paar Jahre hin und fand mit Guardiolas Verurteilung zu vier Monaten Haft und 9000 Euro Geldstrafe nur ein vorläufiges Ende. Der künftige Bayern-Trainer beteuerte seine Unschuld, er trat den Gang durch die Instanzen an und wurde 2009 freigesprochen.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren