Diese Schienbeine haben schon die ein oder andere Grätsche überstanden.

Es gab eine Zeit, in der Grätschen das Zeug zu Legenden hatten. Bei der Fußball-WM 1970 trennte der Engländer Bobby Moore den brasilianischen Dribbler Jairzinho so kultiviert vom Ball, dass die Szene ins englische Fußball-Gedächtnis einging. Die Abwehraktion knapp über der Grasnarbe füllt bis heute Best-of-World-Cup-TV-Shows, ihr wird in dem Gassenhauer Footballs Coming Home eine Zeile gewidmet, bei YouTube schrieb jemand unter das zugehörige Video: "Ich bin Verteidiger und das ist wie ein Porno für mich."

Tatsächlich hat Moores Moment etwas Prickelndes. Wie er zurückweicht vor dem flinken Brasilianer, der den Ball so eng am Fuß führt. Wie er auf den richtigen Zeitpunkt lauert, wartet, bis Jairzinho in den Strafraum eindringt, die Zone höchster Gefahr, um dann jäh das Bein auszufahren. Moore kann den Ball sogar kontrollieren, rappelt sich auf und leitet den Gegenangriff ein, während Jairzinho mit der Nase im Rasen nicht weiß, wie ihm geschieht.

Ein anständiges Tackling gehörte lange zum Repertoire jedes Defensivkünstlers. Es kann, formvollendet ausgeführt, ebenso viel Beifall bringen wie ein Pass in die Tiefe oder ein Hackentrick. Manche Abwehrspieler verrichteten derart motiviert ihren Dienst vor allem in der Horizontalen. Auch auf niedrigerem Niveau übrigens, was bei der Vielzahl an deutschen Ascheplätzen dazu führte, dass manch Eiferer ganze Abende damit verbrachte, den Dreck aus seinen Brandwunden zu puhlen.

Doch die Grätsche ist bedroht. Der moderne Fußball tritt ihr von hinten in die Beine. Noch liegt sie auf dem Rasen und krümmt sich, bald aber könnte sie verschwunden sein. Wie die Manndeckung, der Libero, der Vokuhila.

Wenn grätschen, dann rücksichtsvoll

Wer den derzeit führenden Klubs der Fußballwelt zuschaut, dem FC Barcelona, klar, aber auch Bayern München und Borussia Dortmund, muss schon ganz genau hinschauen, um jemanden über den Rasen rauschen zu sehen. Seit Jahren wird immer weniger gegrätscht. Die Firma Impire wertet seit mehreren Jahren Statistiken zu Fußballspielen aus. Das Ergebnis verblüfft. Gab es 1998 in der Bundesliga noch 1.043 sogenannte Grätschenfouls, sank die Zahl seitdem kontinuierlich. Im Jahr 2012 wurden nur noch 367 gezählt. So wenig wie noch nie.

Schuld daran ist, was allgemein als "moderner Fußball" bezeichnet wird. Das Spiel wird schneller, da bleibt man als Defensiver lieber auf den Füßen statt wertvolle Zeit auf dem Grün liegend zu verplempern. Der Verteidiger von heute steht richtig und ist schnell genug, um den Ball abzulaufen. Die destruktive Grätsche mit zehn Metern Anlauf, das Showtackling an der Seitenlinie für Ego und Adrenalinspiegel braucht er nicht mehr.

"Unsere Abwehrspieler müssen auf den Beinen bleiben", sagte Joachim Löw vor der WM 2010. Grätschen und durch Grätschen verursachte Fouls würden die Mannschaft nur in Gefahr bringen, weil sie schwerer zu verteidigende Standardsituationen oder Gelbe und Rote Karten heraufbeschwören. Die Defensivgrätsche wird von Löw und seinen Kollegen des neuen Fußball-Jahrtausends nur als Ultima Ratio begriffen. Früher waren die Grasflecken auf der Hose eine Adelung für jeden Verteidiger, heute überführen sie ihn der Altertümlichkeit. Der Abwehrspieler von heute macht sich nicht mehr schmutzig.

Per Mertesacker beispielsweise gilt nach all den Vogts, Försters und Kohlers als erster moderner deutscher Verteidiger. Er bleibt fast immer in der Vertikalen. Auch die anderen deutschen Nationalverteidiger grätschen nur noch selten und wenn, dann fast rücksichtsvoll. Philipp Lahm zum Beispiel beherrscht die chirurgisch exakte Grätsche wie Bobby Moore vor 42 Jahren. Zur Legende wird der kleine Münchner mit solch einer Aktion heute kaum. Ein Rüffel von Joachim Löw ist da schon wahrscheinlicher. Der einzige deutsche Abwehrspieler, der mit sichtbarer Freude durch den Strafraum schlittert, ist Jerome Boateng, der deswegen auch als Risiko mit Schraubstollen gilt.

Ein zweiter Grund für das Grätschensterben sind die Regeln. Laut Fifa sollen Spieler bestraft werden, wenn sie mit "überzogener Härte" grätschen, selbst wenn sie den Ball spielen und ihren Gegenspieler nicht einmal berühren. Tacklings von hinten werden mittlerweile automatisch mit Platzverweisen geahndet. Verständlich, weil diese Attacken gesundheitsgefährdend sind. Doch was ist mit dem Tackling von der Seite oder von vorne, mit ritterlich offenem Visier?

Der Fußball verliert seine Viefalt

Kürzlich hat ein Foul des ehemaligen Hamburgers Vincent Kompany in England zu einer Slide-Tackling-Debatte geführt. Der Verteidiger, mittlerweile in Diensten des Meisters Manchester City, flog mit beiden Beinen voraus in seinen Gegenspieler. Er spielte zwar den Ball, sah aber  Rot. Sein Verein legte Protest ein und bekam Recht. Einige Kommentatoren waren entsetzt über die nachträgliche Aufhebung der Sperre. Andere, vor allem ehemalige Spieler, erleichtert. Sie fürchten um die Grundmauern des Spiels: "Wir lechzen nach Messis Fähigkeit, wir beneiden van Persie für seine Art, den Ball zu treffen, aber die Bewunderung für ein Tackling stirbt", schreibt Joey Barton, der in seiner Karriere nicht nur einige Quadratmeter Rasen zerstörte, in seinem Blog. "Leider sind Spieler, die ihre Gegner einschüchtern, um sich einen Vorteil zu verschaffen, unmodern geworden. Ruhe in Frieden, Tackling."

Nun müssen strengere Regeln nicht schlecht für den Fußball sein. Nach einer Fifa-Untersuchung wird jede vierte Verletzung durch Grätschereien verursacht und man muss schon sehr fußballromantisch veranlagt sein, um mit Tränen der Rührung an die Metzger des Fußballs zu denken: An Roy Keane, Uli Borowka ("Die Axt") oder Andoni Goikoetxea, den Schlächter von Bilbao, der Maradona und Bernd Schuster kaputt trat.

Doch die Entwicklung verändert den Charakter des Spiels. Hält der Trend an, verliert der Fußball seine Vielfalt. Die Kunst des Verteidigens würde sich künftig fast ausschließlich aufs Kollektiv, aufs Taktische beschränken. Auf Verschieben, Anlaufen und Stellen. Gepfefferte Zweikämpfe würden weniger, der Underdog seiner Chancen beraubt, weil die Besten geschützt werden. Der Fußball könnte körperloser, könnte zum hakenschlagenden, passhagelnden Playstation-Spiel werden.

Die Signalgrätsche wird überleben

Es ist damit zu rechnen, dass die Fifa die Regeln weiter verschärft. Sie schützt damit die Offensiven, die Künstler. Keinesfalls aber aus Gutmenschentum, sondern vor allem des schnöden Mammons wegen. Die Offensivspieler sind es, die für Tore und Schlagzeilen sorgen. Sie bringen dem Fußball die Milliarden. Ein grätschender Verteidiger lässt sich nicht gut verkaufen.

Einige Unterarten der Grätsche werden vielleicht überleben. Jene, die kompatibel mit dem modernen Spiel sind: Die Standgrätsche etwa, die vor allem der Dortmunder Sven Bender beherrscht. Bei dieser Art Abwehrspagat maximiert er seine Beinlänge und damit die Chance auf den Ball, bleibt aber gleichzeitig auf den Beinen, um notfalls schnell hinterher zu können. Ebenso die Signalgrätsche im Sturm, die das Aufbauspiel der gegnerischen Mannschaft stört, den Gegner zu einem Einwurf weit in der eigenen Hälfte zwingt und die als Zeichen an Mitspieler und Publikum verstanden werden kann. Nicht zu vergessen: die Torgrätsche, die auch die modernen Stürmer beherrschen.

Die Urgrätsche aber wird sich wahrscheinlich in die unteren Spielklassen zurückziehen. In der Kreisliga Leer (Ostfriesland) trabte unlängst der Libero des SV Ems Jemgum an den Spielfeldrand, um einen Anruf entgegenzunehmen. Sekunden später setzte er mit dem Handy in der Hand zu einer echt norddeutschen Grätsche an. Fast zwei Millionen Menschen haben sich das YouTube-Video angeschaut. Vielleicht die letzte Grätsche, die das Zeug zur Legende hat.